Gebetskreis der Bundestagsabgeordneten

Alles – nur keine Parteipolitik

Der Tisch ist gedeckt. Brot, Brötchen, Marmelade, Käse, Wurst. Und ein Zettel. In Blau. Aus dem 5. Buch Mose. Freitags, 8 Uhr, beim Gebetsfrühstück im Bundestag in Berlin.

Der Weihnachtsbaum leuchtet vor dem Reichstag. Auch im Parlament geht es um den Advent: beim Gebetsfrühstückskreis. Foto: Wala
Der Weihnachtsbaum leuchtet vor dem Reichstag. Auch im Parlament geht es um den Advent: beim Gebetsfrühstückskreis. Foto: Wala

„Ach, dass sie ein solches Herz hätten mich zu fürchten“: Das steht auf dem blauen Zettel. Die Losung für den Tag. Aus dem 5. Buch Mose (5,29), dem Deuteronomium – griechisch für „Verdopplung des Gesetzes“.

Mit Gesetzen kennen sich die heute 20 um den Tisch Versammelten aus. Als Abgeordnete des Deutschen Bundestages beraten und beschließen sie sie. Weitaus mehr Männer als Frauen sind da. Zufall? Ausdruck der Geschlechterverteilung im Bundestag?

Parteipolitik und Sitzungshickhack bleiben zwischen 8 und 9 Uhr am Freitag vor der Tür. Es geht um Wesentliches: um alles, was trägt, um alles, was Abgeordnete jenseits von Parteiprogrammen und Fraktionsdisziplin bewegt. Gut 200 Abgeordnete lassen sich zu den Treffen einladen, zwischen 20 und 40 finden tatsächlich die Zeit. Immer wieder treffen sich die Parlamentarier in anderer Zusammensetzung. Manchmal nehmen auch ehemalige Abgeordnete teil. 

Anette Hübinger eröffnet das Treffen des Kreises, das offen für alle Angeordneten ist. Nicht nur für die, die sich zu einer christlichen Konfession bekennen. Die Losung wird gesprochen ebenso ein Vers aus dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher:  „Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen Heiligen Geist in euch gibt.“

Advent als Anfrage an das Mandat

Hübinger übergibt an Josip Juratovic. Der gebürtige Kroate trägt Gedanken vor – keine Plenumsrede. Als Einstieg für ein Gespräch. Sein Thema: Advent. Es geht um vorweihnachtliche Hektik, um Ungeduld, ums Warten. Aber auch um Erwartungen. Vor allem um die Frage: Habe ich noch genug Ruhe, bin ich geduldig genug, um anderen richtig zuzuhören? Oder lasse ich mich antreiben – von Zwängen, von vermeintlich unumstößlichen Tatsachen? Advent als Anfrage, wie das Mandat ausgeführt wird.
Nicken am Tisch. Viele erkennen sich in den Worten von Juratovic wieder. Die Offenheit in den Worten kommt über alle Fraktionsgrenzen hinweg, nicht von ungefähr. Oberstes Prinzip: Was im Gebetsfrühstückkreis gesagt wird, bleibt im Gesprächsfrühstückskreis. Nicht im Plenarsaal, nicht in der Zeitung, nicht im Internet. Jedes Frühstück endet mit dem Vaterunser.

„Den Freitagmorgen versuche ich mir freizuhalten“, sagt Anette Hübinger. Es sei eine Zeit zum Nachdenken – über Parteigrenzen hinweg, mit Menschen, die ein ähnliches Grundgerüst haben. Nebeneffekt: „Ich lerne die Kollegen auch als Menschen kennen – und nicht nur als Politiker.“
Der Glaube ist für die 56-Jährige schon eine Richtschnur für die Politik – und eine „Korrektur, nicht selbstgefällig zu werden: Wenn wir Soldaten nach Afghanistan schicken, darf meine Hand bei der Abstimmung zittern“, macht die Katholikin klar. So helfen ihr – und den anderen Teilnehmern – die Gespräche und Gebete, ihrer Verantwortung als Abgeordnete gerecht zu werden.

Das ist auch Josip Juratovic wichtig. „Der Kreis bestärkt mich in dem Wissen, dass Gott an meiner Seite steht“, erläutert der Katholik. Das stütze und öffne gleichzeitig den Horizont. „Sehen Sie, in Sitzungswochen geht es von einer Ausschusssitzung in die andere. Wir müssen aufpassen, dass nicht der Kontakt zum wirklichen Leben verloren geht“, beschreibt Juratovic, der im wirklichen Leben Autos am Fließband gebaut hat.

Nur dem eigenen Gewissen verpflichtet

Seinem Fraktionskollegen Bernhard Brinkmann geht es ebenso. „Nach langen Diskussionen um Zahlen und Gesetze ist es wohltuend, Gottes Wort zu hören und darüber ins Gespräch zu kommen“, sagt der Sozialdemokrat aus Hildesheim. Zudem komme er mit Kollegen in Kontakt, die er sonst nicht treffen würde. 620 Abgeordnete zählt das Parlament aktuell. Nicht jeder kennt jeden.

„Der geschützte Raum ist wichtig“, betont Brinkmann. Er ermögliche den Austausch über Fragen „wo wir uns persönlich schwertun, eine Entscheidung zu treffen oder einer Vorgabe der Fraktion zu folgen“. Das sei der Wert des Gebetsfrühstücks. Er erinnere daran, dass ein Abgeordneter seinem Gewissen verpflichtet ist.

Gerne häufiger dabei wäre Raju Sharma, der religionspolitische Sprecher der Fraktion Die Linke:  „Leider tagt zur gleichen Zeit auch ein Unterausschuss, in dem ich der einzige Vertreter unserer Fraktion bin.“  Für den schleswig-holsteinischen Abgeordneten ist der Kreis „eine Oase der Besinnung im hektischen Parlamentsbetrieb.“

Selbst konfessionslos, lässt sich Sharma im politischen Handeln von Werten leiten, die auch das Fundament der großen Religionen bilden: „Nächstenliebe, Solidarität und Toleranz“. Bei Gesprächen im Gebetsfrühstückskreis werde deutlich, dass die Teilnehmer sich auf gleiche Werte stützen; „Auch wenn wir sie anders gewichten.“

„Wir sind das Netzwerk Gottes im Bundestag“, meint Patrick Meinhardt zur Bedeutung des Gebetsfrühstückskreises. Für den Liberalen, der evangelische Theologie studiert hat, bietet der Kreis „eine Offenheit, die ich unter Abgeordneten nie erwartet hätte.“

Das habe den Kreis zum Beispiel bestärkt, sich in der letzten Amtsperiode erstmals parlamentarisch einzusetzen: „Mit einem Positionspapier zur Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit“, berichtet Meinhardt. Dem Papier war – und ist – große Aufmerksamkeit sicher.

Frank Heinrich ist CDU-Abgeordneter – und Offizier der Heilsarmee. Die Teilnahme am Gebetsfrühstück ist für ihn „eine Frage der Verantwortung“. Die besteht für ihn „vor Gott und den Menschen“. Wie es in der Präambel des Grundgesetzes steht.

„Darauf muss man sich in den entscheidenden Momenten besinnen“, betont Heinrich. Bei der Präimplantationsdiagnostik, beim Einsatz in Afghanistan oder bei der Atomkraft. Die Gespräche im Kreis helfen dabei.

Eine Erfahrung teilen alle Gesprächspartner: den stetig wachsenden Respekt voreinander. Auch bei völlig gegenteiliger Meinung in einer politischen Sachfrage: Bei allem Streit wird im jeweils anderen ein Mensch gesehen, der  um die beste Entscheidung ringt. Wie man selbst.

Von Rüdiger Wala

 

 

Die Gesprächspartner

Bernhard Brinkmann (SPD), Hildesheim, 59 Jahre, verheiratet, katholisch, seit 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages, davor: Versicherungskaufmann und -direktor, im Bundestag: Mitglied im Haushaltsausschuss und Rechnungsprüfungsausschuss (stellvertretender Vorsitzender). Der Gebetsfrühstückkreis ist für ihn: „Wohltuend, jenseits der Sitzungen das Wort Gottes zu hören und darüber zu reden.“

Frank Heinrich (CDU), Chemnitz, 47 Jahre, verheiratet, vier Kinder, evangelisch (Heilsarmeeoffizier), seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages; davor: Sozialpädagoge und Theologe, pädagogischer Leiter von „Haus Kinderland“ in Markersdorf, im Bundestag: Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales und im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Der Gebetsfrühstückkreis ist für ihn: „Eine Hilfe, uns auf unsere Verantwortung zu besinnen: vor Gott und den Menschen.“

Anette Hübinger (CDU), Saarbrücken, 56 Jahre, verheiratet, ein Kind, katholisch, seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages; davor: Juristin, persönliche Referentin eines Bundestagsabgeordneten, Hausfrau und Mutter, im Bundestag: Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung und im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Gebetsfrühstückkreis ist für sie: „Eine geschenkte Zeit des Nachdenkens über Werte und Glauben.“

Josip Juratovic (SPD), Heilbronn, 52 Jahre, verheiratet, drei Kinder, katholisch, seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages; davor: Kraftfahrzeugmechaniker und Fließbandarbeiter im Automobilbau, im Bundestag: Mitglied im Petitionsausschuss und im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Der Gebetsfrühstückkreis ist für ihn: „Eine Vergewisserung: Ich bin als Abgeordneter verantwortlich für mein Tun – aber nicht allein, sondern mit Gott.“

Patrick Meinhardt (FDP), Bretten, 45 Jahre, ledig, evangelisch, seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages, davor: Mitarbeiter eines FDP-Bundestagsabgeordneten, Seminarleiter, Geschäftsführer einer eigenen Nachhilfeschule, im Bundestag: Mitglied im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. Der Gebetsfrühstückkreis ist für ihn: „Ein Ort der Offenheit, die ich unter Abgeordneten nie erwartet hätte – und ein Netzwerk Gottes.“

Raju Sharma (Die Linke), Kiel, 47 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, konfessionslos,  seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages; davor: Rechtsanwalt und im schleswig-holsteinischen Landesdienst, unter anderem Leiter des Referats für Nationale Minderheiten, Heimatpflege, Kirchen und Religionsgemeinschaften, im Bundestag: Mitglied im Rechtsausschuss. Der Gebetsfrühstückkreis ist für ihn: „Eine kleine Oase der Besinnung im hektischen Parlamentsbetrieb.“

 

 

Zur Sache:  Warum gibt es den Gebetsfrühstückskreis

Von Washington über Stuttgart nach Bonn – und schließlich nach Berlin: Stationen des Gebetsfrühstückskreises. Verbunden sind sie mit Rudolf Decker (Foto), heute 77 Jahre alt. Der Christdemokrat war von 1968 bis 1992 Mitglied des Baden-Würt­tembergischen Landtages. 1979 wurde er zum „National Prayer Breakfast“ in die Vereinigten Staaten eingeladen. Seit der Zeit des Zweiten Weltkriegs treffen sich Abgeordnete des Senats und des Repräsentantenhauses, also beider Häuser des amerikanischen Kongresses, regelmäßig zu diesem Frühstück. Daraus ist der Nationale Tag des Gebetsfrühstücks entstanden, immer am ersten Donnerstag im Februar. „3500 geladene Gäste und immer ist der US-Präsident mit dabei“, berichtet Decker. Es geht nicht um die Debatte politischer Fragen: „Sondern  die Teilnehmer beten –  für die Lösung der Probleme, die sich ihnen stellen.“ Decker verweist auf  das deutsche Grundgesetz: „Auch dort heißt es:  Verantwortung vor Gott und den Menschen.“ Decker nahm die Idee des Gebetsfrühstücks mit – gründete erst einen Kreis im Suttgarter Landtag. Dann ‚exportierte‘ er die Idee an den Rhein – in den Bonner Bundestag.  Seit 1981 kommen regelmäßig Bundestagsabgeordnete zusammen.