05.02.2020

Winfried Quecke gibt beim Synodalen Weg den katholischen Laien eine Stimme

„Die katholische Lehre muss sich weiterentwickeln!“

Selbstbewussten Schrittes marschiert er zum Gleis. Hier fährt in wenigen Minuten sein Zug nach Frankfurt ab. Winfried Quecke ist einer von denen, die beim Synodalen Weg den katholischen Laien eine Stimme geben. Denn er ist  wie viele davon überzeugt: In der katholischen Kirche muss sich etwas ändern!

Winfried Quecke bereitet sich während der Zugfahrt nach
Frankfurt auf die Synodale Versammlung vor.

„Wer weiß“, sagt der 60-Jährige mit einem Blick fast so, wie ihn Kinder haben, denen man ein Geheimnis ins Ohr flüstert, „ob ich nicht bei einem wirklich wichtigen Ereignis dabei bin?“ Einem Ereignis, das tatsächlich Veränderungen bringt, die die Kirche längst nötig habe. Ein Ereignis ähnlich dem Zweiten Vatikanischen Konzil, mit dessen Einberufung damals schließlich auch kaum jemand gerechnet habe.

„Es ist doch so“, erklärt Quecke: „In vielen Bereichen herrscht zwischen der Lehre der Kirche und der tatsächlichen Lebenswirklichkeit der Menschen eine riesige Kluft.“ Der katholische Geschichts- und Religionslehrer aus Hannover ist überzeugt: Wenn die Kirche endlich anfangen würde auf die Rea­lität der Menschen einzugehen, würde die Glaubwürdigkeit ihrer Botschaft wachsen. An die Synodale Versammlung hat er klare Erwartungen: Priester sollen heiraten dürfen, Frauen zu Priesterinnen geweiht werden, ausgelebte Homosexualität nicht mehr als Sünde angesehen, Lustempfinden endlich als positiver Wert der Sexualität anerkannt und klerikale Macht geteilt und kontrolliert werden.
 

Drei Tage lang tauschten sich die rund 230 Teilnehmer bei
der ersten Sitzung des Synodalen Weges über die Zukunft
der Kirche aus.

Winfried Quecke weiß, dass er mit seinen Forderungen scheitern kann. Er weiß aber auch, dass er mit diesen Forderungen nicht allein ist. Die Banner und Plakate, mit denen sich Frauen und Männer vor dem Bartholomäus-Dom in Frankfurt versammelt haben, bezeugen dies. „Kein Pflichtzölibat!“, „Frauen wehrt euch!“ und „Verändert die kirchliche Sexualmoral!“ sind nur einige der Forderungen, die darauf zu lesen sind.

Dass diese Forderungen in Rom nicht unbedingt auf Zuspruch treffen könnten, stimmt Quecke nicht weniger optimistisch. Er sagt: „Viele großen Veränderungen der Kirche sind doch in Ortskirchen angestoßen worden.“ Er ist zuversichtlich, dass das Bistum Hildesheim mit Bischof Heiner Wilmer an der Spitze ein Vorreiter eines Erneuerungsprozesses sein könnte, auf den viele Gläubige warten.

Mit neuem Schwung und Treue zum Evangelium

Auch Bischof Heiner Wilmer hat an der ersten Synodalen Versammlung teilgenommen. Gemeinsam mit Winfried Quecke und vier weiteren Teilnehmern aus dem Bistum Hildesheim setzt er große Hoffnungen auf den neuen Weg der Kirche in Deutschland. „Ich hoffe“, so der Bischof, „dass wir uns gemeinsam in Treue zum Evangelium, aber durchaus mit neuem Schwung, den vielen Fragen stellen, die die Menschen bewegen und den Mut haben, nach vorne zu schauen.“

Nach vorne schauen will auch Winfried Quecke. Seine Kirche ist ihm wichtig. Auf die Frage, warum er nicht einfach evangelisch werde, wo doch all seine Forderungen erfüllt sind, antwortet Quecke eindeutig: „Das will ich nicht. Wir haben in der katholischen Kirche so viele Traditionen, die ich nicht missen will. Man denke nur einmal an die Sakramente, oder auch praktische Formen wie die Sternsinger, die Ministranten oder die Kommunionfeier.“ Seit Jahren schon engagiert sich der zweifache Familienvater ehrenamtlich in der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL) sowie als Lektor in seiner Heimatgemeinde St. Oliver in Laatzen. Er schätzt vor allem die Lebensfreude, die in der Gemeinschaft spürbar wird. Eine Freude, die ihm nur die katholische Kirche geben könne.
 

Ein Teil der Hildesheimer Delegation beim Synodalen Weg:
(v. l.) Winfried Quecke, Weibischof Heinz-Günter Bongartz,
Bischof Heiner Wilmer und Weihbischof Nikolaus Schwerdtfeger.

Doch das ZdK-Mitglied zieht bei all seinen Forderungen auch Grenzen: „Natürlich darf sich unsere Kirche nicht allen Strömungen einfach so anpassen. Und das tut sie zum Glück auch nicht. Ich bin beispielsweise sehr stolz auf die Haltung unserer Kirche in Sachen Flüchtlinge. Da sagt sie deutlich: Wir müssen bei denen sein, die in Not sind und Hilfe brauchen.“

Hilfe brauchen auch die Opfer sexuellen Missbrauchs. Das wurde Quecke auch in diesen Tagen noch einmal bewusst. Als am Ende der Versammlung ein Opfer sexuellen Missbrauchs das Wort ergriff und darüber sprach, welchen Einfluss der Missbrauch bis heute auf sein Leben habe, zeigte sich nicht nur Quecke tief berührt: „Da hätte ich heulen können. Und da habe ich mich für unsere Kirche wieder so richtig geschämt.“

Und das will er nicht mehr. Er will, dass Kirche die Welt verändert. Momentan befinde sie sich aber in der Defensive. „Und da kann sie nicht viel ändern, weil sie ja so immer in der Position ist, sich rechtfertigen zu müssen.“

Es gibt auch Gegner des Synodalen Weges

Drei Tage lang tauschten sich rund 230 Teilnehmer über die Zukunft der Kirche aus. Drei Tage, die erst der Beginn eines Weges sein sollen, an dem sich die Geis­ter schon jetzt scheiden. „Es gibt offensichtlich den Versuch einer kleinen Gruppe von Bischöfen, die den gesamten Prozess verhindern wollen. Unmöglich finde ich, wenn sich diese Gruppe jetzt als Opfer darstellt, das niedergemacht worden ist. Hier soll offenkundig eine Legende konstruiert werden“, sagt Quecke.

In den kommenden Monaten tagen erst einmal die Synodalforen. Über die vermeintliche Minderheit, die an der Lehre der Kirche festhält, macht sich Quecke keine Sorgen: „Wenn der Synodalversammlung die Entwürfe der Foren nicht passen, ja dann gehen die in den Papierkorb.“

Martha Klawitter-Weiß