Zum Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren

Nur nicht nostalgisch werden

50 Jahre Konzil sind Anlass für viele Bücher, Filme und Vorträge, aber kein Grund für nostalgische Schwärmerei. So sehr die Kirche sich damals bewegte, die Welt war schneller.

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Einzug in die Konzilsaula: Das Kollegium der Bischöfe und
das Volk Gottes wurden zu zwei Schlüsselbegriffen des
Zweiten Vatikanischen Konzils.

Wer nicht selbst die katholische Kirche in den 1950er Jahren erlebt hat, kann kaum nachvollziehen, wie bahnbrechend das zweite vatikanische und erste wirklich weltweite Konzil gewesen ist. Die Welt staunte nicht schlecht, als aus einem barocken Feudalstaat ein selbstbewusstes Volk Gottes wurde. Als Methoden akzeptiert wurden, die Bibel modernen Menschen näherzubringen und die Liturgie verständlicher wurde. Als die Papstkirche vom Thron stieg, auf andere Christen zuging und sich der jüdischen Wurzel besann.
Dennoch hat die Kirche den Rückstand zur oft zwiespältigen Entwicklung der Weltgesellschaft nur kurzzeitig eingeholt. Inzwischen ist der Abstand wieder größer. Der Zusammenbruch des Kommunismus, die globalisierte Finanz- und Handelswelt, Biotechnologie und Raumfahrt, Computer und Internet, Konsumismus, Individualisierung, ökologischer Raubbau – all das konnte kaum einer der Konzilsväter vorhersehen. Auch keiner ihrer jungen, reformeifrigen Berater.

Ohne Konzil viel weiter weg von den Menschen

Wie richtig und normal etwa Gewissens- und Religionsfreiheit für heutige Katholiken sind, führen uns derzeit im Gegenbeispiel fanatisierte religiöse Extremisten vor Augen. Ohne die geniale Idee Johannes XXIII. ein Konzil einzuberufen, das erklärt statt verurteilt, wäre die Kirche heute viel weiter weg von den Menschen. Die Lage des Glaubens ist trotzdem kritischer, als sie es 1962 war. Und so muss das Ringen, das auf dem Konzil begonnen hat, weitergehen: um Wahrheit und Klugheit und die Einsicht in Gottes Willen.
Zum einen, weil das Konzil etliche Fragen nur angestoßen, aber nicht zu Ende gedacht hat, und weil gesellschaftlichen Trends hinterherzuhecheln, auch keine Antwort ist. Zum anderen, weil fundamentale Fragen heute entweder viel radikaler gestellt werden oder gar nicht mehr: Wer ist Gott? Gibt es ihn überhaupt? Welchen Sinn hat mein Leben? Wem das egal ist, der wird sich für Liturgie, Sakramente und Bibel allenfalls oberflächlich interessieren.

Wir dürfen uns nicht zurückziehen

Darum hat Benedikt XVI. seine erste Enzyklika geschrieben über Gott, der die Liebe ist, und seine zweite über die Hoffnung des Menschen. Deswegen hat er ein „Jahr des Glaubens“ ausgerufen. Das soll keine Konzilsnostalgie schüren, sondern helfen, sich des Glaubens zu vergewissern und das Evangelium Menschen näherzubringen. Deshalb müssen Bischöfe, Priester und Gläubige „den Glauben so verkünden und leben, dass er zu einem anziehenden und überzeugenden Angebot wird“, so die deutschen Bischöfe in ihrem Wort zum Konzilsjubiläum. Das heißt: Auch wenn die Welt bedrohlich scheint, dürfen wir uns nicht zurückziehen, sondern können uns mit Gottvertrauen den schwierigen Fragen unserer Zeit stellen. Und die Kirche selbst muss bei aller Treue zur Tradition stets bereit sein zur Reform.

Von Roland Juchem