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Nikolaus meint: "Wir sind das Volk"

Nikolausberger Jubiläum: Ein Musical über den Heiligen, die Menschen und Legenden feiert Uraufführung

 

Göttingen (hm) ­ "Jeder von euch kann der Nikolaus sein!", ruft die Erinnerung. Alle blicken verwundert auf sie: Frau Holle, der Kasper, Struwwelpeter, die Hexe und die Obdachlosen, die "Penner", das teuflische Vergessen, die Läuse. Und die Zuschauer in der evangelisch-lutherischen Klosterkirche Nikolausberg im gleichnamigen Stadtteil von Göttingen. Dort feiert das Musical "Lausige Zeiten" Uraufführung. Weil die Gemeinde ihr 1000-jähriges Bestehen feiert, hat sie sich jede Menge einfallen lassen, um den heiligen Mann zu ehren, nach dem sie benannt ist.

Zuerst aber zurück auf die Bühne: Aus einem Sack ziehen die Penner ein rotes Gewand und eine Mitra. Zunächst wehrt er sich, der Auserkorene, mag nicht glauben, dass er in das Nikolaus-Gewand schlüpfen soll. Darf. Doch die Botschaften sind klar: Alle Menschen sind gleich. Und: Jeder kann Gutes tun so wie Nikolaus. So wird aus dem Ängstlichen bald schon ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst ist, ein Selbst-Bewusster sozusagen.

25 Darsteller und zwei Chöre haben seit dem Frühsommer geprobt. Das rockige Musical ist zur Feier des Jahres komponiert worden von Lothar Teckemeyer (Text) und Wolfgang Teichmann (Musik). Die Geschichte in Kürze: Lausige Zeiten sind angebrochen ­ Läuse haben zusammen mit dem Vergessen die Macht übernommen. Die Menschen haben ihre eigentliche Bestimmung vergessen (Struwwelpeter etwa ist ein glatter, glatzköpfiger Versicherungsvertreter und kein rebellischer junger Mensch mehr). Die Nikolausberger Kirche ist in einen Schnellimbiss verwandelt. Die Menschen erinnern sich nicht mehr an das, was gut ist und wichtig im Leben. Im Kampf zwischen der engelhaften Erinnerung und dem satanischen Vergessen müssen sie das erst wieder erkennen

Keineswegs zufällig sind die Botschaften der Geschichte entstanden. Viel geforscht haben die Nikolausberger über ihren Namenspatron. Komponist Lothar Teckemeyer (51) nennt ein Ergebnis: "Nike war eine griechische Siegesgöttin und ,laos' heißt das Volk. Das Volk wird also siegen." "Irre" findet Diakonin und Musical-Pennerin Birgit Hecke-Behrends Verbindungen wie die zur Leipziger Nicolai-Kirche, in der 1989 die Wende zur Wiedervereinigung begann ("Wir sind das Volk!"). Auch Nikolaus war revolutionär: Er nahm von den Reichen und gab den Armen, er rettete Menschen, die verfolgt wurden.

Und so gibt es viele Geschichten ­ vom Wandel des Heiligen in eine rot gewandete Werbefigur durch Coca-Cola bis zur Verkehrung vom Retter in einen Rächer (im Struwwelpeter taucht der böse Niklas drei Jungen ins Tintenfass). Mit den Legenden will die Nikolausberger Gemeinde aufräumen (siehe auch Kasten rechts). Teckemeyers Fazit: "Nikolaus ist keine einzelne Person, er ist ein Programm." Eines, das Menschen dazu bewegen will, sich für Menschenwürde einzusetzen.

 

Infos

- Für welche Aufführungen des Musicals in Nikolausberg und St. Laurentius, Göttingen, es noch Karten gibt, erfahren Sie in der Gemeinde Nikolausberg, Augustinerstraße 17, 37077 Göttingen, Tel. (05 51) 29 66. Termine: 28. November; 3., 5., 6., 8. und 9. Dezember.

-Das Musical ist erschienen als Buch mit CD (Kos-ten: 30 Mark, erhältlich über die Gemeinde).

-Rollenhefte, Notenbücher und Infos über die Aufführungsrechte gibt es bei Bücherwurm, Lothar Teckemeyer, In der Worth 7, 37077 Göttingen, Telefon (05 51) 2 09 94 01.

- Im Pfarramt von Nikolausberg ist eine Unterrichtsmappe erhältlich für die Arbeit in Kindergärten, Schulen und Gemeinden. In 15 so genannten Bausteinen geht es um Nikolauslegenden, Nikolaus als Vorbild und vieles mehr. Enthalten sind zahlreiche Aktionsvorschläge. Preis: 18 Mark.

- Noch bis zum 6. Dezember ist eine Ausstellung rund um Nikolaus in der Klosterkirche zu sehen.

- Die Gemeinde ist jetzt ausgezeichnet worden von der evangelischen Landeskirche: mit einem Förderpreis für zukunftsweisende Projekte von Gemeinden (dazu gehört auch die Theatergruppe).

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