Streiter für Menschenrechte

Der Jesuit Friedrich Spee trat nicht nur für "Hexen" ein

 

Göttingen (hm) ­ Er versuchte sie zu retten: die Frauen und Männer, die von Denunzianten, Anklägern und Richtern in den Flammentod geschickt wurden. Der Jesuit Friedrich Spee (1591­1635) erkannte den Wahn hinter der Verfolgung angeblicher Hexen. Mutig trat er dagegen ein ­ für die Menschenrechte und die christliche Nächstenliebe. Glaube und Gewissen zwangen ihn dazu. Auch wenn ihn das selbst in Gefahr brachte.

In der Göttinger St.-Michael-Gemeinde verschafft derzeit eine Ausstellung Einblicke in das Leben und Werk des Menschenrechtlers, Seelsorgers und Dichters (siehe auch rechts). Zusammengestellt hat sie Dr. Peter Keyser von der Friedrich-Spee-Gesellschaft in Trier, wo der Jesuit auch begraben ist. Keyser hielt jetzt einen Vortrag über Spee.

Friedrich Spee habe sicher nicht an die Existenz von "Hexen" geglaubt, so Keyser. Als Beichtvater hat der Jesuit die Verurteilten oft bis zum Tod begleitet. Gegen die grausame Verfolgung wollte er ankämpfen. Er tat es vor allem mit seiner Schrift "Cautio Criminalis" (deutsch etwa: Vorsicht bei Strafsachen oder: Über die Prozesse gegen Hexen ()). Obwohl sie 1631/2 zunächst anonym erscheint, wird in einem Brief schon bald von der Autorenschaft Spees gesprochen.

Doch schon früher hat er sich eingesetzt für Menschenrechte. Und schon früher hat er sich damit in Gefahr gebracht. 1629 wird er auf dem Weg nach Woltdorf bei Peine bei einem Mordanschlag schwer verletzt. Spee war hier eine Zeit lang als Missionar tätig. Wer sich engagiert für Menschenrechte und gegen den Krieg, für Hungernde und Ausgestoßene (Pestkranke), lebt gefährlich. Erst recht, wenn er die Herrschenden offen kritisiert und verwarnt. Keyser: "Spees Beweggrund war die Sorge um den Glauben, den er in Gefahr sah."

Heute wird Spee nicht nur deshalb als Vorbild geschätzt. Sondern auch, weil er ­ früher als andere ­ ein Andachtsbuch für eine geistliche Frauengemeinschaft schrieb. Etwas, das die Damen nach dem Willen der geistlichen Männerwelt weder benötigten noch bekommen sollten.

 

 

Das aktuelle Interview zum Thema

 

"Den Mund aufmachen"

Friedrich Spee als Vorbild für politisches Engagement

 

Göttingen (hm) ­ Der Jesuit Friedrich Spee stritt für die Menschenrechte. Manchmal auch gegen den Gehorsam, den er seinem Orden geschworen hatte. Über Spee sprach die KiZ mit seinem modernen Ordensbruder, Pater Heribert Graab, Pfarrer von St. Michael, Göttingen:

Frage: Was hat Friedrich Spee uns heute noch zu sagen?

Graab: Ein wichtiger Anknüpfungspunkt ist das Thema Menschenrechte. Zu Spees Zeit haben die Hexenprozesse die Menschenrechte aufs Tiefs-te verletzt ­ schlimmerweise mit Unterstützung der Kirche und zum Teil auf ihr Betreiben hin. Heute werden die Menschenrechte auch vielerorts verletzt, zum Teil in ähnlicher Weise. In weit über 100 Ländern wird gefoltert. Folter war ein wesentliches Element der Hexenprozesse. Das ist ein bedeutender Punkt, an dem man auf Spee verweisen kann.

Frage: Was heißt das?

Graab: Es ist nicht getan mit dem karitativen und seelsorglichen Dienst ­ so wichtig und nötig die beiden sind. Spee hat in diesen Bereichen selbst viel geleistet. Er hat zum Beispiel Pestkranke gepflegt, bis zum Letzten. Bis er selbst an der Pest erkrankte und schließlich starb. Und er hat unzählige "Hexen" bis zum Feuer begleitet. Aber daneben ist auch das politische Engagment nötig. Spee hat das mit seinen Mitteln getan ­ das waren die schriftstellerischen. Seine "Cautio criminalis" ist dabei das Höchste. Damit wendet er sich gegen Folter und gegen die Hexenprozesse. Aber es gibt auch viele andere Möglichkeiten, sich zu engagieren. Entscheidend ist, den Mund aufzumachen. Wir können es uns nicht leisten, uns auf den karitativen Dienst zurückzuziehen. Das flickt nur an den Symptomen. Wenn wir das Übel an den Wurzeln packen wollen, müssen wir uns politisch engagieren.

Frage: Wie sieht das in Ihrer Gemeinde St. Michael aus?

Graab: Wir müssen unseren Mittagstisch für Bedürftige kommunalpolitisch stützen. Das heißt: Kontakte halten, runde Tische veranstalten, Öffentlichkeitsarbeit leisten, im Gespräch bleiben mit Institutionen und Verbänden. Letztes Jahr haben wir uns zum Beispiel beteiligt an der Aktion "Die Stadt gehört allen". Da haben wir uns auf dem Marktplatz vorgestellt mit dem Mittagstisch, es waren auch einige der Gäste vom Mittagstisch dabei. Es gibt immer wieder Auseinandersetzungen wegen dieser Einrichtung unserer Gemeinde. Die umliegenden Geschäftsleute beschweren sich über die Bedürftigen, die dorthin kommen. Entscheidend ist, sich einzusetzen ­ mit den Möglichkeiten, die man hat.

Frage: Denken Sie, es ist in der Kirche heute populär für politisches Engagement einzutreten?

Graab: Man muss sicher gegensteuern gegen die Meinung "Politik ist ein schmutziges Geschäft". Sicher ist sie das in vielen Bereichen. Aber man kann eben keine sauberen Finger behalten. Das heißt: Man muss sich politisch engagieren, wenn man etwas verändern will. Auch wenn man mit Frustrationen rechnen und leben muss.

 

Ausstellungstip

Noch bis Sonntag, 14. November, sind Leben, Werk und Zeit Friedrich Spees auf 24 Schautafeln zu erkunden in der Göttinger Kirche St. Michael (Turmstraße / Innenstadt). Die Kirche ist ganztägig geöffnet. Weitere Informationen gibt es im Pfarramt unter Telefon (05 51) 54 79 50.

 

Archiv November 1999