Fastenzeit: Suche nach Ruhe und Besinnung

Geistliche Spuren im Alltag

40 Tage dauert die österliche Bußzeit – Gelegenheit genug, um sich auf die Feier der Auferstehung Jesu Christi an Ostern vorzubereiten. Dazu bieten Gemeinden Frühschichten an oder Bildungshäuser Exerzitien. Wer nicht aus dem Alltag aussteigen will, kann trotzdem geistliche Spuren in sich entdecken.

Francis Meyer hat für die Glandorfer Kirche ein Hungertuch geschaffen. Eigentlich ist es für Kinder gedacht, aber auch Erwachsene dürften ihre Freude daran haben. Foto: Matthias Petersen
Francis Meyer hat für die Glandorfer Kirche ein Hungertuch geschaffen. Eigentlich ist es für Kinder gedacht, aber auch Erwachsene dürften ihre Freude daran haben. Foto: Matthias Petersen

Für Francis Meyer aus Glandorf bei Osnabrück wird es in diesem Jahr eine besondere Fastenzeit. Sie hat das Hungertuch für die St.-Johannis-Kirche gestaltet. Seit dem vergangenen Sommer hatte sich die Grundschullehrerin und Hobbymalerin mit dem Thema beschäftigt. Sie hat Bibelstellen gelesen, Entwürfe gemacht, Ideen verworfen, sich wieder neue Gedanken gemacht, ist zum Schluss immer mutiger geworden. Nach rund 80 Stunden war das Bild fertig. „Jetzt bin ich gespannt auf die Reaktionen der Gemeinde“, sagt die 40-Jährige.

An diesem Sonntag wird das Tuch präsentiert. „In diesem Jahr werde ich die Fastenzeit sicherlich bewusster erleben, denn ich werde jeden Sonntag mit dem Bild konfrontiert.“

An diesem Sonntag ist der Fastenmarsch

Die Fastenzeit bewusst erleben – das wollen viele Menschen. Sie verzichten eine Zeitlang auf Speisen und Getränke, sie versuchen, zu ihren Mitmenschen besonders freundlich zu sein, sie nehmen eine Auszeit und machen Exerzitien – oder sie erledigen Aufgaben, um die sie sonst einen Bogen machen.
Maria Ostermöller aus Bad Iburg freut sich schon lange auf den ersten Fastensonntag. Seit 15 Jahren organisiert sie gemeinsam mit ihrem Mann Heinz und rund 15 weiteren Erwachsenen einen Solidaritätsmarsch. Bis zu 200 Teilnehmer sind zu Fuß, per Rad oder auf Inlinern unterwegs. Für jeden zurückgelegten Kilometer bekommen sie von zuvor angefragten Sponsoren Geld. Die komplette Summe geht an ein Projekt in Afrika, Latein­amerika oder Asien. „Dieses Jahr sammeln wir für eine Schule in Afghanistan“, sagt Maria Ostermöller. „Ich fühle mich gut, wenn ich für andere Menschen etwas tun kann“, meint sie. Und sie wolle hierzulande auf die Not in der Welt aufmerksam machen. Für die 60-Jährige ein schöner Fastenvorsatz.

Viele Kirchengemeinden reagieren auf die Sehnsüchte der Gläubigen. Sie bieten Exerzitien an, machen Frühschichten oder besondere Aktionen. Die Osnabrücker Domgemeinde will in diesem Jahr ein „Ostertuch“ gestalten. Alle Gruppen der Gemeinde sowie Einzelpersonen sind aufgerufen, eine bildliche oder abstrakte Darstellung zu gestalten. Die Teile werden im Anschluss zu einem Tuch zusammengenäht und in den Gottesdiensten der Gemeinde vorgestellt. Die Bilder sollen sich mit der Frage auseinandersetzen, was uns das Ostergeheimnis bedeutet.

Eine „dichte“ Woche über Tod und Auferstehung

Stephan Schönhoff, Bildungsreferent in der LandvolkHochschule Oesede, wartet auf besondere Gäste. Demnächst kommt eine Gruppe von Senioren zu ihm, um sich mit dem Glauben im Alter zu beschäftigen. Es geht um Verantwortung für andere, um das persönliche Verhältnis zu Gott, um Tod und Sterben. Bewusst ist das Thema in die Fas­tenzeit gelegt, um sich auf dem Weg zur Karwoche auch mit dem Auferstehungsglauben ausei­nanderzusetzen. „Habe ich trotz aller Zweifel die nötige Ruhe und Gelassenheit?“, fragt Schönhoff, der eine „dichte“ Woche mit vielen Gesprächen erwartet.

Geredet wird demnächst auch im Forum am Dom in Osnabrück – und zwar über den Glauben im Alltag. Ein Team hat Exerzitien vorbereitet, für die die Teilnehmer bewusst nicht aus dem täglichen Leben aussteigen. „Wir wollen geistliche Spuren im Alltag entdecken“, sagt Schwester Engratia Brinkmann, die zu den Begleiterinnen der Exerzitien gehört. Sie wird fündig werden, da ist sich die Thuiner Ordensfrau ganz sicher: „Es gibt keine Spiritualität neben dem Leben“, sagt sie lächelnd. An Teilnehmern erwartet sie einen bunten Mix, in Stadt und Landkreis hat sich das Angebot auch über Mundpropaganda verbreitet. „Da machen nicht nur Katholiken mit“, so die Schwester.

Während die Exerzitien für Einzelne gedacht sind, liegt eine bestimmte Gottesdienstform im Trend, die sich an die Allgemeinheit richtet: Fastenpredigten. In Aschendorf geht es in diesem Jahr um geistliche Lieder, in Heede im Emsland um die barmherzige Liebe Gottes, in Twistringen wird das Motto des Gesprächsprozesses der Bischöfe aufgegriffen: „Im Heute glauben.“

„Schuld und Versöhnung gehören zusammen“

Neu entdeckt wird vielerorts auch das Bußsakrament. Vor allem auf Dekanatsebene wird die Feier der Versöhnung angeboten, um damit die Möglichkeit zu erleichtern, einen fremden Beichtvater aufzusuchen. Reinhard Molitor, Dechant in Twistringen, macht damit gute Erfahrungen: „Schuld und Versöhnung gehören einfach zusammen“, sagt der Seelsorger.

Von Matthias Petersen

 

Zur Sache

  • Gelingende Umkehr: Fastenzeit ist mehr als die 40 Tage zwischen Karneval und Ostern. Sie soll eine Zeit der Umkehr und Buße sein. Wie dies gelingen kann, zeigt ein neuer Flyer, den die norddeutschen Bistümer herausgegeben haben. Titel: „Buße. Umkehr zum Leben.“ Der Flyer gibt eine Hilfestellung für eine geistliche Gestaltung des Fastens, zum Beispiel im Gebet oder durch Werke der Nächstenliebe. Bestellungen unter Telefon 0 51 21/30 73 01; E-Mail: ursula.adolph@bistum-hildesheim.de
  • Aufruf des Papstes: Papst Benedikt XVI. hat für die Fastenzeit zu Nächstenliebe, Gebet und Fürsorge für andere aufgerufen. Christen dürften gegenüber dem Schicksal von Mitmenschen nicht gleichgültig sein, erklärte er. Neben der Sorge um leibliche Bedürfnisse gehöre dazu auch die Verantwortung für das geistliche Wohl durch eine „brüderliche Zurechtweisung“.
  • Verzicht auf Süßes: Fast die Hälfte aller Erwachsenen verzichtet in der Fastenzeit auf Süßigkeiten. Eine Umfrage ergab, dass 49 Prozent weder Schokolade noch Gummibären essen wollen. Auch Chips und Knabbereien sowie Alkohol stehen auf der Verzichtliste ganz oben.
  • Warum fasten? Ein Faltblatt zum Thema „Fasten“ hat das Hilfswerk „Kirche in Not“ herausgegeben. Es erklärt den Sinn des christlichen Fastens und gibt Tipps dazu, wie man diese geistliche Übung im eigenen Leben umsetzen kann. Es wird vor allem betont, dass christliches Fasten seine Grundlage im Gebet und der lebendigen Beziehung zu Gott haben muss. Durch eine bewusst gelebte Fastenzeit werde der Verzicht zu einer Erfahrung, die den freien Willen stärkt. Das kostenlose Faltblatt kann bestellt werden unter Telefon 0 89/64 24 88 80; E-Mail: kontakt@kirche-in-not.de
  • „7 Wochen ohne“: Die 1983 gegründete Fastenaktion der evangelischen Kirche („7 Wochen ohne“) steht in diesem Jahr unter dem Motto „Gut genug – 7 Wochen ohne falschen Ehrgeiz“. Die Organisatoren rufen dazu auf, in der Fastenzeit auf Perfektionismus zu verzichten. Ehrgeiz sei etwas Wunderbares, aber falscher Ehrgeiz mache Menschen und ihre Umgebung kaputt, heißt es.