Straßenambulanz

Zu arm für den Arzt

Die Straßenambulanz der Caritas in Hannover muss immer mehr Menschen helfen. Vor zwölf Jahren war sie für die ärztliche Versorgung von Obdachlosen und Nichtsesshaften gegründet worden. Doch immer häufiger sind auch Hartz-IV-Empfänger, Niedriglohnempfänger und Bezieher von Mini-Renten auf ihre Dienste angewiesen.

Ursprünglich war die Caritas-Straßenambulanz in Hannover gedacht für Obdachlose. Doch längst werden auch arbeitslose Menschen und Hartz-IV-Empfänger behandelt, weil das Geld für die Praxisgebühr nicht mehr reicht. Foto: Jens Schulze
Ursprünglich war die Caritas-Straßenambulanz in Hannover gedacht für Obdachlose. Doch längst werden auch arbeitslose Menschen und Hartz-IV-Empfänger behandelt, weil das Geld für die Praxisgebühr nicht mehr reicht. Foto: Jens Schulze

Hannover. Mittwoch 14.00 Uhr, Vorplatz der Clemensbasilika in Hannovers Innenstadt: Vor der Tür der Caritas stehen 15 Menschen. Einer mit riesiger Sonnenbrille und schwarzem Vollbart, den alle „Blaubart“ nennen, will auf gar keinen Fall fotografiert werden, „sonst steht da: Der Totschläger wohnt jetzt in Hannover!“ Auch „Mecki“ scheut die Publizität: „Man weiß ja, was die Presse so macht.“ Alexander Fuchs ist noch unentschlossen. Aus einem Raum dringt der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee. Die Teestube für die Obdachlosen hat geöffnet. Doch über die Hälfte der Besucher hat vorerst kein Interesse an Kaffee, Tee und Schokoplätzchen. Sie wartet, dass sich eine andere Tür öffnet.

Zwei Stunden für soziale Problemfälle

Dort ist eine Anlaufstelle der Straßenambulanz. Zeitgleich mit der Teestube hat Dr. Annelie Heidenreich ihren Dienst aufgenommen. Für zwei Stunden wird die verrentete Internistin jetzt soziale Problemfälle verarzten. Nur wenige Gesichter lassen an kranke Obdachlose denken. Zwar gibt es solche mit den zerklüfteten Gesichtszügen, den geröteten Nasen und Wangenknochen, die an ungezählte Nächte im Freien und reichlich Alkoholgenuss erinnern. Die meisten Gesichter aber sind blass. Büromenschen könnten das sein. Und oft waren sie das früher auch.

Im Behandlungszimmer ist jetzt Alexander Fuchs dran. Annelie Heidenreich misst Blutdruck. Alexander Fuchs ist kein Obdachloser, sondern ein herzkranker Empfänger von Hartz IV. Er ist nicht mehr arbeitsfähig. Die Ärztin weiß: „Von der Grundsicherung muss ja nicht nur das Essen bezahlt werden, sondern auch Kleidung, Telefon, Friseur, Straßenbahn-Monatskarte, Reparaturen. Da wird es für Praxisgebühr und Medikamenten-Eigenanteil oft zu knapp.“ In den Köpfen vieler Nichtbetroffener geistern Vorstellungen von allen möglichen Zuzahlungen und Sachleistungen für Sozialhilfeempfänger. „Das hat es früher mal gegeben. Aber das ist seit der Hartz-IV-Regelung längst abgeschafft.“

Heidenreich arbeitet seit 2006 in der Caritas-Straßenambulanz. Ihren Verdienst für die Behandlungen, die mit den Kassen abgerechnet werden, spendet sie der Caritas. Das machen auch die anderen acht für die Straßenambulanz tätigen Ärzte. Daurch und durch regelmäßige Spenden hat die Straßenambulanz ein kleines Finanzpolster. So kann sie auf Praxisgebühr und Medikamenten-Eigenanteil verzichten, ein Versorgungsfahrzeug und die Praxisräume unterhalten.

Die Straßenambulanz der hannoverschen Caritas hatte im Jahr 1999 ihre Arbeit aufgenommen. Vorbilder waren die Straßenambulanz in Frankfurt und die „Mobile Hilfe“ in Hamburg. Mit vier Ärzten und Ärztinnen und einem Ambulanzwagen begann die Aktion. Heute wird an acht Stellen in Hannover und Umgebung geholfen. Angefahren werden drei Männerwohnheime, zwei Asylantenunterkünfte, eine Tageswohnung für Obdachlose und eine Frauen­unterkunft. Im Jahr 2009 wurden 2480 Behandlungen durchgeführt.

Dr. Annelie Heidenreich sagt über ihre Arbeit in der Straßenambulanz: „Sie hat meinen Blick geweitet.“ Die Mehrzahl der Bewohner in den Obdachlosenunterkünften sei seelisch krank, meist depressiv, manche aber auch psychotisch. Man könne da nicht einfach sagen: Die sind halt selber schuld! Gewalterfahrungen, aber auch Mobbing in einem früheren Beruf hätten viele dazu gebracht, sich von anderen Menschen immer mehr zurückzuziehen. Um so schöner, wenn durch Begegnungsstätten wie die Caritas solche Menschen wieder Kontakt aufnähmen. „Einen haben wir hier, der kocht und backt für die anderen. Das ist für alle eine Freude“, sagt sie. Aber an eine ganze Reihe komme man nicht heran: „Da ist zum Beispiel eine Depressive in der Frauenunterkunft. Schweres Mammakarzinom (Brustkrebs) beidseitig. Lehnt jede Behandlung ab, trinkt täglich zwei bis drei Liter Wein. Sie wird bald sterben. Aber ich kann nichts tun.“

„Hoffentlich nehmen sie ihm die Beine nicht ab“

Immer öfter suchen Menschen die Straßenambulanz auf, die nicht obdachlos, aber arm sind. Dr. Annelie Heidenreich sagt: „Gestern war ein ganz stiller älterer Mann da. Hat die anderen immer wieder vorgelassen. Bis zum Schluss. Dann kam er rein und hat mir seine Beine gezeigt. Fürchterlich! Riesige eitrige Stellen. Große Nekrosen (abgestorbenes Gewebe). Er war in keiner Krankenkasse mehr und hat sich in eine normale Praxis nicht hineingetraut. Ich habe ihn mit Begleitung ins Krankenhaus  geschickt und hoffe, dass sie ihm die Beine nicht abnehmen müssen.“

Nach Darstellung von Dr. Ursula Lange, Leiterin der hannoverschen Caritas-Straßenambulanz, steigt die Zahl der Problemfälle: „Zusätzlich zu den Hartz-IV-Empfängern und Beziehern von Mini-Renten kommt ja jetzt ein Strom von Leuten aus Ost- und Südeuropa, aus Rumänien und Bulgarien, aus Griechenland und Spanien. Sie können alle hier für drei Monate herumtingeln, um eine Arbeit zu suchen. Sehr viele haben keinerlei Krankenversicherung. Das kann nicht durch die Straßenambulanz aufgefangen werden. Die Prob-leme sind auf politischer Ebene bestens bekannt. Abgeordnete jeder politischen Couleur haben sich hier die Klinke in die Hand gegeben und Hilfe versprochen. Aber es geschieht nichts!“

 

Von Tillo Nestmann