Hannover Hat es sie nun gegeben, die Päpstin Johanna oder nicht? Waren das Frühmittelalter und sein Christentum wirklich so düster, wie es die amerikanische Autorin Donna Cross beschreibt? Und wie ist es mit der Lebenswirklichkeit von Frauen zu diesem Zeitpunkt bestellt? Mit diesen Fragen hat sich die junge Theologin Ines Gora, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen auseinander gesetzt. Vor kurzem hat sie ihre Sicht der Dinge bei einer Veranstaltung der Katholischen Erwachsenbildung in Hannover zur Diskussion gestellt und sie wird es demnächst wieder tun (siehe unten).
Alte Legenden zu erhellen, dafür ist ein Blick in überlieferte Quellen erforderlich. Haben Zeitgenossen im 9. Jahrhundert bereits von einer Frau auf dem Stuhl Petri berichtet? Ines Gora forschte nach und fand: nichts! Weder Quellen aus dem 9. oder dem 10. Jahrhundert berichten von derartigen Geschehnissen.
Es vergehen, wie die Theologin weiter ausführt, 300 bis 400 Jahre, bis Johanna erstmals erwähnt wird. Erst im 13. Jahrhundert wird zum ersten Mal von einer Päpstin gesprochen, doch fallen die Überlieferungen höchst unterschiedlich aus.
Ines Gora nennt Beispiele: Die erste Chronik spreche von einer Frau, die aufgrund ihrer Begabung zunächst das Kurienamt und schließlich das Papstamt inne gehabt hat. Name und Herkunft würden hier jedoch nicht genannt. Ihr wahres Geschlecht werde aufgrund ihrer Kindsgeburt zu Pferde bekannt. Zur Strafe werde sie mit den Füßen am Schwanz des Pferdes festgebunden durch die Stadt geschleift, während dessen sie gesteinigt wird. Die Quelle berichtet von einer Inschrift, die das Geschehen bezeuge. Die zweite Chronik jedoch berichte von einer gebildeten Frau, die unter dem Deckmantel männlicher Kleidung zuerst das Notars-, dann mit Hilfe des Teufels das Kurien- und schließlich das Papstamt erlangt habe. Auch hier werde das weibliche Geschlecht durch die Geburt zu Pferde bekannt. Die Strafe gleiche der des ersten Berichtes, auch die Inschrift finde sich.
Und eine weitere Schrift sei nun bekannt geworden: Bereits aus dem Jahre 1278 sei die erste romanhafte Schilderung der Päps-tin überliefert. Es ist Martinus Polonus, auch Martin von Trop-pau genannt, der die Geschichte in Form eines kleinen Romans bietet. Ines Gora betont, dass diese Schrift wohl die Fantasie anderer angeregt habe: "Die weitere Ausgestaltung dieser Geschichte scheint nicht nur möglich, sondern fordert andere Autoren dieser Zeit geradezu heraus."
Bei Martin heiße es, dass nach dem Papst Leo IV. (847-855) Johannes Anglicus aus Mainz für einen Zeitraum von zwei Jahren, sieben Monaten und vier Tagen das Papstamt innegehabt habe und in Rom gestorben sei. Dieser Papst aber sei eine Frau gewesen, die schon in jungen Jahren von einem Liebhaber mit nach Athen genommen worden sei. Dort habe sie einen großen Wissensschatz erworben, der den aller anderen Menschen überstiegen habe. Später sei sie in Rom aufgrund ihres Ansehens und ihrer Gelehrsamtkeit schließlich einstimmig zum Papst gewählt worden. Ein Vertrauter habe sie geschwängert. Unwissend um ihren Zustand sei sie auf dem Weg von St. Peter zum Lateran von den Wehen überrascht worden und habe ein Kind geboren. Sie sei den Folgen der Geburt an gleichem Orte erlegen und später dann dort begraben worden.
Hier würden zum großen Teil schon die Geschehnisse genannt, die auch im Buch von Donna Cross vorkommen, legt Ines Gora dar. Sie fügt hinzu, dass nach ihrer Recherche zudem erstmals im 17. Jahrhundert Versuche unternommen wurden, die Legende zu überprüfen. Doch seien all diese Versuche, sogar bis in heutige Tage hinein, eher von dem erhofften Erkenntnisziel als von wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit gekennzeichnet. So sei beispielsweise von feministischer Seite versucht worden, die Existenz der Päpstin nachzuweisen, um erneut ein schlagkräftiges Argument gegen die katholische Kirche und ihre angebliche Frauen verachtende Einstellung zu haben: "Leider wird viel polemisiert, sodass die intensiven Versuche, dem Wahrheitsgrad der Überlieferung näher zu kommen, weniger der Wissenschaft gedient haben als vielmehr dem Zweck, dem durchaus hohen Anteil von Frauen in der Geschichte und ihre jeweilige Bedeutung mehr Nachdruck zu verleihen", findet die Wissenschaftlerin unter Berufung auf Elisabeth Gössmann.
Denn die Darstellung des Frühmittelalters als ein "frauenfeindliches Zeitalter", will Ines Gora der Amerikanerin nicht durchgehen lassen: " Das Frühmittelalter ist keineswegs einfach frauenfeindlich; eine derartige Perspektive ist verengt und vor allem mit einer Emphase vorgetragen, die einzig ein Verdrängtwerden von Frauen aus der Geschichte sehen will", sagt sie.
Nur ein Beispiel: Der im Gegensatz zur Existenz der Päpstin gesicherte Umstand, dass es durchaus berühmte und mächtige Äbtissinnen in englischen Klöstern gegeben habe, die in großem Umfang ihren Beitrag zur Christentums- und Missionsgeschichte, gerade auch in deutschen Landen, geleistet haben, werde einfach ausgeblendet.
Ines Gora urteilt: "Das Fehlen dieser Information ist vor allem deshalb so brisant, weil es die Wahrnehmung der zeitgeschichtlichen Situation verfälscht und damit die Bedeutung von Frauen im Frühmittelalter deutlich unterschätzt."
Vielleicht stecke aber Absicht dahinter: "Eine Aufnahme dieser geschichtlichen Befunde in den Roman hätte seiner Attraktivität geschadet, gerade weil es die christliche Kirche in einem helleren Licht hätte erscheinen lassen als vielleicht gewollt, ein Verdrängtwerden der Frauen aus der Geschichte wäre dann nicht mehr so einfach darstellbar."
Rüdiger Wala
Ines Gora wird sich am Freitag 12. November erneut einem
Seminar der Katholischen Erwachsenenbildung im St.- Clemenshaus in Hannover
der Diskussion stellen. Informationen unter Telefon (05 11) 1 64 05 40
Das Frankenreich im 9. Jahrhundert: Wir befinden uns in einer Zeit, als Aussatz noch für ein Fluch Gottes gehalten wird und ein junges Mädchen die Verantwortung für den Tod ihres Bruders tragen muss, weil sie heimlich das Lesen gelernt hat. Das Mädchen heißt Johanna von Ingelheim und ist die Hauptperson des Romans "Die Päpstin" von Donna W. Cross.
Johanna wächst als Tochter einer Heidin und eines Dorfpriesters auf, der die Geburt eines Mädchens für die gerechte Strafe seiner Sünden hält. Durch eine List widersetzt sie sich den Anweisungen ihres Vaters und erhält Unterricht in Latein und Griechisch. Das wissbegierige Mädchen zeigt sich unbeeindruckt gegenüber aller Tradition. Selbst vor hochrangigen Klerikern stellt Johanna scheinbar nicht zu widerlegende theologische Grundsätze durch logische Argumentation und Witz in Frage, so auch vor ihrem Lehrer der Domschule: "Und was die Willenskraft betrifft, sollte die Frau als dem Mann überlegen betrachtet werden, denn Eva aß aus Liebe zum Wissen und zum Lernen von dem Apfel, während Adam nur davon aß, weil Eva ihn gefragt hat, ob er ein Stück haben will."
Mit Verwandlungsfähigkeit und einer gehörigen Portion Mut gelingt der jungen Frau eine beeindruckende Karriere bis an die Spitze der Kirche: Johanna gibt sich als Mann aus und wird unter dem Namen "Johannes Anglicus" trotz einiger Unwegsamkeiten zum Papst gewählt.
"Die Päpstin", die monatelang sämtliche Bestseller-Lis-ten anführte, ist ein typischer Geschichtswälzer mit vielen Figuren, noch mehr Intrigen und natürlich einer unglücklichen Liebesromanze. Es ist durchaus spannend zu lesen, wie die Hauptperson sich in einer (Männer-)Welt aus Wissen, Unwissen, Glauben und Aberglauben behauptet. Einige Wendungen des Romans sind jedoch zu konstruiert, um glaubwürdig zu erscheinen. Nur ein Beispiel: So erleidet Johannas Vater just in dem Moment einen Schlaganfall, als er vor ihren Mitbrüdern ihre wahre Identität aufdecken will.
Ebenso typisch für historische Erzählungen ist die Verquickung von Wirklichkeit und Dichtung, die Donna W. Cross gut gelingt. Die einzelnen Lebensstationen Johannas, die in historischen Quellen nicht verbürgt sind, werden geschickt mit tatsächlichen Geschehnissen des 9. Jahrhunderts verknüpft.
Die Gefahr, Erdachtes für geschichtlich wahr zu halten, ist damit recht groß. Für den Roman ist dies durchaus einträglich, zumal sich um die Frage, ob Johanna von Ingelheim tatsächlich gelebt hat, jahrhundertealte Legenden ranken. Somit lässt diese Vorgehensweise der Vermischung von Wirklichkeit und Dichtung Fragen nach der historischen Wahrheit geschickt in den Hintergrund treten.
"Die Päpstin" ist ein gut geschriebener Unterhaltungsroman, der besonders an kalten Winterabenden zum Schmökern einlädt. Wer sich ein paar Stunden ins Mittelalter entführen lassen und eine außergewöhnliche Frauengestalt kennen lernen will, dem sei der Roman empfohlen. Als historischer Tatsachenbericht ist er jedoch gänzlich ungeeignet.
Stefanie Barhorst
Buchinfo:
Donna W. Cross, "Die Päpstin" , Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 1999.
566 Seiten. 19,80 Mark
ISBN: 3-7466-1400-7.