11.11.2020

Priester spricht über Gebetsschulen

„Beten ist ein Handwerk“

Nach 34 Folgen geht unsere Gebetsschule zu Ende. Die Idee hatten wir von Ulrich Beckwermert, der als Pfarrer der Osnabrücker Domgemeinde jedes Jahr zur Gebetsschule eingeladen hatte. Denn, so sagt er: „Beten verändert“.

Ulrich Beckwermert ist Generalvikar des Bistums Osnabrück.
Als Pfarrer hatte der heutige Generalvikar Ulrich Beckwermert zur Gebetsschule eingeladen.

Herr Generalvikar Beckwermert, als Pfarrer haben Sie mit anderen in Ihrer Gemeinde eine Gebetsschule ins Leben gerufen. Warum?

Wir bieten in der Kirche eine ganze Menge an, etwa Kunst und Kultur. Das können die Sparkasse oder die Stadt auch. Unser Kerngeschäft ist aber das Beten. Ich hatte immer den Eindruck, dass uns das verloren geht. Die Menschen haben ein Recht darauf, dass wir sie in dieser Disziplin begleiten. Jesus hat seine Jünger das Beten gelehrt. Und die Kirche soll tun, was Jesus getan hat. 

Warum ist es für Christen wichtig, dass sie beten?

Beten verändert. Gebet ist ein Dialog, durch den ich mit Gott in Verbindung komme. Und es gibt keine Begegnung und Verbindung mit Gott, die mich nicht in irgendeiner Weise verändert und erneuert.

Gebet ist ein Dialog, sagen Sie. Aber Gott antwortet doch nicht, oder?

Überhaupt beten zu können, ist schon die Antwort Gottes. Ich kann nur deshalb beten, weil Gott in mir lebt und wirkt. Wenn ich sage: ‚Gott, ich sehe dich nicht, ich kenne dich nicht’, dann deshalb, weil er mir die Gnade schenkt, das überhaupt zu denken. 

Was kann man für das Beten lernen? 

Beten ist ein Handwerk. Man macht es tatsächlich auch mit Händen – das Kreuzzeichen, gefaltete oder geöffnete Hände. Wenn die Kinder im Kindergarten beten, tun sie das mit den Händen und viel Bewegung: so hoch, so tief, so weit. Es gibt Handschmeichlerkreuze, die man zum Beispiel Sterbenden in die Hand legt. Es ist ein Handwerk, das man lernen kann. So, wie man auch ein Instrument lernt.

Beim Instrument hilft üben. Beim Beten auch?

Ja, Übung hilft. Und die beste Übung ist abgucken. Ich sehe, dass jemand betet, und frage mich, ob das nicht auch etwas für mich und mein Leben ist. Ein Beispiel, das mir erzählt wurde: Ein Krankenpfleger, der sich bis dahin kaum Gedanken über das Beten gemacht hat, schiebt einen alten Mann in den Operationssaal und beobachtet, wie dieser ein Kreuzzeichen schlägt und die Lippen bewegt. Das hat den Pfleger so zum Nachdenken gebracht, dass er sich fragt, ob das Beten nicht auch eine Kraftquelle für ihn sein könnte. 

Wer sind die Lehrer in der Gebetsschule?

Nehmen wir noch mal die Handschmeichler oder das Sterbekreuz. Der Vater liegt im Sterben. An der Wand hängt ein Kreuz. Und keiner kommt auf die Idee, Papa das zu geben. Aber vielleicht hat er ja vorher gesagt: „Wenn ich sterbe, gib mir das Kreuz in die Hand.“ Das werden Kinder nie vergessen. Unsere alten Leute sind für uns heute ganz wichtige Gebetslehrerinnen und -lehrer, genauso wie die Kinder. Die lernen es in der Kita. Die Alten können es noch. Und dann haben wir die große Gruppe dazwischen. Als Kirche muss es uns gelingen, für die Räume zu schaffen. Etwa über die Eltern in der Kita oder in der Erstkommunionvorbereitung. 

Wo ist für manche Menschen das Problem beim Beten?

Vielleicht ist es die Frage: Warum macht Beten Sinn? Wenn ich krank bin oder im Leben an einen Punkt komme, wo nichts mehr geht, ist das Gebet schwer, wenn ich es nie gelernt und geübt habe. Es gibt so viel – vielleicht wie nie zuvor –, was wir unseren Kindern mitgeben wollen, um sie starkzumachen. Dazu gehört für mich das Beten. Es ist meine Möglichkeit, mich auszudrücken, wenn ich nicht mehr weiß, wohin mit meinem Dank oder mit meiner Bitte und Not. 

Wo hakt es bei Ihnen beim Beten? 

Je weniger ich beten möchte und je lästiger es mir ist, desto mehr spüre ich, wie sehr ich es brauche. Das ist wie ein innerer Schalter, der mir signalisiert, dass es jetzt erst recht Zeit ist zu beten. Ich habe durch mein Leben als Priester einen Fundus an Psalmen, das Stundengebet und das Vaterunser. Ich hatte meine Gebetsschule im Priesterseminar,  im Leben in der Kirche. Meine Gebetsschule waren aber vor allem die kranken Menschen, denen ich in meinem priesterlichen Leben die Kommunion gebracht habe. 

Inwiefern?

Ich habe Menschen gesehen, bei denen es um alles ging. Die hatten ein schickes Haus, Auto, Familie. Sie wussten ganz genau, dass es bald zu Ende geht. Und dann lebten sie von diesem Brot. In diesen Momenten habe ich gelernt, dass Kommunion bedeutet, sich den Menschen zuzuwenden und nahe zu sein. Ich bin oft von der Krankenkommunion geläutert nach Hause gegangen und habe gedacht: Der glaubt wirklich! Der betet wirklich! Kirche muss diese Erfahrung ermöglichen. 

Wünschen Sie sich, dass es überall solche Gebetsschulen wie in Ihrer alten Pfarrei oder in unserer Zeitung gibt?

Jede Pfarrei ist an sich eine Gebetsschule. Sie sollte sich nur fragen, an welcher Stelle das deutlich wird und ob sie einladend genug ist. Übers ganze Jahr gesehen sollte in jeder Pfarrei jeder Gläubige die Möglichkeit haben, beten zu lernen – durch einen Gesprächskreis, einen Gebetskreis oder durch Anbetung. 
Jede Erstkommunionvorbereitung sollte eine Gebetsschule sein. Aber ich glaube, dass wir schon viele Gebetsschulen haben, etwa bei den Kolpingsfamilien oder in der Erwachsenenbildung. Es gibt viel mehr, als man immer so meint. 

Interview: Ulrich Waschki