Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

von Früher erzählen können wir mittlerweile auch in der Redaktion. Immerhin gibt es Kollegen im Haus, mit denen ich schon seit mehr als 20 Jahren zusammenarbeite. So kamen wir kürzlich auf den „Domkalender“ zu sprechen, ein Jahresbüchlein mit ausführlichem Kalendarium, allerlei besinnlichen Geschichten, mit Anekdoten und zahlreichen Fotos, die zurückliegende Ereignisse aus dem Bistum dokumentierten. Unser damaliger Chefredakteur redigierte den Kalender mit viel Herzblut.

Doch nicht zuerst daran lag es, dass er sich bei den Lesern großer Beliebtheit erfreute; es waren vielmehr die letzten Seiten, die dafür sorgten, dass sich das Jahrbuch gut verkaufte: Hier waren die Anschriften der Geistlichen  zusammengefasst – ergänzt um wichtige Daten wie Geburtstag und Priesterweihe. Viele Bezieher nutzten diese Angaben, um den Seelsorgern aus gegebenem Anlass Glückwünsche zu schicken.

Da wurden keine Geheimnisse veröffent-licht; die Angaben hätten sich mit etwas Mühe und Zeitaufwand auch ohne Domkalender recherchieren lassen. Trotzdem rief die Liste damals irgendwann den Datenschützer des Bistums auf den Plan, der Anhang wurde gestrichen und schnell verpuffte das Interesse am Domkalender. Die Auflage sank rapide und er musste eingestellt werde.

Solche Erinnerungen stimmen heute geradezu naiv-nostalgisch angesichts der Bereitschaft von zig Millionen Menschen, ihre intimsten Details öffentlich und nachvollziehbar zu machen. Das begann vor einigen Jahren mit dem Bezahlen per Scheckkarte. Ganz selbstverständlich wird sie gezückt – nach dem Tanken oder beim Einkauf im Supermarkt. Bücher, Haushaltsartikel, ganze Wohnungseinrichtungen werden heute im Internet bestellt. Bereitwillig geben die Kunden ihre persönlichsten Angaben frei – natürlich viel mehr, als lediglich zur Abwicklung des Geschäftes benötigt werden. Computerprogramme erkennen, wer was liest, wie er seine Wohnung einrichtet, wo er wie lange seinen Urlaub verbringt, wie er seine Freizeit gestaltet, wann er wo ins Restaurant geht und mit welchem Belag er seine Pizza bestellt. Und längst wird die Entwicklung durch die sogenannten Sozialen Netzwerke auf die Spitze getrieben: Fotos von der Fete am vergangenen Samstag? Bitte sehr, im Internet können sie bewundert werden. Ob sie einem später peinlich sind, spielt keine Rolle, was veröffentlich ist, kann kaum zurück geholt werden.

Zurückdrehen lässt sich diese Entwicklung gewiss nicht. Trotzdem wünsche ich mir manchmal den Argwohn der früheren Datenschützer zurück.

Ihnen eine gute Woche,
Ihr Stefan Branahl