Priestermangel, Kirchenaustritte und Bedeutungsverlust des Glaubens für Einzelne und die Gesellschaft – Stichworte wie diese bestimmen heute das Nachdenken über die Kirche von morgen. Vor diesem Hintergrund diskutierten drei Experten auf Einladung des katholischen Hochschulzentrums und der evangelischen Studierendengemeinde in Braunschweig über die Zukunft.
Domkapitular Propst Martin Tenge aus Hannover bezeichnete die Sprachlosigkeit als größtes inneres Problem der Kirche. Der Glaube sei oft behaftet mit Peinlichkeit. „Wer redet denn schon gern darüber, was er Gott gesagt hat? Indem es nicht erzählt wird, bleibt der Glaube etwas Verborgenes.“ Daher müssten die Gläubigen einander mehr teilhaben lassen am Glauben, forderte Tenge: „Diese Erzählräume müssen wieder neu geschaffen werden.“
Das Wunschbild, nach dem ein Pfarrer für eine Kirche und eine Gemeinde zuständig ist, gibt es nicht mehr, sagte Tenge. Er warb dafür, Laien mehr Verantwortung zu übertragen: „Gemeinden, die keinen Pfarrer haben, aber Lust auf Kirche, müsste man mehr zubilligen. Wir müssen an die Kraft derer glauben, die Kirche bilden, nämlich die Gläubigen.“
Der evangelische Oberlandeskirchenrat Thomas Hofer schlug in die gleiche Kerbe: „Wir müssen die Menschen befähigen, Verantwortung zu übernehmen – nicht nur, um den Pfarrer zu entlasten, sondern auch weil es wichtig ist, dass Laien ihrem Glauben Ausdruck verleihen können.“
Die Zukunft der Kirche wird aus Hofers Sicht vor Ort entschieden. Kirchliches Handeln sei vorrangig Beziehungsarbeit. Wenn Menschen aus der Kirche austreten, weil die Kirche sie nicht mehr erreiche, empfinde er dies als schlimm, sagte Hofer. Die Kirche müsse suchende, zweifelnde Menschen mehr in den Blick nehmen und sie neugierig machen auf den Glauben – beispielsweise mit unterschiedlichen Formen des Gottesdienstes und Glaubenskursen.
Professor Jochen Litterst, der ehemalige Präsident der Technischen Universität Braunschweig, betonte, sinkende Mitgliederzahlen könnten die Kirche auch stärker machen. „Eine kleine Gemeinschaft derer, die wissen, was sie wollen, ist besser als eine Riesenansammlung teilnahmsloser Mitglieder.“ Der Katholik riet den Kirchen, ihre Sprache und Interpretation dynamisch der Zeit anzupassen, dabei aber nicht dem Zeitgeist das Wort zu reden.
Von Volker Röpke
