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KiZ Nr. 8 vom 21. Februar 2010

48 Zähne gegen Eiche
Von der Kirchenbank zur Staffelei / Wiederverwertung im Caritasprojekt „Wegweiser“ in Goslar

Von Rüdiger Wala

Eine Kirche wird aufgegeben. Nicht mehr ganz so selten im Bistum Hildesheim. Was passiert aber mit den Kirchenbänken? Eine Lösung: Sie werden in andere Gotteshäuser gebracht. Oder sie werden etwas anderes.

Station eins: Da steht sie. Zwei Meter und 60 Zentimeter lang. 80 Zentimeter hoch. Eiche. Massiv. Eine Kirchenbank. Sie ist „durchbetet“. Denn der Lack ist an vielen Stellen fast ab. Oben, dort wo Beter die Unterarme ablegen, wenn sie die Hände falten. Und unten, auf der Kniebank. Aus Dunkelbraun wurde Hellbeige.
Da steht sie. Seit gefühlten 40 Jahren. Seit wann genau? Dazu müsste im Pfarrarchiv gegraben werden. Nicht nötig. Auf jeden Fall: eine Generation lang. Nun muss sie raus. Mit Altar, Tabernakel und Ambo. Für die findet sich eine neue Heimat. Aber für die Kirchenbank gibt es keine Verwendung mehr. Zumindest nicht als Kirchenbank. Kräftige Hände packen zu. Ab in den Kleinlaster. Los geht’s. Zum Projekt „Wegweiser“ des Caritasverbandes Goslar.

Vier Kilowatt bei 4000 Umdrehungen

Station zwei: Ein Schuppen nahe dem Kloster Grauhof bei Goslar. Eher unscheinbar. Spaten, Schaufel, Schneeschieber und Rechen stehen in der Ecke, ein fahrbarer Rasenmäher in der Mitte und ein paar abgestellte Verkehrsschilder. „Tempo 50“ mahnt eines. Leitern hängen an den Wänden. Es ist recht duster im Schuppen. Kaum Tageslicht dringt ein. Aber der Schuppen hat einen wichtigen Anschluss – für Drehstrom. 380 Volt. So viel Kraft braucht die Säge. Deutsche Wertarbeit aus Schwaben, gebaut irgendwann in den 1990er-Jahren. Vier Kilowatt – oder 5,44 Pferdestärken. Wie ein solides Mofa. 4000 Umdrehungen pro Minute. Wie schnelles Fahren auf der Autobahn.

48 Zähne hat die Säge. 48 Zähne gegen das Niedersachsenlied: „Fest wie uns’re Eichen halten allezeit wir stand, wenn Stürme brausen übers deutsche Vaterland“ heißt es in den um 1926 geschriebenen Versen von Hermann Grote.
Die Kirchenbank ist schon zerlegt – in einzelne Bretter. Drei Zentimeter stark ist die ehemalige Sitzfläche. Und schwer. Harald Zorrmann und Rudolf Robra schnaufen kurz durch, als sie das Holz hochwuppen. Zorrmann, gelernter Zimmermann und Fachmeister beim Caritasprojekt, streicht kurz über das Brett: „Gutes Holz“, sagt er. Dann macht er die Säge an. Zunächst ist nur ein leises Surren in der Luft. Dann fressen sich die Zähne in das Holz. Saubere Schnitte.

Zwölf Leisten à 2,60 Meter. Das ist von der Kirchenbank übrig. Und Sägespäne. Drei Schaufeln voll. Rudolf Robra, einer der Mitarbeiter des Caritasbeschäftigungsprojektes, kehrt die Späne zusammen, schaufelt sie in große blaue Säcke. Drei Stück sind fast bis zum Bersten gefüllt. Es sind schon ein paar Kirchenbänke mehr über diese Säge gegangen.

Viermal über das Holz geschnurrt

Station drei: Eine Werkstatt im Hauptgebäude des ehemaligen Klosters der Augustiner-Chorherren. Michael Brunke greift zum Hobel. Elektrisch. Der Lackrest auf den Leisten muss ab. Viermal schnurrt der 43-Jährige mit dem Hobel über das Holz, prüft zwischendurch, ob noch Lackreste verblieben sind. Alles sauber. Ran an die nächste.
„Ich arbeite gern mit Holz“, sagt Brunke. Er war längere Zeit arbeitslos, nun hat er – wie Rudolf Robra – bei der Caritas eine „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung“. Unprosaischer: einen „Ein-Euro-Job“. Noch bis März. Was dann kommt? „Mal sehen“, sagt Brunke. Verschenkte Zeit, reine Beschäftigungstherapie, allenfalls besser als fernsehen in der Bude? „Nein, nein“, wehrt Brunke derartige Vorurteile ab. Die Maßnahme hat ihm viel gebracht. Der Spaß am Holz. Als das Wetter noch besser war, die Arbeit im Garten des riesigen Klosters: Wege anlegen, Beete herrichten. „Eine gute Sache“, findet er. Er habe wieder ein Gefühl für Arbeit, für einen geregelten Tagesablauf bekommen. Und vieles gelernt.

Gebohrt, verzapft und fertig

Station vier: Die gleiche Werkstatt, der zweite Arbeitstisch. Michael Brunke zeigt, was er gelernt hat. Kollege Björn Fritze fasst mit an. Aus vier längeren Leisten und zwei Querhölzern werden Staffeleien gefertigt. Vorsichtig werden die Querhölzer angebohrt. Dann mit den Latten verzapft. Klingt einfach, es braucht aber doch etwas Feingefühl. Schließlich darf nichts klappern. Eine Kette fehlt noch für die nach hinten auszuklappende Leiste. Vorne wird noch ein Brett mit einer weiteren kleinen Leiste angebracht. Darauf kann dann die Leinwand oder der Papierblock gestellt werden. Fertig. Später werden sie abtransportiert, ins Jugendzentrum Goslar.Für einen Malkurs für Mädchen, der zusammen mit der Carita angeboten wird.
Das war sie. Die Geschichte einer Kirchenbank. Sie hätte auch etwas anderes werden können. Ein Bücherregal, ein Schriftenstand oder eine Informationstafel. Alles schon gefertigt. Alles auch auf Anfrage aus Gemeinden. Hauptsache wiederverwertet.


Zum Thema

Das Caritas-Projekt „Wegweiser“ gibt es seit Frühjahr 2008 im Kloster Grauhof bei Goslar. Bis zu 44 arbeitslose Männer und Frauen (von Anfang 20 bis Ende 50 Jahre), die Arbeitslosengeld 2 bekommen, werden dort in gemeinnützigen Arbeitsbereichen beschäftigt und von einem Sozialpädagogen sowie bis zu sechs Anleitern betreut.

Mittelpunkt der Arbeiten ist die Umgestaltung des Außenbereiches mit der Anlage eines Wegenetzes auf dem Klostergelände. Darüber hinaus gibt eine Buchbinderei, eine Steinmetzwerkstatt und den Holzbereich, der aus Kirchenbänken allerlei herstellt.

Kontakt: Andreas Jaschinski, Telefon 0 53 21 / 68 65 45 oder E-Mail: andreas.jaschinski@caritas-goslar.de
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