Sturmflut in Hamburg

"Das Wasser kommt"

„Das Wasser kommt!“ Tausendfach reißt in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 der Schreckensruf die Menschen entlang der Elbe aus dem Schlaf. Bei der schwersten Sturmflut seit über 100 Jahren kommen allein in Hamburg 315 Menschen um. Zum 50. Jahrestag ist die Katastrophe vielen wieder gegenwärtig.

Auf der Veddel hielt der zwölfjährige Dieter Thal die Katastrophentage im Bild fest.
Auf der Veddel hielt der zwölfjährige Dieter Thal die Katastrophentage im Bild fest.

Hamburg. „Das Wasser kommt!“ Die 16-jährige Renate Dornecker fährt aus dem Schlaf, als es am frühen Morgen des 17. Februar 1962 an der Tür poltert. Sie kann mit dem Ruf nichts anfangen und geht ans Fens­ter. „Dann sah ich die Massen. Mit geballter Macht kam das Wasser. Ich dachte: Jetzt ertrinkst du! Dann habe ich nur noch geschrien!“

Mit den Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern wohnt sie in der Thielenstraße 14a am alten Bahnhof. Dort leben viele Eisenbahner, wie ihr Großvater und auch ihr Vater. Schon seit Tagen hatte es gestürmt. Der Orkan hebt in der Nacht noch an und fegt mit Geschwindigkeiten von bis zu 130 Kilometern über die Stadt. Die teils über 100 Jahre alten Deiche halten dem Druck nicht stand: Am 17. Feb­ruar um 0.14 Uhr bricht der Deich bei Neuenfelde-Rosengarten. Die Flutwelle ergießt sich über die Insel Wilhelmsburg, 60  000 Menschen werden dort eingeschlossen.

„Wir schliefen zu fünft in einem Bett“

Renate Dorneckers Familie kann bei Nachbarn in den oberen Etagen unterkommen. Nach zwei Tagen wird die 16-jährige Renate mit dem kleinen Bruder von Bundeswehrsoldaten gerettet und zu einer befreundeten Familie gebracht. Dort sind schon andere Flüchtlinge untergekommen: „Wir waren zwölf Leute in zwei Zimmern und schliefen zu fünft in einem Bett.“ Woran sich die 66-Jährige bis heute immer wieder erinnert, das ist die Kälte, die sie die ganzen Tage nicht loslässt. Und die vielen toten Tiere, die im Wasser treiben. „Wir hatten damals doch alle noch Tiere im Garten, Kaninchen und Hühner. Die sind alle ertrunken.“

„Das Wasser kommt!“ Elke Matuszczak war gerade erst ins Bett gegangen, als der Ruf sie aufschreckt: „Wilhelmsburg säuft ab!“ Die 25-Jährige ist unruhig: Sie ist hochschwanger, und am 17. Februar ist Stichtag für die Geburt. „Ich habe erst einmal einen Zwieback gegessen“, erinnert sie sich. Mit ihrem Mann Ewald wohnt Elke Matuszczak im zweiten Stock eines Hauses am Reiherstiegdeich 6. „Als es hell wurde, sahen wir von den Gartenlauben der Kleingartensiedlung hinter unserem Haus nur noch die Dächer.“

Vom Fenster aus sieht sie auch die Menschen, die in ihrer Verzweiflung auf Bäume und Dächer geklettert sind und auf Rettung hoffen. Das junge Ehepaar sorgt sich: Was tun, wenn die Wehen einsetzen? Es gibt keinen Strom mehr, kein Gas, kein Wasser. Das Ehepaar harrt in der Wohnung aus und behält die Nerven: „Ich schickte Stoßgebete zum Himmel. Ein bisschen Gottvertrauen muss man doch haben!“ Ihre Gebete werden erhört: Tochter Gabriele wird am 25. Februar geboren.

„Das Wasser kommt!“ Salvatore Montana (71) denkt an einen Scherz, als er den Ruf vernimmt. Der gebürtige Sizilianer arbeitet mit sechs Landsgenossen in einer Holzhandlung in Schmidts Breite, gleich hinter dem Haus wohnen sie in einer Baracke. Der Warnruf schreckt die jungen Männer hoch: „Wir haben uns angezogen und sind raus. Das Wasser war noch nicht da.“ Über die Wilmannsstraße flüchten sie Richtung Georg-Wilhelm-Straße: Dort erreicht sie die Flut. „Wir haben uns alle an den Händen gefasst, um über die überflutete Straße zu kommen.“ Gegen halb drei stranden die Flüchtenden in der Peter-Beenck-Straße: „Eine alte Frau hat uns in ihr Haus aufgenommen.“ Zwei Tage harren die jungen Männer dort aus, bis sie von Bundeswehreinheiten gerettet und in eine Sporthalle in Harburg einquartiert werden.

Das Hochwasser hat keiner vorhergesehen

Die Innenstadt von Harburg bleibt verschont. Entlang der Elbe – in Wilhelmsburg, Francop, Moorburg, Altenwerder, Neuenfelde, Cranz und Finkenwerder – werden die Menschen dagegen von der Flut überrascht. Einen Wasserstand von 5,70 Meter am Hamburger Pegel hatten die Meteorologen nicht vorhergesehen. Die alten Deiche brechen an 60 Stellen.

Schwer getroffen ist auf Finkenwerder auch die St. Petrus-Gemeinde am Norderkirchenweg: Kirche und Pfarrhaus stehen unter Wasser. „In der Kirche schwammen die Bänke, die Sakristei war ganz zerstört“, weiß Schwester Teresa John, Priorin in der Karmelzelle, von alteingesessenen Gemeindemitgliedern. Im Pfarrhaus steht das Wasser einen Meter hoch, vermerkt die Flutmarke. „Der Norderkirchenweg liegt in einer Senke und läuft voll wie eine Badewanne“, sagt Schwester Teresa. Und: „Die Schrecken von damals sind in den Seelen noch immer lebendig.“ 

Im Krankenhaus Groß-Sand schippten Ordens- und Krankenschwestern die Keller frei. Foto: Privat
Im Krankenhaus Groß-Sand schippten Ordens- und Krankenschwestern die Keller frei. Foto: Privat

Gegen 1 Uhr am Morgen des 17. Februar fällt im Hamburger Süden der Strom aus. Gegen 2 Uhr bricht der Deich am Wilhelmsburger Spreehafen. 200 Menschen sterben dort. 15 Tote hat die St. Bonifatius-Gemeinde aus ihren Reihen zu beklagen. Die Kirche selbst bleibt trocken. Im benachbarten katholischen Krankenhaus Groß-Sand dagegen werden die Kellerräume bis zu den Decken überflutet. „Die Lebensmittelvorräte, die Waschküche mit den Maschinen, die Heizung, Handwerkerräume, Röntgenabteilung, Labor, Apotheke, Hauswirtschaftsräume, Fahrstühle, alles ist zerstört“, erinnert sich die Krankenschwester Sieglinde Seufert auf der Homepage www.sturmflut.hamburg.de.

Die damals 24-jährige Margit Deinert hat den Warnruf nicht gehört. Sie wohnt mit ihrem Mann in der ersten Etage eines alten Hauses in der Peter-Beenck-Straße. Am Abend des 16. Februar kommt sie gegen 22 Uhr von einer Probe des Gesangsvereins der katholischen St.-Bonifatius-Gemeinde heim. „Der Sturm hatte die Tür zum Hof aus den Angeln gehoben“, erinnert sie sich. Doch sie macht sich keine großen Sorgen und geht ins Bett.

„Das ist der Weltuntergang. Jetzt ist alles aus!“

Gegen 5 Uhr wird sie wach. Der Strom ist ausgefallen. Sie tritt ans Fenster: „Da sah ich nur Wasser. Ich dachte: Das ist der Weltuntergang, jetzt ist alles aus!“ Erst am Nachmittag kann das Ehepaar gerettet werden und kommt bei Verwandten unter. „Im Keller entdeckte mein Mann dort eine alte Badewanne mit Füßen. Darin ist er durch das Wasser zurückgepaddelt. Wir hatten Angst vor Plünderern und wollten in der Wohnung nach dem Rechten zu sehen. Und so hat mein Mann auch die Nachbarn mit Lebensmitteln versorgt.“

Renate Dornecker, Elke Matuszczak, Salvatore Montana und Margit Deinert: Die vier Zeitzeugen der Flutkatastrophe leben noch immer in Wilhelmsburg. Was sie zudem verbindet: Sie haben eine Heimat in der St. Bonifatius-Gemeinde, in der sie sich vielfältig engagieren. Pastoralreferent Herbert Wolf hat sich als Ansprechpartner für die ökumenischen Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Sturmflut ebenfalls mit dem Thema beschäftigt. „Wenn man um die Ereignisse weiß, berührt einen das auch heute noch“, sagt er. Im Herbst möchte er Zeitzeugen aus der Gemeinde zu einem Erzählabend einladen.
Auch so sind die Bilder von damals stets präsent, sagt Elke Matuszczak: „Überall sehe ich die Flutmarken, die den Stand des Wassers von damals anzeigen. Dann staune ich selbst immer wieder.“

 

Von Monika Sendker

 

Zeitzeugenberichte im Internet

  • Zum 50. Jahrestag der Sturmflut finden zahlreiche Veranstaltungen, Ausstellungen und Aktionen statt. Eine Übersicht über alle Veranstaltungen und viele Zeitzeugenberichte bietet die Seite www.sturmflut.hamburg.de. Eine interaktive Karte zeigt die 1962 überfluteten Gebiete, dazu Fotos und Texte. Unter „Zeitzeugen“ können Hamburger ihre eigenen Erinnerungen niederschreiben.Eine Bildergalerie präsentiert Ansichten von damals und zeigt die gleichen Bildperspektiven von heute.

Ausstellungen

  • „Die große Flut – Katastrophe, Herausforderung, Perspektiven“ heißt anlässlich des Jahrestages eine große Doppelausstellung in Hamburg.  Vom 16. Februar bis zum 4. März 2012 sind im Hamburger Rathaus viele Fotos und Texte über die damaligen Ereignisse zu sehen. Die umfassende Sonderausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte zieht ab dem 24. Feb­ruar bis 2. September 2012 den Bogen über den Hochwasserschutz in Hamburg vom Mittelalter bis heute und zu den Perspektiven für die Zukunft. Weitere Infos unter www.hamburgmuseum.de
  • Die Ausstellung „1962 – Die Flut auf der Veddel“ läuft bis zum 29. Februar 2012 im Haus 1 des Auswanderermuseums BallinStadt, Veddeler Bogen 2. Weitere Infos unter www.ballinstadt.de.