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Vom Rohmaterial bis zum Endprodukt bleibt alles in einer Hand

Behinderte fertigen Geschenkartikel aus Holz / Verkauf in Zusammenarbeit mit der KirchenZeitung

 

Wie lange Niklas diese Arbeit schon macht, weiß er nicht genau. Einige Jahre werden es schon sein. Vorsichtig sägt er aus einem kleinen Holzquadrat einen vorgezeichneten Stern aus. Geschick und Konzentration sind dafür nötig. Niklas ist einer von zwölf Mitgliedern der Kunstgewerbegruppe im hannoverschen Niels-Stensen-Haus. Das Haus unterhält eine Werkstatt für Behinderte und eine Ausbildungs- und Eingliederungswerkstatt.

Aus Niklas´ Stern wird in wenigen Tagen ein bunter Kerzenhalter geworden sein. Doch zuvor muss das Holzstück noch geschliffen, gebeizt, lackiert und mit einem anderen Teil verbunden werden. Für diese Arbeiten sind die anderen Mitglieder der Gruppe zuständig.

Nach und nach entstehen nicht nur Kerzenhalter, sondern auch Puzzle, Untersetzer, Fensterbilder, Schwingvögel, Drehfiguren und Schlüsselanhänger. "Wir fertigen hier 30 bis 40 verschiedene Artikel", sagt die Beschäftigungs- und Arbeitstherapeutin Anne Martens, die Leiterin der Gruppe. Ihre Mitarbeiter sind durchweg Behinderte: geistig Behinderte, Lernbehinderte mit Körperbehinderungen und seelisch Behinderte.

Dabei ist der Behinderungsgrad ganz verschieden. Während einige Gruppenmitglieder lesen und schreiben können, ist es anderen nicht einmal möglich, einen einzigen Buchstaben zu entziffern.

Einige der 20 bis 40 Jahre alten Mitarbeiter leben zu Hause oder bei ihren Eltern, andere im Wohnheim. Allen gemeinsam ist: Sie können auf Grund ihrer Behinderug nicht mehr, noch nicht oder noch nicht wieder einer Arbeit in einem gewöhnlichen Betrieb nachgehen.

"Unser Ziel ist es, diese Menschen wieder in den freien Arbeitsmarkt einzugliedern", sagt Anne Martens. Ein Ziel, das angesichts von vier Millionen Arbeitslosen immer schwieriger wird. Hinzu kommt: Es gibt immer weniger Arbeitsplätze für gering qualifizierte Menschen. Wenn es früher im Supermarkt jemanden gab, der die Einkaufswagen wieder zusammenschob, so wird das heute von den Kunden selbst erledigt. Und zahlreiche andere einfache Arbeiten wurden längst durch Maschinen ersetzt.

Im Niels-Stensen-Haus lernen die Behinderten Fähigkeiten wie Ausdauer und Konzentration, das Arbeiten in einer Gruppe und die Gewöhnung an einen strukturierten Tagesablauf. Morgens um acht beginnt die Arbeit, um Viertel nach drei ist Schluss. Zwischendurch gibt es zwei Pausen: Um 10 Uhr wird gemeinsam gefrühstückt, um 12. 30 Uhr gibt es Mittagesssen.

170 bis 220 Mark bekommen die Behinderten monatlich für ihre Arbeit in der Kunstgewerbegruppe ­ Geld, das ihnen zur freien Verfügung bleibt. Bei der Höhe des Lohnes spielen Betriebszugehörigkeit, Leistungsfähigkeit, Pünktlichkeit und das allgemeine Verhalten in der Gruppe eine Rolle.

Die Gegenstände, die von den Behinderten angefertigt werden, werden in einem Laden des Niels-Stensen-Hauses verkauft, sie sind darüber hinaus auch in anderen Läden von Behindertenwerkstätten in ganz Deutschland erhältlich. Rund 1500 Mark Umsatz macht die Kunstgewerbegruppe des Niels-Stensen-Hauses im Monat. Die Leser der KirchenZeitung haben jetzt die Möglichkeit, fünf Artikel im Direktvertrieb zu beziehen .

Über 300 Menschen arbeiten in der Behindertenwerkstatt des Niels-Stensen-Hauses, die meisten sind im Bereich der Industrie-Montage, in der Metall- und Kunststoffverarbeitung tätig .

"In der Kunstgewerbegruppe haben wir den Vorteil, dass unsere Mitarbeiter nicht nur einen kleinen Arbeitsschritt tun können, sondern an einem einzigen Produkt arbeiten. Sie können erleben, wie aus dem Rohmaterial das Endprodukt wird", sagt Anne Martens. Selbst die Verpackung der fertigen Kerzenhalter, Schwingvögel und Holzbroschen wird von der Gruppe erledigt.

Matthias Bode

 

 

Das Haus: 400 Plätze für Behinderte und Benachteiligte

Das Niels-Stensen-Haus in Hannover ist eine Einrichtung des Caritasverbandes für das Bistum Hildesheim. Das Haus gliedert sich in zwei große Bereiche: eine Werkstatt für Behinderte und eine Ausbildungs- und Eingliederungswerkstatt.

In der Behinderten-Werkstatt gibt es 320 Plätze im Arbeitsbereich, weitere 36 im Eingangs- und Arbeitstrainingsbereich. Gearbeitet wird in den Bereichen Holz, Metall, Kunsthandwerk, Montage, Verpackung, Küche, Wäschepflege, Nähen, Pflanzen- und Landschaftspflege, Lager und Transport, Aktenvernichtung, Druck- und Pa-pierverarbeitung, Buchbinden, Mik-roverfilmung und Büroarbeiten. In der Werkstatt arbeiten Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Behinderung.

Die insgesamt 100 Plätze in der Ausbildungs- und Eingliederungswerkstatt sind für benachteiligte deutsche und ausländische Jugendliche mit Lernbehinderungen, psychosozialen Beeinträchtigungen oder nationalitätsbedingten schulischen Defiziten. Berufsfelder sind dort Maler, Metallbauer, Installateur und Hauswirtschafter.

Partner der Einrichtung sind Industrie, Handel und Handwerk aus der Stadt Hannover und aus der Region.

Sowohl für die Behinderten als auch für die benachteiligten Jugendlichen werden Bildungs- und Freizeitmaßnahmen angeboten.

Das Niels-Stensen-Haus wurde 1971 gegründet und befindet sich seit 1977 am Engelbosteler Damm 72 im Gebäude einer ehemaligen Feinkostfabrik.

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