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KiZ Nr. 36 vom 09. September 2007

''Aufs Tiefste bewegt''
Seit sieben Jahren tridentinische Messen in Hannovers St.-Clemens-Krypta – und bald in St. Benno

Hannover (nes). Am 7. Juli ist sie durch den Vatikan
veröffentlicht worden, am 14. September tritt sie in Kraft: die im
„motu proprio“ erleichterte Zulassung der vorkonziliaren
Liturgie. Bei „Ad Vitam“, einem Ableger der ASUM (Aktion Schutz
für ungeborene Menschen), hat die Verfügung des Papstes große
Freude ausgelöst. Seit sieben Jahren feiert „Ad Vitam“ in der
Krypta von Hannovers St.-Clemens-Basilika tridentinische
Messen; ab September auch einmal monatlich in St. Benno
(Stadtteil Linden).

Dicht und süß wallt der Weihrauch unter dem niedrigen Gewölbe
der St.-Clemens-Krypta. Pater And­reas Lauer (46) von der
Petrus-Bruderschaft aus Köln inzensiert den Altar.
Geweihräuchert wird auch zum Evangelium und zur Opferung.
Über der Albe trägt er ein grünes Rochett; den linken Unterarm
umhüllt ein Manipel. Der Wechselgesang des Kyrie und die
folgenden gregorianischen Messgesänge hallen klar durch das
von vielen dicken Pfeilern durchbrochene Untergeschoss der
Basilika. Wenn der Priester betet, dann meist leise. Gemeinde
und Priester blicken einander nicht an, sondern in einer Achse
auf den Altar und den Tabernakel. Der Pater feiert ein Hochamt
streng nach altem Ritus.
Dass es seit sieben Jahren dreimal im Monat eine solche Messe
in Hannover gibt, ist auch den allermeisten Katholiken der
Landeshauptstadt unbekannt. Mit zunächst nur mündlichem,
seit einem Jahr auch schriftlichem Indult (Einverständnis) durch
den Bischof liest ein Priester der St.-Petrus-Bruderschaft aus
Köln Messen entsprechend der klassischen Liturgie. Werben
durfte „Ad-Vitam“ hierfür aber nicht. So feierte die Gruppe still
für sich an jedem ersten Samstag des Monats um 21 Uhr sowie
am ersten und dritten Sonntag des Monats ab 8.30 Uhr.
Knapp 50 Gläubige haben sich heute in der Krypta von
St.Clemens versammelt, darunter eine Reihe jüngerer Menschen.
Zu ihnen zählt Julia Voelskow (29). Noch nach dem
Schlussgesang „Salve Regina“ kniet die vor einem Jahr
konvertierte Physikerin auf dem Boden. „Es ist so schön“, seufzt
sie. „Hier habe ich die Spiritualität gefunden, die ich in der
evangelischen Kirche vergeblich gesucht habe.“

Messe durch Bekannte
kennengelernt


Sebastian Hartwig (33), Parlamentsstenograph des
Niedersächsischen Landtags, sagt: „Während meines Studiums
an der Ostberliner Humboldt-Universität hat ein marxistischer
Professor die katholische Messe erklärt. Aber so kannte ich die
Messe gar nicht und habe dann gesucht, wo die Messe so
gefeiert wird. Das war im Institut St. Philipp Neri im Stadtteil
Wedding. Dort war ich dann aufs Tiefste bewegt.“ Ähnliches
berichtet auch Jaqueline Njuki (33). Die Kenianerin, Angestellte
einer Luftverkehrsgesellschaft, pendelt zwischen Hannover und
Berlin hin und her. Sie hat die tridentinische Messe durch
Bekannte kennengelernt und sagt: „Es ist ein Vorurteil, dass wir
Afrikaner unsere Spiritualität nur beim Trommeln und Tanzen
erfahren. Wann immer ich die Gelegenheit habe, besuche ich in
Berlin täglich die tridentinische Messe im Institut St. Philipp
Neri.“
Um den alten Ritus feiern zu können, muss „Ad Vitam“ nicht nur
einen Raum besorgen. Über Spenden werden die Fahrtkosten für
den Priester aus Köln bezahlt. Der Geistliche wird beherbergt
und beköstigt. Abgesehen von den Messdienergewändern,
welche die Gemeinde St. Clemens ausleiht, stellt „Ad Vitam“ alles
selbst zur Verfügung. Das alte Missale hat der vor drei Jahren
verstorbene ehemalige Leiter der Hildesheimer Dombibliothek,
Pfarrer Wilhelm Machens, der Gemeinschaft aus seinem
Privatbesitz überlassen. Aus Priesternachlässen besitzt die
Gemeinschaft priesterliche Gewänder und Kultgegenstände. Eine
Patene und ein Ziborium wurden dazugekauft. Neuen
Mitgliedern leiht „Ad Vitam“ CDs und Musikkassetten aus, damit
sie sich in den gregorianischen Gesang einhören können. Seit
vier Jahren hat sie auch eine kleine Schola.

Vorwurf: Normen werden nicht eingehalten

Leiterin der Schola ist Margarete Bentz (56). Der
Sprachheilpädagogin hat es nach eigenen Worten „sehr weh
getan“, dass in Hannover die Nichteinhaltung der liturgischen
Normen für den nachkonziliaren Ritus immer stärker geworden
sei: „Normen gelten nur noch als Anregungen. Manche
Liturgieausschüsse und Priester fügen hinzu oder lassen weg,
was immer ihnen gefällt, bis hin zum Hochgebet. Lockerheit ist
das wichtigste Ziel der Gottesdienstgestaltung. Zum Ausgleich
für die verlorene Spiritualität werden die Messen mit immer
neuen Gags aufgemotzt, die sich nach kurzer Zeit abnutzen.“
Jedes Symphoniekonzert im Kuppelsaal der hannoverschen
Stadthalle erfülle die Besucher heute mit mehr Andacht als eine
katholische Messe. Deshalb hatte Margarete Bentz sich auch für
eine Zeitlang von der Kirche ferngehalten, „bis ich vor sieben
Jahren in der Schutzengelkirche in Eichstätt eine tridentinische
Messe erlebte. Da hat es geklickt und ich wusste: Diese Liturgie
brauche ich. Die will ich.“


Werde einen großen Bogen darum machen

Monika Peier aus Neuhaus (0ste) bei Otterndorf berichtet im
Pfarrbrief ihrer Gemeinde über ihre Erfahrungen mit der
tridentinischen Messe:
Als wir am 1. August zu unserem Seniorenkreis in die Kirche
kamen, sagte uns Herr Judernatz: „Heute haben wir Besuch eines
Priesters aus der Pfalz, der mit seinem Kaplan die Messe nach
alten Ritus lesen wird.“ Obwohl mich das Wort „Messe lesen“
störte, war ich doch überrascht und gespannt darauf.
Natürlich war der Altar so gedeckt, dass der Priester mit dem
Rücken zu den Gläubigen zele­brieren konnte.
Der Kaplan schwenkte das Weihrauchfass schon nach dem
Einzug heftig. Ich liebe eigentlich Weihrauch. Aber nachdem die
Rauchschwaden bis nach dem Evangelium schon den Altarraum
in dichten Nebel hüllten, konnte ich mich nur darauf
konzentrieren den Hustenreiz zu unterdrücken.
Während der Eucharistiefeier (heißt die hier noch so?) bekamen
wir vom Priester nur noch den Rücken zu sehen und nichts mehr
zu hören.
Und plötzlich sah ich in ihm unseren alten Pfarrer aus meiner
Kindheit stehen. Hatte ich meine Katechismusabschnitte gelernt?
Am Montag war Religionsunterricht, und wer nichts gelernt hatte
oder stotterte, wurde vom Pfarrer mit Ohrfeigen bedacht. Und
war es eine Sünde, dass ich heute beim Zähneputzen Wasser
geschluckt hatte? Habe ich gestern überhaupt alles gebeichtet?
Die längst überwunden geglaubten Ängste stiegen in mir hoch
und machten mich wütend. Ihretwegen hatte ich einst als junger
Mensch der Kirche den Rücken gekehrt. Und dann klingelte das
Altarglöckchen. Sollte das schon die Wandlung sein? Vom
Priester war bis jetzt nichts zu hören. Das Vaterunser habe ich
überhört, ich hatte es nie in Latein gelernt.
Kurz vor der Kommunionsausteilung wies uns der Pfarrer da­
rauf hin, dass nach dem alten Ritus Mundkommunion erlaubt
sei.
Also Handkommunion verboten? Hat Jesus seinen Jüngern beim
letzten Abendmahl das Brot in den Mund geschoben?
Ich war inzwischen so wütend, dass es mir unmöglich war die
Kommunion zu empfangen. Der Priester hatte die „Messe
gelesen“. Und wir, das gläubige Volk, durften dazu singen. Papst
Benedikt XVI. erlaubt die heilige Messe nach dem Ritus zu feiern.
Auch, um die Priester, die unter Levebre geweiht wurden, zu
rehabilitieren.
Ich persönlich werde einen großen Bogen um diesen alten Ritus
machen. Denn nicht nur die Art der Kommunion ist ein Muss,
auch weibliche Wesen haben am Altar nichts zu suchen. Weder
als Ministrantin noch Lektorin und Kommunionhelferin noch als
Küsterin.
Soweit ich aus dem Seniorenkreis hörte, sind wir uns zum
größten Teil einig: nie wieder eine solche Messe in unserem
Kreis. Wir wollen mit dem Priester die Eucharistie feiern, nicht
eine Messe „gelesen“ bekommen.


Nachgefragt
Was Pfarrer über den alten Ritus sagen

Hannover (nes). Noch warten die Priester nach der kurz vor den
Sommerferien veröffentlichten „motu-proprio“-Verfügung auf
die genauen Ausführungsbestimmungen.Pfarrer Helmut
Hoffmann hat allerdings schon zum 16. September seine Kirche
St. Benno im hannoverschen Stadtteil Linden für eine Messe nach
dem klassischen Ritus geöffnet. Zelebrieren wird ein Priester der
Priesterbruderschaft St. Petrus. Direkt nach den Sommerferien
will der Pfarrer mit den Pfarrgemeinderäten seiner beiden
Kirchen St. Benno und St. Godehard beraten: Besteht ein
Interesse am alten Ritus oder an einer häufigeren Messe nach
dem neuen Ritus in Latein? Der Pfarrer ist zu beidem bereit und
hält auch seine beiden Gemeinden für fit. „Wir feiern des Öfteren
lateinische Messen und die Gemeinde kann von der Präfation bis
zum Agnus Dei alle gregorianischen Lieder singen“, sagt er.
Pfarrer Hoffmann ist neben Propst Klaus Funke der einzige
aktive Pfarrer der Region Hannover, der noch im alten Ritus
geweiht worden ist. Schon im Ruhestand, aber als Anhänger des
Lateinischen gelten der frühere Pfarrer von Maria Rosenkranz in
Seelze-Letter, Clemens Siewek, und der frühere Pfarrer von St.
Elisabeth, Dr. Heinrich Tukay. Clemens Siewek berichtet:
„Daheim, auf dem St.-Matthias-Gymnasium in Breslau, hatte ich
sechs Stunden Latein und sechs Stunden Griechisch in der
Woche. Mein Brevier bete ich noch heute täglich auf Latein.“ Dr.
Heinrich Tukay betont das Weltumspannende der lateinischen
Messe: „Wenn früher ein Katholik eine katholische Kirche betrat,
war er zu Hause, egal wo, ob er ausgewandert war, auf Reisen
oder Pilgerfahrt.“ Das sei verloren gegangen. Beide wären
bereit, auf Bitte des Bischofs nach der alten Liturgie zu
zelebrieren, haben aber eine Vorliebe für den nachkonziliaren
Ritus in lateinischer Sprache.
Propst Klaus Funke sagt: „Das Interesse an der lateinischen
Messe ist allgemein gering. Das gilt selbst für romanische
Länder. Auch dort sind es ganz wenige, meist über 60 Jahre alte
Leute, die diese Messe wollen.“
So sieht es auch Don Giovanni Paganini, Seelsorger der
italienischen Mission. Allerdings, so sagt der Italiener, sähe er es
gern, wenn jeder Katholik zwei oder drei gregorianische Lieder
beherrsche, die man bei internationalen Begegnungen
gemeinsam singen könne, etwa auf den Weltjugendtagen.
Stirnrunzeln löst das „motu proprio“ bei Pfarrer Heinrich Plochg
(St. Joseph, Hannover-Vahrenwald) aus. Er sei froh, wenn die
Gemeinden die normalen Gebete auf Deutsch sprechen könnte.
„Wir haben kein Interesse und keinen Bedarf“, sagt er. Pfarrer
Joachim Piontek (St. Maria, Hannover-Nordstadt) sagt, das ganze
Thema spiele bei ihm keine Rolle. „Es hat bislang keine einzige
Nachfrage gegeben“, erklärt er. In seiner Gemeinde seien in der
Vergangenheit bei verschiedenen Anlässen lateinische Messen
gefeiert worden.
Pfarrer Benno Nolte (St. Raphael, Garbsen) sagt, es gebe in
seiner Gemeinde eine Gruppe, welche die tridentinische Messe
liebe. Wie groß sie sei, werde er nach den Ferien herausfinden.
„Wenn sie groß genug ist und partout meint, diese Liturgie für
ihr Seelenheil zu benötigen, dann werde ich auch so eine Messe
einrichten. Ich habe zwar nur nach dem alten Ritus ministriert,
aber ich bekäme das schon hin.“
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