Salzgitter (wal) Die Zahlen sprechen Bände: Nach Schätzungen des Deutschen Bestattungsgewerbes werden mittlerweile zehn bis 15 Prozent aller Verstorbenen anonym bestattet insgesamt macht das 130 000 namenlose Beerdigungen jährlich, mit steigender Tendenz.
Die Ursache für diesen Trend hat oft den gleichen Ursprung: "Wer", so fragen sich viele, "wird sich einmal um mein Grab kümmern?" Auch in der St.-Marien-Gemeinde in Salzgitter-Bad wurde diese Frage von älteren Gemeindemitgliedern registriert und nun wird gehandelt. "Wir wollen ganz bewusst ein Zeichen gegen anonyme Bestattungen setzen", sagt Ortspfarrer Prälat Karl-Rainer Korten, der Dechant des Dekanates Salzgitter.
Wie soll dieses Zeichen aussehen? Der Friedhof der Gemeinde muss erweitert werden. Gut 15 000 Quadratmeter Fläche hat die Gemeinde dazugekauft. Ein Teil des neuen Friedhofgeländes wird als Rasenfläche mit Erdgräbern angelegt werden. Jede Grabstelle werde eine etwa 40 mal 40 Zentimeter große Steinplatte bekommen, die Rasenfläche werde von der Gemeinde gepflegt. "Sie können sich diesen Teil etwa so wie einen Soldatenfriedhof vorstellen", beschreibt Prälat Korten.
Ganz bewusst will die Gemeinde mit dieser Maßnahme "Orte der Trauer" ermöglichen, wie der Seelsorger herausstellt. Entfernt wohnende Angehörige oder Freunde der Verstorbenen können vor der Steinplatte ein ewiges Licht anzünden und auch einen Blumenstrauß in einer Erdvase aufstellen. Und bezahlbar sei das Grab auch, betont Prälat Korten weiter. Kurzum: Eine sinnvolle Maßnahme, damit, wie der Seelsorger es ausdrückt, "ein Friedhof kein Abstellplatz wird und jeder ein Erdgrab bekommen kann."
Für Prälat Korten hängt der Trend zu anonymen Bestattungen nicht nur mit möglichen geringeren Kosten oder mit der Frage nach der Grabpflege zusammen. "Auch der Glaubensverfall in der Gesellschaft hat etwas damit zu tun", betont der Seelsorger. Er beobachte, dass seit gut anderthalb Jahrzehnten die Totenkultur regelrecht zusammenfalle. Denn: "Wo kein Glauben, da ist auch keine Totenkultur", stellt Prälat Korten heraus.
Vor allem eines hat seine Einschätzung geprägt. Der Gemeinde-Friedhof in Salzgitter-Bad sei recht klein und liege mitten in der Stadt. Daher sei auch kein Platz für eine Kapelle. Die Trauerfeiern für Verstorbene fänden in der nahe gelegenen Kapelle auf dem evangelischen Friedhof statt. Die Folge: Nach der Feier muss mit dem Leichenzug eine viel befahrene Straße gekreuzt werden. "Sie glauben gar nicht, was man da erleben kann", betont Prälat Korten. Autofahrern könne deren Ungeduld förmlich angesehen werden: "Von denen hält niemand einen Moment inne", hat der Geistliche beobachtet.
Auch Passanten blieben nicht stehen, niemand nehme den Hut ab und ein Kreuzzeichen hat Prälat Korten noch nie gesehen. Im Gegenteil: "Die Menschen wenden sich ab, hasten weiter", berichtet Prälat Korten.
Wie groß der Anteil der Rasenfläche am erweiterten Friedhof der St.-Marien-Gemeinde wird, hänge von der Nachfrage ab, legt Prälat Korten dar. Bei der Vorstellung der Idee einer Rasenfläche mit Erdgräbern in der Gemeinde und vielen Gesprächen habe er schon ein großes Interesse verspürt. So werde auch für den zweiten Friedhof in der Seelsorgeeinheit, dem der Gemeinde St. Abdon und Sennen in Salzgitter-Ringelheim, über die Einrichtung einer ähnlichen Fläche nachgedacht.