Glaube im Alter

„Dein Glaube hat dir geholfen"

So vielfältig wie die Lebensgeschichten sind auch die Glaubensbiografien der älteren Generation. Sie sind oft geprägt von markanten Lebensereignissen wie Geburt oder Verlust eines Kindes, Trennung, Berufswechsel oder Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sterben und Tod eines nahen Angehörigen. Wer solche Einschnitte erlebt, dessen Glaube erhält einen einen ganz neuen Zuschnitt.

Editha Bilkenroth auf ihrer Lieblingsinsel Wangerooge.
Foto: privat

Das Läuten von Kirchenglocken hat die Bremerin Edita Bilkenroth geprägt. „Wir haben damals in der Nähe des Riensberger Friedhofs gewohnt, und wenn in der nahegelegenen Rembertikirche die Glocken läuteten, bin ich als Kind alleine dort rübergegangen.“ An Samstagen schaute sie sich gern die Trauungen in der Kirche an, und im Kindergottesdienst lauschte sie biblischen Geschichten. „All das hat mich geprägt“, sagt die 69-Jährige. Für ihren weiteren Lebensweg war „ein gütiger väterlicher Pfarrer“ bedeutend: Er bestärkte sie im Glauben, so dass sie sogar einen sozialen Beruf ergriff.

Editha Bilkenroth heiratete, bekam zwei Söhne und hat inzwischen zwei Enkelkinder, für die sie jeden Morgen betet. Das ist ihr wichtig – zumal sie das Beten erst wieder lernen musste. Als sie 42 Jahre alt war, starb ihr Mann. „All unsere Gebete, unsere Liebe und unser Flehen halfen nicht“, sagt sie. Er verlor den Kampf gegen die Krankheit. Editha Bilkenroth blieb mit den Söhnen allein zurück. Während sie trauerte, trug sie auch ihre Existenz zu Grabe: Sie musste das Raumausstattungsgeschäft auflösen, das sie beide aufgebaut hatten. „Alles war wieder null und nichtig, es war die schwerste Zeit meines Lebens.“ Zugleich begann ein Ringen um den Glauben. „Ich habe gezweifelt, gehadert, war tief enttäuscht, dass Gott meine Gebete nicht erhört hat“, sagt die Seniorin.

„Ohne meine Freunde hätte ich es nicht geschafft

Viele Freunde begleiteten sie in der schweren Zeit durch alle Höhen und Tiefen. Editha Bilkenroth ist überzeug: „Ohne die Freunde hätte ich meinen weiteren Lebensweg nicht geschafft.“ Rückblickend erkennt sie, dass Gott ihr diese Helfer zur Seite gestellt hat. „Wenn man es schafft, Gottes Fügung in den Freunden anzunehmen, wächst daraus viel Kraft“, sagt sie.

Ein großer Wendepunkt sei für sie der Aufenthalt auf der Insel Wangerooge gewesen. „Die Strandspaziergänge, die Gebete und  Eucharistiefeiern in der Inselkirche und die Weite des Meeres gaben mir Kraft und Mut, meinen Berufs-und Lebensweg noch einmal zu verändern.“ So absolvierte Editha Bilkenroth noch einmal eine Umschulung auf dem zweiten Bildungsweg und ging nach bestandenem Examen in den pflegerischen Bereich. „Durch die Fortbildung und die neuen Herausforderungen wuchs auch mein Gottvertrauen wieder“, erzählt sie. „Viele wertvolle Berufsjahre begleiteten mein Leben, in dem ich schwerst kranke und sterbende Menschen in Bremen begleitet und gepflegt habe.

Heute im Ruhestand schaut Editha Bilkenroth auf ein kostbares Leben zurück. „Ein großer Dank erfüllt mich für alle, die mich begleitet haben“, sagt sie. Sie habe die Chance angenommen, die Freunde, die Gott ihr geschenkt habe, in ihr Leben zu lassen. „Ich liebe die leisen Töne, die stillen Momente, die Gebete, die an Tiefe zugenommen haben und die Atempausen auf der Insel Wangerooge. „Mein größter Lernprozess, ist zu wissen, dass mein Leben wertvoll ist und dass es spannend bleibt.“

Kerstin Thompson

 

 

Helmut Schmidt, pensionierter Schulleiter
aus Glandorf. Foto: privat

Sein Glaube hat sich im Laufe der Jahre verfestigt. „Er ist das Wertegerüst, nach dem ich mich ausrichten kann.“ Nur ein einziges Mal haderte Helmut Schmidt, pensionierter Schulleiter aus Glandorf, mit Gott.

Das war, als sein Sohn Martin vor sieben Jahren mit nur 21 Jahren tödlich verunglückte. „Ich konnte das einfach nicht begreifen“, sagt der heute 64-Jährige. Doch letztlich sei es sein langjähriger Glaube gewesen, der ihm wieder zu neuem Lebensmut verholfen habe. „Ich glaube fest an eine Zukunft nach dem Leben auf Erden und versuche, dies auch anderen Trauernden zu vermitteln. Wir können Hoffnung haben, dass uns etwas Gutes erwartet.“

Helmut Schmidt hat sich mit Gott ausgesöhnt. Heute ist er dankbar dafür, wie nahe seine Familie nach dem traurigen Ereignis zusammengerückt ist. „Gott hat mir in den schweren Stunden meiner Trauer Zeichen gegeben“, erinnert er sich. Für den Bau seines Gewächshauses musste Schmidt im Garten Unkraut jäten. „Und plötzlich fand ich unter dem Giersch, der sich überall ausgebreitet hatte, einen Meißel.“ Den hatte Sohn Martin am Technischen Gymnasium geschmiedet und seinem Vater mit Stolz geschenkt. „In dem Moment empfand ich eine solche große verdichtete Freude und erinnerte mich an all die schönen Erlebnisse mit ihm. Da ahnte ich, wie schön es erst sein wird, wenn ich meinen Sohn einst wieder sehen werde.“

Die Freunde aus der Jugendzeit sind geblieben

Schon als Kind sei er gern in die Kirche gegangen. „Das war bei uns zu Hause selbstverständlich“, sagt Schmidt, der in Papenburg geboren und in Twist aufgewachsen ist. Noch heute genieße er die Schönheit des Raums, die Stille und das Orgelspiel. Selbstverständlich war es für ihn auch, sich als Messdiener und später in der Jugendarbeit zu engagieren. „Von den Kontakten aus der Jugend profitiere ich noch heute. Es ist ein stabiles Netzwerk, das damals grundgelegt wurde“, meint der Pädagoge, der auf dem zweiten Bildungsweg nach einer kaufmännischen Lehre Deutsch, Politik und Religionserziehung studierte.

In seiner Kindheit waren das Tisch- und Abendgebet üblich. „Der vorgelebte Glaube meiner Eltern prägt mich bis heute“, erklärt Schmidt. Glückliche Momente erlebe er beim morgendlichen Laufen. „Meine Strecke führt mich an einigen Wegekreuzen vorbei. Da halte ich oft inne und danke dem Herrn, etwa an einem sonnigen Morgen, für seine wunderbare Schöpfung.“ Die zu achten, sei ihm ein großes Anliegen; dazu habe er auch seine Schüler an der Glandorfer Ludwig-Windthorst-Schule immer ermutigt. So entstand unter seiner Regie ein Schulgarten auf ökologischer Basis, der von den Schülern noch heute liebevoll gepflegt wird. Zudem pflanzte er dort eine Trauerweide als Ort des Gedenkens für alle Verstorbenen im Sozialraum Schule.

Heike Sieg-Hövelmann

 

 

Buchtipps zum Thema „Glaube im Alter"

Anselm Grün: Die hohe Kunst des Älterwerdens, dtv-Taschenbuch, 8,90 Euro

Paul Schladoth: Glaube im Alter, Aschendorff Verlag, 14,80 Euro

Albert Biesinger/Gerhard Braun: Die Kunst des Älterwerdens: Spirituelle Impulse, Herder Verlag, 12,95 Euro

Anselm Grün: Gelassen älter werden, Herder Verlag, 9,95 Euro

Piet van Breemen: Alt werden als geistlicher Weg, echter Verlag, 7,90 Euro

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