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KiZ Nr. 8 vom 21. Februar 2010

Zwischen Bergwerksromantik und leichtem Unbehagen
Ein Besuch im Schacht Asse II bei Wolfenbüttel: Einblicke in ein Atommülllager

Von Edmund Deppe

Es ist fast täglich in den Schlagzeilen: das Atommülllager Asse II nahe Wolfenbüttel. Edmund Deppe ist für die KirchenZeitung in 865 Meter Tiefe gefahren.

Wir ziehen uns um: Unterwäsche, Socken, Bergmannskluft, Sicherheitsschuhe und Helm. Dann geht es durch die eiskalte Luft zum Förderhaus. Jeder bekommt ein Grubenlicht, einen Sauerstoffselbst­retter für den Notfall und ein Dosimeter, ein Messgerät für radioaktive Strahlung, mit der Anzeige „0000“ – so soll sie auch nach der Besichtigung des Atommülllagers Asse II aussehen.

Für mich war die Asse gedanklich immer weit weg, doch nun stehe ich zusammen mit den anderen dicht gedrängt, wie Heringe in der Tonne, im Förderkorb. In atemberaubender Geschwindigkeit – zehn Meter pro Sekunde – rauschen wir in die Tiefe. Mit dem Bergmannsgruß „Glück auf!“ fah­ren wir ein, ein Halstuch vor dem Mund schützt vor der Kälte. Nur wenige Augenblicke, dann wird es wärmer. Die Temperatur in der Asse beträgt um die 30 Grad.

Umsteigen vom Förderkorb auf einen Pritschenwagen. Nach dem Passieren der Wetterschleuse geht es in rasanter Fahrt durch die dunklen Stollen. Erster Halt: die Zufahrtkammer für mittelradioaktiven Abfall. Durch ein Loch im Boden wurden die Fässer per Mag­netkran abgesenkt, ausgeklinkt und in die Kammer fallen gelassen. Hier stellt man sich schon die Frage, wie wohl der Zustand der Fässer sein mag. Ein flaues Gefühl in der Magengegend macht sich bemerkbar. Noch ein Blick auf das Dosimeter: „0000“.

Die Luft ist voller Salzpartikel

In der Asse wurde früher Speise- und Steinsalz abgebaut. In einer der zahlreichen Kammern bekommen wir ein Gefühl der Größe. Riesig wie eine Kathedrale ist sie. Vorbei geht die Fahrt an riesigen Kradladern, speziell für die Belange und Größe der Gänge in der Asse umgebaut. Ich fahre mit der Zunge über meine Lippen. Es schmeckt salzig. Die Luft ist voller Salzpartikel.

Der Wagen hält. In einer Mischmaschine wird Sorelbeton, ein spezieller Bergbaubeton, der aus Magnesiumoxid, Magnesiumchloridlösung und Steinsalz besteht, angemischt für die Firstspaltverfüllung. Hohlräume werden ausgefüllt, um die Asse wieder stabiler zu machen. Vorbei geht es an verbogenen Stahlträgern und Rissen in den Deckengewölben. Der Berg arbeitet, niemand weiß, wie lange man hier noch in Ruhe arbeiten kann.

Beim nächsten Halt ist der Lärm ohrenbetäubend. Früher einmal zugeschüttete Gänge müssen wieder freigemacht werden, um auch hier in die Hohlräume mit Sorelbeton zu verfüllen. Während der Arbeiter im T-Shirt seine Maschine abstellt und Asse-Betriebsführer Harald Hegemann die Firstspaltverfüllung erläutert, frage ich unsere Führerin, Annette Parlitz, wo genau der Atommüll gelagert ist. 100 Meter über uns liegt der mittelradioaktive Müll mit kurzer Halbwertzeit und 100 Meter unter uns der schwachradioaktive, allerdings mit einer langen Halbwertzeit. Aber es ist nicht so ganz klar, was genau eingelagert wurde, nicht alles ist einwandfrei dokumentiert. Eine schleichende Beklemmung macht sich in mir breit, aber das Dosimeter zeigt noch immer „0000“.

Plätschern wie von einem Gebirgsbach

Plötzlich, in einer Tiefe von 658 m, ein Plätschern wie von einem kleinen Gebirgsbach. Dieses Plätschern ist für die Asse das Ticken der ablaufenden Uhr. Denn täglich müssen 12 000 Liter eindringendes Sickerwasser entsorgt werden. Wenn sie in die Kammern gelangen, wo der Atommüll lagert, besteht die Gefahr, dass das Grundwasser verseucht wird. Hier wird wohl jedem bewusst, dass schnell gehandelt werden muss. Die Zeit rennt. Die Gefahr ist da und ein flaues Gefühl bleibt.

Inzwischen sind wir in einer Tiefe von 865 Metern angekommen und können bei einer Firstspaltverfüllung zusehen. Hinter einem Wall aus Salz scheint sich ein riesiger Betonsee zu erstrecken. Hier unten ist es richtig warm, um die 35 Grad. Unterm Helm bilden sich Schweißperlen.

Noch einmal heißt es „Aufsteigen“ und schon geht es mit dem Pritschenwagen durch die Stollen zurück. Plötzlich bremst Annette Parlitz den Wagen und lenkt ihn ganz dicht an die Stollenwand. Ein Kradlader schiebt sich langsam an uns vorbei und erinnert an einen Koloss aus dem Zeitalter der Dinosaurier. Hinter der Wetterschleuse erwarten uns Strahlenexperten. Die Schuhsolen und die Innenflächen der Hände werden gemessen – nichts Auffälliges. Und mein Dosimeter zeigt immer noch „0000“.

Mit dem Förderkorb geht es wieder hoch an die Erdoberfläche. Im Förderhaus bleiben zurück das Dosimeter, die Grubenlampe und der Sauerstoffselbstretter. Draußen empfängt uns die eisige Kälte. Nur schnell über das Schachtgelände zum Umkleiden. Meine Haare kleben, aber auch die Hände und der ganze Anzug. Die Salzpartikel haben sich überall abgesetzt.

Ab unter die Dusche. Ich tausche die Bergmannskluft in meine normale Kleidung um. Der Alltag hat mich wieder. Die Beklemmung ist gewichen, aber die Asse wird nie mehr so weit weg sein wie vor dem Besuch.


Niemand weiß, was genau drin ist

Asse II ist Ausgangspunkt des ökumenischen Kreuzwegs für die Schöpfung

Wolfenbüttel (wal). „Wie viele Planeten haben wir eigentlich?“ Diese Frage steht über dem ökumenischen Kreuzweg, zu dem das Bistum Hildesheim von diesem Sonntag, 21. Februar, an einlädt – zusammen mit Misereor und katholischen wie evangelischen Pfarrgemeinden aus der Region Wolfenbüttel und Salzgitter. Der Auftaktort könnte nicht besser gewählt sein – das Atommülllager Asse II nahe Wolfenbüttel.

Asse II steht für einen Skandal sondergleichen in der Geschichte der Bundesrepublik. Für ein Lügengrab. Denn die Wahrheit über die Lagerstätte von 126000 Atommüllfässer kam nur Schicht für Schicht ans Licht. Seit Juli 2009 bemüht sich ein Untersuchungsausschuss im Niedersächsischen Landtag um Aufklärung. Aber: Nichts Genaues weiß man nicht. Würde der Volksmund sagen. Denn was genau in der Asse drin ist, ist nicht bekannt. Im Zweifelsfall, wie bei hochgiftigem Plutonium, eher mehr, als in den Akten steht. Und wer für was verantwortlich ist, da gibt es auch nur große Fragezeichen. Die Mitglieder von Bürgerinitiativen, die auf die Gefahren hinweisen, wurden als Spinner verleumdet.

Seit Januar 2009 ist das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) Betreiber der Asse. Es sorgt für Aufklärung und will die Fässer mit Atommüll bergen. Möglicherweise wandern sie zum Schacht Konrad. Das ehemalige Eisenerzbergwerk ist als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle genehmigt.

Doch zunächst muss geprüft werden, in welchem Zustand eigentlich die zum Teil seit 1967 abgelegten Fässer sind. Sind sie zu marode, können sie nicht transportiert werden. Eine weitere Alternative – die Verfüllung mit Beton und Speziallösung – scheidet nach neuesten Kenntnissen aus. Nach 50 Jahren könnte es zum Austritt von Radioaktivität kommen.
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