13.09.2019

Ruhestandsgeistliche im Bistum Hildesheim

„Es hat sich für uns Priester viel verändert und nicht alles ist gut!“

Domkapitular i.R. Wolfgang Osthaus, Pfarrer Benno Wessels, Prälat Heinz Voges und Pfarrer Norbert Joachim haben vieles gemeinsam: Sie befinden sich im Ruhestand, arbeiten noch immer aktiv in der Seelsorge mit und wurden vor 50 oder mehr Jahren zu Priestern geweiht. Gehorsam stehen sie zu ihrem Weiheversprechen, haben aber auch kritische Anfragen.


Jetzt bin ich, was ich immer sein wollte: Seelsorger
 

Domkapitular im Ruhestand Wolfgang Osthaus.

Hildesheim. „Mein Priesterbild hat sich grundlegend verändert“, sagt Domkapitular im Ruhestand Wolfgang Osthaus. „Ich bin Jahrgang 1939 und bin groß geworden in der Tradition des Tridentinums, habe auch, nachdem ich von der Philologie 1962 zur Theologie gewechselt bin, mein Studium und die Seminarzeit genau in dieser Tradition verlebt.“ Und dann kam das Zweite Vatikanische Konzil, „von dem wir im Priesterseminar in Fulda allerdings nichts bemerkt haben“. Aber es brachte 1967 die Liturgiereform mit sich und, „die wohl größte Veränderung für mein Priesterbild“. Denn plötzlich feierte der Priester nicht mehr den Gottesdienst für, sondern mit den Menschen, war ihnen zugewandt. „Auch wenn alles erst neu und ungewohnt war, sagte mir dieses Bild vielmehr zu“, erinnert sich Osthaus, der kurz vor seinem 80. Geburtstag steht.

Wolfgang Osthaus ist ein Priester mit klaren Kanten, der kein Blatt vor den Mund nimmt, und wenn man ihn fragt, auch konstruktive Kritik übt. Dennoch lebt er den priesterlichen Gehorsam. „Wissen sie, dass habe ich dem Bischof während der Weihe versprochen. Und diesem Versprechen bin ich bis heute treu geblieben.“ Wenn der Bischof kam und ihn woanders einsetzen wollte, „dann habe ich Ja gesagt“.

Von Station zu Station im Bistum wurde die Arbeit mehr, die Verantwortung größer. „Ich wollte eigentlich nur Seelsorger sein, für die Menschen da sein, sie im Glauben begleiten, sie für die Sache Jesu begeistern.“ Doch die Verwaltungsaufgaben wurden immer mehr, „und die Zahl der Mitbrüder immer geringer“.

Dabei hat sich Osthaus nicht vor der Arbeit gedrückt, sondern sich auch mit seinen eigenen Ideen eingebracht: Kolping Diözesanpräses, Dompfarrer, Kommission für die Domsanierung, Domkapitular. „Wenn ich dachte, ich kann eine Aufgabe abgeben, kam eher eine neue dazu – in Form einer zweiten oder dritten Gemeinde oder einer anderen Sonderaufgabe wie schließlich Stadtdechant von Hildesheim und Domkapitular. Dabei wollte ich eines ganz bestimmt nicht, Karriere in der Kirche machen.“

Immer mehr setzte sich das Managerbild durch. Osthaus wurde zum Macher. „Ja, ja. Das Wort mach mal, du kannst das, du schaffst das, habe ich oft gehört“, erinnert sich Osthaus lächelnd. Aber dabei ist auch etwas auf der Strecke geblieben: „Mir fehlte oft die Zeit für die Menschen, die Zeit für die Seelsorge.“

Als Osthaus sich für den Priesterberuf entschied, zählte der Priester noch zu den Honoratioren der Gesellschaft. „Das hat sich geändert, wir Priester sind längst nicht mehr per Amt angesehen“, weiß er. Doch er selbst genießt in Hildesheim, in der Stadtgesellschaft noch immer hohes Ansehen. „Aber das liegt glaube ich eher in meiner Person begründet, doch das Amt des Priesters kann eine Schlüsselwirkung haben, er kann ein Türöffner sein. Man geht halt anders mit uns um.“ Auch diese Erfahrung hat Osthaus immer wieder gemacht.

Das Priesteramt war für Osthaus manchmal auch eine Last. „Bezogen auf die Verwaltung, die Manageraufgaben, nicht auf die Seelsorge.“ Die Last warf Osthaus mit seiner Emeritierung, dem Eintritt in den Ruhestand über Bord. „Jetzt bin ich nur noch Herr Osthaus, ein ganz normaler Priester und ich bin glücklich. Jetzt bin ich, was ich immer sein wollte: Seelsorger“, Osthaus strahlt richtig, erleichtert fügt er hinzu: „Meine inzwischen 51 Jahre als Priester waren eine bewegende Zeit vom tridentinischen Priesterseminar bis zur Freiheit eines Pensionärs.“

Ob alles anders gekommen wäre, wenn der Zölibat nicht gewesen wäre? Verheiratete Priester, Frauen am Altar als Diakonin oder als Priesterin? Osthaus kann sich beides gut vorstellen, sagt aber auf sich bezogen: „Zurückblickend wüsste ich nicht, wo für eine Familie die Zeit gewesen wäre, um ihnen und den Aufgaben als Seelsorger gerecht zu werden.“

Ruhig ist es noch immer nicht in seinem Leben geworden. Noch immer übernimmt der Pensionär Krankheits- und Urlaubsvertretungen, ist eine Art Feuerwehrmann – „aber immer ein Seelsorger“ – und das mit ganzem Herzen.

Edmund Deppe

 

Wie engstirnig die Amtskirche gedacht hat!
 

Prälat Heinz Voges.

Göttingen. Prälat Heinz Voges ist auch 50 Jahre nach seiner Priesterweihe überzeugt, den richtigen Lebensweg eingeschlagen zu haben. „Ich würde manches wieder ganz genauso machen“, stellt der fast 80-Jährige fest. Mit 29 Jahren stand er am 14. April 1969 im Hildesheimer Dom und sprach die Worte „Hier bin ich, ich bin bereit“. Seine Richtschnur sei in all den Jahren Christus gewesen: „Die Kirche muss nach Christus schmecken, sonst hat sie Geschmacksverirrung.“

Leicht gemacht habe es ihm die Kirche in den vergangen Jahrzehnten allerdings nicht. „Ich war auch verzweifelt, aber habe keinen Zweifel gehabt“, formuliert er seine Erinnerung an schwierige Zeiten. Besonders umgetrieben hat ihn der von Papst Johannes Paul II. verordnete Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung. „Das Entscheidende ist die Gestalt Jesus Christus und die steht über allen Lehräußerungen“, erklärt Voges. Daher habe er „gewusst, was ich sage, was ich rate“. In seiner Haltung fühlte er sich bestätigt, da Gemeindemitglieder ihn gestützt hätten. „Wir müssen ja nicht auf Rom hören, wir sind hier an der Basis, da ist die Aussage unseres Pfarrers viel näher“, habe es geheißen.

Insgesamt habe ihn die „die Situation der Frau in der Kirche“ oft verzweifeln lassen. „Wie engstirnig die Amtskirche hier gedacht hat!“, meint Voges. Allerdings habe sich schon vieles gewandelt: „Die Frau, die den Altar schrubbt, aber dann verschwindet, so war es in meiner ersten Zeit, dann aber Gott sei Dank: die Frau, die Ämter in der Kirche übernimmt, Ministrantinnen, Lektorin, Wortgottesdienst-Leiterin.“ Die „Stimmen von Mann und Frau“ seien der „volle Klang der Kirche“, eines Tages werde es „keine Apartheid am Altar“ mehr geben, erwartet Voges.

Prägend für sein Priesterleben empfindet Voges seine Zeit als Kaplan in Hann. Münden, wo er seine „erste richtige ökumenische Herausforderung“ erlebt habe. „Der damalige Pfarrer war nicht in Ökumene geübt, dann hieß es: ‚Herr Kaplan, machen Sie mal‘“, erzählt Voges. Bei der ersten Veranstaltung mit dem Superintendenten sei er richtig gefordert gewesen. Anschließend habe ihn die Suche nach Ökumene nicht mehr losgelassen. „Konfessionsverschiedenheiten sind von Menschen gemacht, die Einheit der Kirche schon durch Christus gegeben“, erläutert der Prälat. Bei seiner Priesterweihe hätte er sich nicht vorstellen können, an Luthers Grab eine Predigt zu halten, so sei es aber gekommen. Zukünftig sollten sich viel selbstverständlicher „die verschiedenen Konfessionen regelmäßig treffen, nicht zu Sitzungen, sondern zu Gottesdiensten“, fordert Voges.

„Sprachlos und fast atemlos“ habe ihn hingegen „der Machtmissbrauch und die Arroganz im Klerikerstand“ gemacht, was „zu Missbräuchen und Misshandlungen“ geführt habe. „Aber die haben mich noch stärker mit der Gestalt Jesu in Verbindung gebracht. Denn wenn das ein menschlicher Apparat gewesen wäre, der wäre längst zusammengebrochen!“, urteilt Voges. „Auch in Stürmen der Kirche schwankt und wankt das Schiff der Lebensfahrt, aber wir kommen unbedingt ans Ziel, weil uns da einer empfängt, der uns trägt und hält.“

Johannes Broermann

 

Das Vertrauen der einfachen Leute

Pfarrer i. R. Benno Wessels

Bremerhaven. Ein Mann der großen Worte ist Benno Wessels nicht. Wenn er etwas sagt, dann klingen immer auch Nachdenklichkeit mit, Zurückhaltung und Abwägen. Er ist, im besten Sinne, ein Arbeiter im Weinberg des Herrn. Und so jemand würde nie auf den Tisch hauen, wenn er sich im Rückblick auf über 50 Jahre Priesterleben sagen muss: „Längst ist nicht alles so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe.“

Das Wohnzimmer im früheren Elternhaus ist eher spartanisch eingerichtet, den Möbeln ist das Alter anzusehen. Das sagt etwas aus über einen Priester, der seinen Platz immer an der Seite der kleinen Leute gesehen hat. Der gekreuzigte Christus an der Wand, dargestellt ohne Arme, hat für Benno Wessels Symbolkraft: „Wir sind seine Arme, wir müssen seine Arbeit machen.“ Das hat er immer so gesehen, in den Gemeinden des Bistums ebenso wie während der fünf Jahre in einer Gemeinde des bolivianischen Hochlandes.

Prägend ist diese Zeit für ihn gewesen, sagt er, weil er dort eine Kirche kennen gelernt hat, die den Leuten nicht mit Amt und Würden kommen kann. „Der Priester hat kein Pfarrhaus als Rückzugsmöglichkeit. Er lebt unter den Menschen, ist immer mitten unter ihnen. Sie haben ein Gespür, ob ich lebe, was ich predige.“

Benno Wessels ist Jahrgang 1935. Als Kind wächst er mit sieben Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen auf. In den Straßen des Bremerhavener Arbeiterviertels hört er von den Spielkameraden, dass er im Grunde ein Außenseiter ist. Ich bin doch nicht doof heißt da etwa so viel wie: Ich bin doch nicht katholisch. „Wir mussten uns rechtfertigen, dass wir fromm waren und kirchentreu. Aber ich habe immer gespürt, dass meinen Eltern diese Haltung viel bedeutet hat.“

Eine eigene Familie, das hätte sich Benno Wessels für sein Leben sehr gut vorstellen können. Doch irgendwann fällt er eine andere Entscheidung: Er hat schon einige Jahre als Groß- und Einzelhandelskaufmann gearbeitet, als er sich noch einmal neu orientiert: „Schon damals hieß es, dass es zu wenig Priester gibt. Und da ging mir der Gedanke durch den Kopf: Dann lass die Kirche nicht im Stich und hilf mit.“ Das klingt eher pragmatisch als nach höheren Weihen.

Wessels wird 1967 geweiht, eine Zeit, als die Gesellschaft das Diskutieren und Aufbegehren für sich entdeckt. „Diese Entwicklung kam so nicht gleich in den Gemeinden an, aber es war zu spüren, dass auch das selbstverständliche kirchliche Leben, wie wir es bisher kannten, aus den Fugen geraten wird.“ Unter den damals jungen Priestern ist das natürlich ein Thema: Die Enge des Seminars, die persönlichen Einschränkungen als Beweis für Gehorsam und Unterordnung, das trotzdem in gewisser Weise privilegierte Leben – Benno Wessels kann sich damit nicht anfreunden, ebenso wenig wie mit manchen Mitbrüdern, die alles daran setzen, sich in der Hierarchie einzurichten und nicht anzuecken. Ohnehin sympathisiert er mit den Arbeiterpriestern, die in Frankreich oder Italien eine ganz andere Art von Kirche verkörpern. Zwar kann sich diese Idee in Deutschland nicht etablieren. Aber Benno Wessels versucht, diesen Gedanken als Priester in den Gemeinden des Bistums immer wieder aufzugreifen und für die Schwachen einzustehen.

Der Pfarrer muss das Vertrauen der einfachen Leute haben. Für Benno Wessels ist das eine klare Ansage. „Als Gemeinde sind wir nur glaubwürdig, wenn es keine Einsamen gibt, wenn wir aufeinander zugehen. Nur dann haben wir eine Zukunft.“ Was muss dafür anders, was muss lebendiger werden? Wie wird die Kirche in absehbarer Zeit ohne Kirchensteuer überleben können? Wie muss sie für diese Zukunft aufgestellt sein? Das sind Fragen, die Wessels auch im Ruhestand umtreiben. Mehr Strukturen wären auf diesem Weg nur hinderlich, ist er überzeugt: „Letztlich sind sie nur Ausdruck von Ohnmacht und Misstrauen.“

Wie verfolgt ein alter Priester eine Debatte über Macht, Zölibat und Gleichstellung von Frauen, die ja längst auch unter den Bischöfen geführt wird? Wie bewertet er vor diesem Hintergrund, dass er ein Leben lang im Dienst einer Kirche steht, die heute wie selten zuvor in Frage gestellt wird? „Ein Priester hat kein Verfallsdatum, das ist mein Leben“, sagt er sehr bestimmt. Aber auch: „Unsere Kirche muss sich viel stärker öffnen. Ich persönlich hätte nichts gegen Frauen als Diakoninnen oder Priesterinnen.“ Und dann schiebt Benno Wessels einen Gedanken nach, der bei der ganzen Diskussion möglicherweise etwas ins Hintertreffen gerät: „Wir alle müssen wieder lernen, über unseren Glauben zu sprechen. Unser Credo ist keine Betriebsanleitung, die wir nur mal so flüchtig überlesen und dann für den Notfall abheften.

Stefan Branahl

 

Verzerrtes Idealbild und Spätfolgen des Zölibats

Pfarrer Norbert Joachim.

Hannover. „Die Amtskirche hat uns doch etwas vorgemacht“, sagt Pfarrer Norbert Joachim: „Und zwar ein Idealbild eines Priestertums, das es so nicht gibt.“ Der 87-Jährige hebt dabei auf zwei Aspekte ab. Zum einen: „Das Presbyterium, die Gemeinschaft der Priester als Schutzraum – das ist so nicht existent.“ Außerdienstliches Miteinander unter Brüdern mag zwar zum Idealbild zählen. Aber in das wirkliche Leben wird es nicht übersetzt.

Zum anderen: „Niemand hat uns vor den Spätfolgen des Zölibates gewarnt.“ Für Joachim betrifft das vor allem die eigene Familie. „Sehen Sie, es ist doch so“, beginnt er: „Während der Dienstzeit arbeiten wir, wenn die Familienmitglieder frei haben – und umgekehrt.“ Das Halten von Kontakt mit Verwandten und Angehörigen falle schwer. „Das kann man auch im Ruhestand nicht wieder aufbauen“, meint Joachim. So habe er selbst nur losen Kontakt zu einer Nichte und einem Neffen: „Meist nur gelegentliche E-Mails – das ist kein wirklicher Anteil am Leben.“

Joachim sagt das alles ohne Bitterkeit in der Stimme. Aber es ist ihm wichtig, das immer wieder beschworene Idealbild des priesterlichen Lebens an der Realität zu messen. „Als Ruheständler ist man für die Mitbrüder nur interessant, wenn man Vertretungen übernehmen kann“, schildert er seine Erfahrungen. Eine Erkenntnis gibt er daher an andere Ruheständler weiter: „Bleibt dran, pflegt eure Kontakte, findet eine persönliche Lösung gegen Vereinsamung.“ Ratschläge, die sicher auch für Priester im aktiven Dienst gelten.

Der Weg zum Priester war für Joachim eigentlich vorgezeichnet, erinnert er sich. Im schlesischen Lauban geboren, in der Kriegszeit großgeworden, „gab es einen Kaplan, der Impulse gesetzt hat“. Aber der Anfang war nicht leicht: Nach der Vertreibung in Hildesheim gelandet, erst Mittelschule, dann Josephinum, Studium in St. Georgen bei Frankfurt/Main und 1956 geweiht – nicht im Mariendom, die Kathedrale wurde nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg erst wieder aufgebaut. Dieser Aufbau nah dem Zusammenbruch prägt das priesterliche Wirken von Joachim: 38 Jahre bleibt er Pfarrer in Hannover-Kirchrode, zwischenzeitlich wird er auch Dechant. „Bleiben war mir wichtiger“, betont Joachim. Eine Gemeinde aufbauen hat für ihn weniger mit Steinen zu tun, sondern mehr mit Menschen – und für die wollte er verlässlich da sein. Unterstützen, helfen, aber nicht über die Köpfe regieren: „Eine Gemeinde definiert sich nicht durch den Priester, der am Samstag predigt.“

Joachim plädiert dafür, dass Bistumsleitung, Priester, Hauptamtliche und Gemeinden mehr als sichtbaren gesellschaftlichen Wandel annehmen, das Idealbild wieder an der Wirklichkeit messen: „Es gibt doch zahlreiche neue Strukturen, neue Formen von Kirche – das ist gut.“ Doch treffen diese Entwicklungen immer noch auf ausgeprägtes Beharrungsvermögen. „Das Aufrechterhalten des Alten überfordert sowohl die Mitarbeiter wie die Gemeinden“, meint Joachim. Das sei fatal.

Schritt halten mit dem Leben – das sei die wesentliche Aufgabe heute. „Die Entwicklung der Kirche in die neue Zeit geht viel zu langsam.“ Das betreffe sowohl Strukturen und die gemeinsame Verantwortung von Laien und Klerus als auch die Erkenntnisse der Wissenschaft, das Nutzen neuer Medien. Da mischt sich hörbare Ungeduld in die Stimme Joachims: „Das Öffnen zur Welt – warum fällt uns das immer noch so schwer?“

Eines ist für Joachim beim Blick auf das Priestertum aber gleich geblieben: „Es ist kein Job, es ist Berufung, man muss die Aufgabe für die Menschen fühlen – sonst geht das nicht.“ Aber diese Berufung muss in die Wirklichkeit übersetzt werden und nicht als Idealbild verzerrt bleiben. Und Priester müssen auf diese Realität vorbereitet werden, im aktiven Dienst wie beim Übergang in den Ruhestand. Für Joachim lautet seine persönliche Lösung: „Ich lebe von Kontakten.“

Regelmäßig feiert er im Altenheim Martinshof die heilige Messe, isst täglich zu Mittag in der Kantine des Vinzenzkrankenhauses, steht der Klinik auch in Notfällen zu Verfügung. Er nutzt Messagerdienste per Mobiltelefon, schreibt E-Mails: „Ein Tag mit weniger als acht Mails ist kein guter Tag“, sagt Joachim und lacht. Aber bei Kontakten müsse man dranbleiben. Wie beim Weg der Kirche in die Wirklichkeit.

Rüdiger Wala