Miteinander der Generationen

Junge Hüpfer halten fit

In skandinavischen Ländern ist es längst üblich: der enge Kontakt von Jung und Alt. Auch hierzulande gibt es Beispiele, etwa in Hamburg-Wilhelmsburg, wo die Bewohner des Alten- und Pflegeheims St. Ma­ximilian Kolbe regelmäßig Kinder des benachbarten Generationenhauses treffen.

Zu solchen Luft­sprüngen wie der kleine Lucas (oben rechts) ist Hilde Mlotek nicht mehr in der Lage – aber einer muss ja auch auf dem Teppich bleiben.  Foto: M. Heinen
Zu solchen Luft­sprüngen wie der kleine Lucas (oben rechts) ist Hilde Mlotek nicht mehr in der Lage – aber einer muss ja auch auf dem Teppich bleiben. Foto: M. Heinen

Nein, gleich losgesungen wird hier nicht. Erst gibt es immer ein kleines Aufwärmtraining, um die Atemwege frei zu bekommen. An diesem Tag – es ist früher Januar –  fällt das aus. Die Wünsche der Vorschulkinder für das neue Jahr sind wichtiger. Dann geht es ans Singen. Vorher werden noch die Notenblätter ausgeteilt, natürlich nur für die Erwachsenen, denn die fünf bis sechsjährigen Kinder brauchen das nicht. Die kennen die Texte von „Wenn ich glücklich bin“ oder „Bei meiner Tante Josefine“ auswendig. Naja, die meisten jedenfalls.

Berührungsängste gibt es nicht

Aus dem benachbarten Pflegeheim sind Hilde Mlotek (88), Walli Schmidt (77) und Alexander Martel (81) herübergekommen, um mitzusingen. Eine Verwechslungsgefahr mit den Wiener Sängerknaben besteht (noch) nicht. Aber darauf kommt es beim Chor „5 bis 100“ auch nicht an – obwohl er beim Neujahrsempfang der katholischen Schulen Hamburgs sogar schon mal einen Preis gewonnen hat.

Berührungsängste gibt es keine. Man kennt sich, nicht nur vom Singen her. Einmal pro Woche entern die 18 Vorschulkinder den Pavillon der Senioreneinrichtung und zeigen dann 25 bis 30 alten Menschen, was sie gemalt haben oder machen kleine Ballspiele mit ihnen. Viele der Bewohner von St. Maximilian Kolbe sind dement, ihre Mobilität ist stark eingeschränkt, sodass nur wenige von ihnen mal rüber zu den Kindern können. Aber es geht ja auch so.

Die Kinder erproben sich manchmal auch als „Englischlehrer“ und bringen das, was sie an einfachen Sätzen oder Liedern gelernt haben, den Senioren bei. Außerdem gibt es einen Computerkurs, bei dem Jung und Alt – unter fachkundiger Anleitung – die Geheimnisse der Technik in Erfahrung bringen, sowie einen Kochclub und eine Gartengruppe. Sehr beliebt sind aber auch die Erzählstunden der Senioren und die Vorlese-Omas.

„Oma Hilde“ ist eine von ihnen und sehr beliebt. Sie ist bei fast allen Aktivitäten dabei. „Ich bin richtig froh, dass ich das machen kann“, sagt sie. Sie schätzt die direkte Art der Kinder: „Ich hab‘ dich ja so lieb, aber du hast so viele Falten im Gesicht“, ist einer dieser Sätze, über die Oma Hilde herzlich lachen kann. Sie war immer ehrenamtlich tätig, hat viel unternommen. „Wenn man gar nichts hat, ist es langweilig“, sagt sie.

„Das Gebraucht-Werden ist sehr wichtig, sowohl für die Alten als auch für die Kinder“, meint Ingrid Stegmann, Vorsitzende des Fördervereins Generationenhaus Wilhelmsburg und Leiterin der Vorschulklasse, die zur katholischen Bonifatiusschule gehört. „Das Besondere ist die menschliche Wärme, die Achtung und Toleranz, die das Miteinander prägen“, so Stegmann. Und: „Die Kinder und Senioren haben viel zu geben.“ Lars Pässler, Leiter des Alten- und Pflegeheims, sagt: „Das sind kostbare Begegnungen für unsere Einrichtung.“

Ideal für Altenheime: ein Kindergarten nebenan

Bei 136 Schwerstpflegebedürftigen mit psychischen und physischen Einschränkungen und einem Durchschnittsalter von 85 Jahren ist es klar, dass der Austausch eingeschränkt ist. Aber allein die Begegnung mit den Kindern tut den alten Menschen gut. Zumal Fünfjährige keine Scheu vor direkten Fragen haben und vorurteilsfrei mit den Bewohnern umgehen. Nicht so, wie manche Erwachsene, die mitleidig bis ungeduldig mit den Alten sind. Überdies profitieren die Kinder, die sich manchmal „mächtig“ fühlen dürfen, wenn sie den Omas und Opas etwas beibringen. „Ich kann auf jeden Fall empfehlen, Kooperationen mit Kitas, Vorschulen oder Schulen einzugehen“, so Pässler. „Wer künftig ein Altenheim plant, sollte gleich einen Kindergarten nebendran planen, am besten mit einem gemeinsamen Garten.“

 

Von Marco Heinen