„Loben ist nicht lieben“, weiß der Volksmund. Und doch sind anerkennende Worte ein einfaches Mittel zur Motivation und Selbststärkung. Wenn man nicht in die Fallen tappt, die dem Lob auf dem Fuße folgen.

Kleinkinder haben es gut. Krakelige Buntstiftzeichnungen gelten als Meisterwerke, das erste „Geschäft“ ohne Windel als Wunderding, die frühen Flötentöne als Geniestreich. Je kleiner die Kinder, desto mehr Lob erfahren sie. Im Laufe der Zeit werden die Lobeshymnen dann leiser und seltener. Im Arbeitsleben – das erfährt beinnahe jeder, der in Lohn und Brot steht – sind anerkennende Worte rar wie Edelsteine. Viele Chefs fürchten bei allzu viel Schulterklopfen und warmen Worten Neid und Streit unter Mitarbeitern sowie überhöhte Gehaltsforderungen.
Gut für das Selbstwertgefühl
„Kinder verdienen Lob“, lächelt Professorin Heidi Keller indes Bedenken gegen die elterliche Bestärkung der ersten Wachstumsschritte weg. Die Entwicklungspsychologin untersucht an der Uni Osnabrück die Funktion und Häufigkeit von Lob in vielen Kulturen weltweit. In der westlichen Erziehung, so ihre Erfahrung, spielt das Lob vor allem deshalb eine herausragende Rolle, weil mit anerkennenden Worten das Selbstwertgefühl der Kinder unterstützt wird, die Haltung: Du bist gut, so wie du bist. Gesellschaften, in denen der Anpassung an die Gemeinschaft mehr Bedeutung beigemessen wird, tritt oft der Tadel an seine Stelle. Mit anderen Worten: Lob macht frei, Tadel verpflichtet.
Hart scheint der Bruch im Laufe des Aufwachsens. Herrscht in den ersten Lebensjahren noch eine „Kultur der Anerkennung“ mit viel Lob, treten die Heranwachsenden mit Schule und Beruf in eine „Kultur der Konkurrenz“. Ein Einschnitt, der schon in der Grundschule deutlich zu spüren ist, meint Vera Schubert. Seit 30 Jahren Grundschullehrerin beklagt die erfahrene Pädagogin aus Bremen, dass „viele Kinder heute daheim derart über den Klee gelobt werden, dass sie in der Schule nur schwer zu motivieren sind“. Wenn das Pendel durch ständiges Loben in Richtung „Du bist klasse“ ausschlägt, verspüren Kinder wenig Drang zu Anstrengung und Veränderung. Beides unabdingbare Voraussetzungen für den Schulerfolg.
Ein Problem, das der Mannheimer Soziologe Oliver Dickhäuser als „Realitätsschock“ anschaulich beschreibt. Er betont, wie wichtig das bewusst gesetze Lob ist: „Es ist ein Unterschied, ob Eltern sagen ‚Du bist aber schlau‘ oder ‚Das hast du gut gemacht‘.“ Grundsätzlich sollte man seiner Meinung nach lieber Anstrengungen mit warmen Worten belohnen als Eigenschaften. Sonst wendet sich das Lob am Ende gegen denjenigen, den es doch bestärken soll.
Anstrengungen statt Eigenschaften belohnen
Professor Dickhäuser: „Zu häufiges Lob kann auch überfordern.“ Damit meint er die doppelzüngigen Effekte des Lobes: Wer für Banales gerühmt wird, dem traut man offenbar wenig zu. Und wem ständig überschwengliche Anerkennung entgegenschlägt, der überfordert sich gern mit Gedanken, immer nur Spitzenleistungen abliefern zu müssen.
Da bewahrheitet sich der Siegmund Freud zugesprochene Satz: „Gegen Angriffe kann man sich wehren, gegen Lob ist man machtlos.“ Ob er damit auf die Tatsache anspielt, dass nach anerkannten Studien seit jeher Jungen vor allem für Geschick und Intelligenz gelobt werden und Mädchen eher für ihr „braves“ Verhalten, sei dahingestellt. Denn in einem Punkt sind sich alle Experten heute einig: Lob ist ein wertvolles Instrument, für Erziehende wie für Vorgesetzte. Sparsam eingesetzt und bewusst ausgesprochen wirkt es bei Kleinen und Großen wahre Wunder.
Peter Beutgen
Zur Sache
Von der Wortherkunft stammt das Lob offenbar von „Laub“ ab. Auch der Begriff „Lorbeer“, aus dem einst Kränze für Feldherren und Kaiser geflochten wurden, steckt darin. Die Laudatio der Antike richtete sich immer von unten nach oben aus: Der Dichter aus dem Volk begründete mit anerkennenden Versen die herausragende Stellung eines über ihm Positionierten. Auch in den großen monotheistischen Religionen spielt das „Gotteslob“ in dieser Hinsicht eine zentrale Rolle in Kult und Gebet.
Gesellschaftliche Bedeutung bekommt das Lob heute als Motivationsinstrument in der Erziehung und der Mitarbeiterführung. Hier wird das Lob im Vergleich zu Antike und Mittelalter indes von oben nach unten ausgesprochen: Eltern ermuntern Kinder zu Lernfortschritten, Vorgesetzte belohnen durch Gesten und Worte Leistungen von Mitarbeitern. Wissenschaftlich erwiesen ist die Tatsache, dass wohlgesetztes Lob im Hirn des Empfängers die Bildung des Botenstoffes Dopamin begünstigt, der in der Lage ist, Wohl- und Hochgefühle auszulösen. (pb)