Studientagung

"Wo finden wir Gottes Geist?"

Wie wollen wir zukünftig Kirche sein? Diese Frage ist zentral für den Prozess der lokalen Kirchenentwicklung, zu der Bischof Norbert Trelle vor fast einem Jahr aufgerufen hat. Welche Rolle haben dabei die Verbände? Erfahrungen aus dem Erzbistum Poitiers.

Flagge zeigen und das Kreuz in die Welt bringen, von der Gegenwart Gottes im Alltagsleben zeugen: Das ist eine Aufgabe katholischer Verbände – so wie hier beim letztjährigen Kreuzweg der Schöpfung in Salzgitter. Foto: Archiv
Flagge zeigen und das Kreuz in die Welt bringen, von der Gegenwart Gottes im Alltagsleben zeugen: Das ist eine Aufgabe katholischer Verbände – so wie hier beim letztjährigen Kreuzweg der Schöpfung in Salzgitter. Foto: Archiv

Bistum (wal). In Frankreich heißen Verbände nicht wörtlich übersetzt „association“, sondern „mouvement“ – Bewegung. „Diese beiden Worte deuten schon einen Unterschied an“, sagt Dr. Hadwig Müller. Sie ist Referentin für „Missionarische Prozesse in Europa“ bei missio Aachen. Und sie informierte bei einem Studientag der Erwachsenenverbände des Bistums über das „Bewegungsleben“ im Erzbistum Poitiers.

Enge Verbindung zwischen Poitiers und Hildesheim

Die Diözese Poitiers und Hildesheim sind in Sachen „Lokale Kirchenentwicklung“ eng verbunden. Mehrfach sind Delegationen nach Westfrankreich gereist. Seit 2003 werden – auf freiwilliger Basis – aus Pfarreien von Laien geleitete „communautees locales“, örtliche Gemeinschaften. Zurzeit sind es über 300.

Bisher richtete sich der Blick auf das Leben der Gemeinde – wie lebt sie in der Nachbarschaft, wie wird Gottesdienst gefeiert, wie legt sie Zeugnis von ihrem Glauben ab. Nun wurde erstmals ein Schwerpunkt auf die Bedeutung der Verbände gelegt.

Nicht nur die andere Bezeichnung mache Unterschiede zu Verbänden „deutscher“ Prägung aus, berichtet Hadwig Müller. Die 64-jährige Theologin ist ausgewiesene Expertin für die Entwicklungen in Poitiers.  

Im Erzbistum wie in ganz Frankreich gebe es zahlreiche Verbände – Jugendbewegungen, caritative Vereine, geistliche Gemeinschaften und die „apostolischen Bewegungen“. Sie seien mit den deutschen Verbänden am ehesten vergleichbar. Formal seien sie „ausdiffenzierter“ – weniger umfassender Sozialverband, sondern es gebe Bewegungen für Arbeitnehmer, für Rentner, für Führungskräfte, für Christen in ländlichen Gebieten, für Jugendliche auf dem Lande und so weiter. Ihnen sei aber eines gemein: „Sie teilen das Leben der Menschen und lesen die Zeichen der Gegenwart Gottes im Alltagsleben“, sagt Müller im Gespräch mit der KiZ. Die „mouvements“ betrachten ihr Handeln im Licht des Evangeliums und bringen ihr Wissen wie ihren Glauben in das Bistum ein.

In Poitiers gibt es einen Diözesanrat, in dem Vertreter von 13 Bewegungen über die Rolle der Kirche für die Welt nachdenken – und Initiativen ergreifen, zum Beispiel gegen die Teilung einer Gesellschaft in wenige Reiche und viele Arme. In Poitiers arbeiten die Verbände nicht nur mit dem Segen des Bischofs, sondern seiner ausdrücklichen Unterstützung: „Die Ortskirche wird für den Teil des Geheimnisses der Kirche Sorge tragen, der aus den Bewegungen kommt“, hatte der mittlerweile emeritierte Erzbischof Albert Rouet bereits 1993 nach Abschluss einer Diözesansynode erklärt.  

In der Begegnung mit Fremden Jesus verstehen

Geheimnis  der Kirche bedeute Gottes Geist auch außerhalb der Kirchengebäude wahrzunehmen. „Das Evangelium zeigt uns doch, wie sehr die Jünger in der Begegnung mit Fremden lernen, Jesus zu verstehen“, meint Müller. Und weiter: „Gottes Geist geht voraus – und findet sich auch in denen, die nicht zur Kirche gehören.“

Rouet schreibe in einer Charta für die Bewegungen, dass die Kirche mit zwei Händen arbeite: die eine erbaue den Tempel Gottes, die andere gestalte die Erde im Sinne des Schöpfers. „Es geht nicht nur um das Verkünden einer Botschaft, es geht um den Austausch mit der Welt“, betont Müller. Genau da liegt die Bedeutung der Verbände.