Er hätte bestellt gewesen sein können oder hätte zumindest gut in eine Inszenierung gepasst, der "Vinzenz-Bruder", einer von denen, die sich regelmäßig ihr Essen kostenlos im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in der Neuen Straße in Hildesheim holen: Er hatte sich zur Vorstellung des neuen Buches über die Hildesheimer Vinzentinerinnen in der Buchhandlung Gerstenberg-Bernward im Tempelhaus am Marktplatz eingefunden. Und er kam gleich zur Sache: Wie die Vinzentinerinnen denn diese Verpflegung für Bedürftige es ist übrigens das gleiche Essen aus der Mutterhaus-Großküche, das auch für die Schwestern und das Altenheim gekocht wird finanzierten. Immerhin waren es in der Zeit von 1986 bis 1993 jährlich zwischen 10 000 und 18 000 Portionen, wie aus dem Buch zu entnehmen ist.
Das Buch trägt den Titel "Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Paul in Hildesheim von 1852 bis zum zweiten Vatikanischen Konzil". Es handelt sich um die Doktorarbeit von Lieselotte Sterner aus Walsrode und ist in der Reihe "Quellen und Studien zur Geschichte des Bistums Hildesheim" erschienen. Doktorvater und Mitherausgeber Professor Dr. Hans-Georg Aschoff stellte die Arbeit vor, die Autorin gab einen Einblick in Methode und Ergebnisse, drei Vinzentinerinnen standen anschließend Rede und Antwort, moderiert von Weihbischof Hans-Georg Koitz. Die Halle des Tempelhauses war dicht besetzt.
Was bietet das Buch? Es beginnt mit einer kurzen, aber prägnanten Darstellung der sozialen Situation um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und referiert dann knapp über die sozial-karitativen Bestrebungen, aufgehängt an Namen und Persönlichkeiten, die auf die Zeichen der Zeit zu antworten versuchen. Interessant ist, wenn Lieselotte Sterner dabei auch den Protestanten Theodor Fliedner aufführt, der 1836 die Diakonissengemeinschaft in Kaiserswerth bei Düsseldorf gegründet hat, eine Gründung auf evangelischer Seite, die denen der sozial-karitativen Orden und Kongregationen der Katholiken entspricht.
Im Mittelpunkt steht natürlich die Entwicklung der Hildesheimer Kongregation, ausgehend vom Gründer Vinzens von Paul und der Gründung der Gemeinschaft der "Filles de la Charité" (Töchter der Nächstenliebe) 1633 über Straßburg und Paderborn bis hin zu den ersten Anfängen unter Bischof Eduard Jakob Wedekin 1652. Es ist die Geschichte eines rasanten Wachsens der Kongregation, die 1948 mit 140 Niederlassungen und 840 Schwestern ihre größte Ausdehnung erreicht.
Der Kulturkampf und seine Auswirkungen werden in ihrem konkreten Bezug auf eine betroffene Gemeinschaft lebendig: Alle Orden und Kongregationen sind in Preußen grundsätzlich verboten mit Ausnahme solcher, die sich der Kranken- und Altenpflege widmen. Wichtige Aufgabenfelder wie etwa Kindergärten und -heime werden den Vinzentinerinnen entzogen und was Alten- oder Krankenpflege ist, darüber wacht der Staat preußisch-pedantisch. Ähnlich anschaulich wird auch der Nationalsozialismus in seinen Auswirkungen auf die Vinzentinerinnen dargestellt; nur sind hier die Quellen nicht sehr ergiebig, da man aus Sicherheitsgründen schriftliche Unterlagen nach Möglichkeit vermied. Über die Arbeit in einem Übergangslager für Kriegsgefangene nach 1945 in Hannover und über die beiden Missionsspendenreisen 1949/50 und 1950/51 in den USA, alle verbunden mit dem Namen der Schwester M. Irmentrud, hätte man gern noch etwas mehr gelesen.
Es ist vermutlich Neuland, das Lieselotte Sterner betritt, wenn sie im Teil III ihres Buchs, "Die Organisation, Verwaltung und personelle Entwicklung der Kongregation", auch statistisches Material auswertet. Da erfährt man nicht nur etwas über Eintritts- und Austrittszahlen, sondern auch über die soziale Herkunft der Schwestern, über Eintrittsalter, berufliche Vor-, Aus- und Weiterbildung sowie Tätigkeit, über Todesalter und -ursachen. Tabellen und Grafiken machen diese Daten anschaulich.
Teil IV schließlich stellt die einzelnen Niederlassungen der Barmherzigen Schwestern ausführlich vor. Dabei sind die in der ehemaligen DDR und die in Peru ebenso wenig ausgespart wie die Episode in Quincy, Illinois/USA oder die Arbeit im Lager Friedland. Wer mitreden will, wenn über die Hildesheimer Vinzentinerinnen (und die in Hannover, Göttingen, Duderstadt, Kassel, Hamburg-Harburg, Salzgitter-Bad, Harsum und wo sonst sie noch wirken) gesprochen wird, sollte in dieses Buch geschaut haben. Lieselotte Sterner versteht es im Übrigen, ihre Forschungsergebnisse so darzustellen, dass man sie ohne besondere Schwierigkeiten lesen und verstehen kann.
Dr.Theo Lemmer
Lieselotte Sterner:
Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim von 1852 bis zum zweiten Vatikanischen Konzil.
384 Seiten. Fotos, Schaubilder, Tabellen. Verlag Hahnsche Buchhandlung Hannover. 78 Mark (ISBN: 3-7752-5526-5).