01.03.2018

Interview mit Kultusminister Grant Hendrik Tonne

„Kirchen sind nichts Altmodisches“

100 Tage ist die neue Landesregierung nun im Amt – und damit auch der neue Mann für die Kontakte zu den Kirchen: Kultusminister Grant Hendrik Tonne. Was denkt der Sozialdemokrat über Glaube und Gebet, über Religion, Schule und Werte? Er hat es unserem Redakteur Rüdiger Wala verraten. 

Als Kultusminister auch für kirchliche und religions-
politische Angelegenheiten zuständig: Kultusminister
Grant Hendrik Tonne (SPD). | Foto: Wala

Auf ihrem Taufschein steht evangelisch-lutherisch. Wenn Sie auf ihren Werdegang zurückschauen: Welche Bedeutung hat da der Glaube?

Es ist wohl ein relativ typischer Werdegang – mit den klassischen Stationen Taufe, Konfirmation, Heirat, Taufe der Kinder. Es wäre übertrieben, mich als regelmäßigen Kirchgänger zu bezeichnen. Aber ich lege Wert auf den Bezug zur Kirche, auch zum Gottesdienst. Es war nie die Frage, lediglich standesamtlich zu heiraten. Auch die Taufe unserer Kinder gehört außer Frage ganz klar dazu.

Aber nicht nur wegen der schöneren Feier?

Natürlich kann man heute schön und feierlich heiraten ohne kirchliche Zeremonie. Die Einstellung ist heute eine andere als vor 30 oder 50 Jahren. Insofern war es für meine Frau und mich schon eine bewusste Entscheidung. Auch dass unsere Kinder den Bezug zur Kirche haben, finde ich sehr wichtig.

Was für ein Gottesbild haben Sie?

Das ist schwierig zu beantworten. Es ist immer ein Spagat zwischen einer aufgeklärten Haltung und etwas, woran man glaubt. Ich habe da kein konkretes Gottesbild, genieße aber sehr die  besondere Stimmung in einer Kirche oder  im Gottesdienst. Das sind Momente von Ruhe, von Einkehr. Das ist sehr wohltuend. Insofern entspricht mein Gottesbild eher diesem Gefühl.

Beten Sie? Suchen Sie die Zwiesprache mit Gott?

Ja, ich bete. Aber weniger in der Form von gelernten Gebeten. Es ist auch weniger eine Zwiesprache mit einer Person, sondern eher ein Nachdenken über das, was mich trägt, was mir wichtig ist.

Sie sind nun als Kultusminister auch für die Kontakte zu den Kirchen zuständig. Haben Sie diese Aufgabe übernommen, weil es zum Ministerium dazugehört oder weil sie es wollten?

Ganz klar letzteres. Ich hätte die Zuständigkeit auch abgeben können, ich wollte es aber nicht. Die Kontakte, die Gespräche mit den Kirchen, die bis jetzt stattgefunden haben, sind für mich und für das Amt sehr bereichernd – und sehr spannend.

Welche Bedeutung hat Ihrer Ansicht nach die Religion für das gesellschaftliche Miteinander?

Religion wie auch Religionsunterricht haben schon allein für die Schule einen hohen Stellenwert – auch und gerade weil die Religionen in diesem Land vielfältiger werden. Das Auseinandersetzen mit Konfessionen, mit Religionen, mit wichtigen, durch den Glauben vermittelte Werte – das haben wir in dieser Gesellschaft sehr nötig. Der religiöse Blickwinkel hilft ja auch manchmal, tagespolitische Fragen in einem anderen Licht zu sehen. Insofern kommen Religion und Religionsunterricht eine hohe Bedeutung zu.

Aber in den Koalitionsvertrag hat es ein Bekenntnis zum Religionsunterricht nicht geschafft ...

Viele Themen haben es nicht in den Koalitionsvertrag geschafft. Er kann ja gar nicht den Anspruch erheben, dass gesellschaftliche Leben in Niedersachsen in Gänze abzubilden. Zwischen den beiden Koalitionsparteien gibt es eine hohe Übereinstimmung über die Bedeutung von Religion, von Religionsgemeinschaften und Religionsunterricht.

Gibt es Überlegungen zur besseren Unterrichtsversorgung des Religionsunterrichts?

Wir stehen vor der Herausforderung, die Unterrichtsversorgung an den Schulen generell zu verbessern. Bezogen auf den Religionsunterricht: Bei den Lehrkräften, die exakt vor einem Jahr eingestellt wurden, haben 13,3 Prozent die Befähigung zur Erteilung von Religionsunterricht. Das ist ein stolze Zahl, ein guter Wert. Zudem verzeichnen wir einen deutlichen Anstieg der Teilnahme von Schülerinnen und Schülern sowohl am Religionsunterricht als auch im Fach Werte und Normen. Das heißt nicht, dass wir jetzt komplett zufrieden mit der Unterrichtsversorgung an unseren Schulen sind. Aber ich kann nicht erkennen, dass das Fach Religion besonders benachteiligt ist.

Sind konfessionelle Schulen für Sie eher lästig, weil sie eine unliebsame Konkurrenz zu staatlichen Schulen bilden oder eine sinnvolle Ergänzung?

Ganz eindeutig eine sinnvolle Ergänzung. Und sie werden von uns in keiner Weise infrage gestellt. Also weit weg von lästig.

Im Koalitionsvertrag steht, dass die Finanzhilfe für die freien Schulen – und damit auch für die konfessionellen –  überprüft und angemessen weiterentwickelt wird. Was heißt das konkret?

Die freien Schulen weisen ja zurecht darauf hin, dass die schulgesetzlichen Vorschriften zur Finanzhilfe aus dem Jahr 2007 stammen. Wenn elf Jahre ins Land gehen, gibt es auch eine Weiterentwicklung, was die Kosten betrifft. Es gilt zu überprüfen, ob die jährlich vorgenommenen Fortschreibungen mit den aktuellen Kostenwerten korrespondieren.

Und auch die Aufgaben von Schulen ...

Ja, auch die Aufgaben. Keine Frage. Wir wollten, dass die Finanzhilfe einen Niederschlag im Koalitionsvertrag findet, ohne dass man das Ergebnis einer Überprüfung vorweg nimmt. Hier im Kultusministerium ist eine Arbeitsgruppe tätig, um einen Vorschlag für eine Weiterentwicklung der Finanzhilfe zu erarbeiten. In einem zweiten Schritt werden wir darum ringen, die für eine Umsetzung erforderlichen Haushaltsmittel auch bereitzustellen.

Sie haben gesagt: Jedes Kind, das in Niedersachsen inklusiv unterrichtet werden will, wird auch inklusiv unterrichtet. Gleichzeitig eröffnen Sie Kommunen die Möglichkeit, Förderschulen länger weiterzuführen. Können Sie bei diesem Spagat dieses Versprechen halten?

Selbstverständlich. Das eine ist das Angebot an Möglichkeiten, das andere ist die Entscheidung der Kinder und Eltern, was sie anwählen. Das Recht auf Inklusion, darauf, auf eine allgemeine Schule zu gehen, haben Kinder mit Unterstützungsbedarf –  egal, ob eine Förderschule Lernen existiert oder nicht. Wir erweitern die Möglichkeiten der Schulträger, welches Angebot sie vor Ort machen möchten. Wir schränken nicht den Anspruch auf Inklusion ein.

Zurück zum Verhältnis von Staat und Kirche: Sind das tragfähige Beziehungen?

Nach all dem, was ich wahrnehme, ist das eine sehr enge und sehr gute Zusammenarbeit. Natürlich gibt es in einzelnen Fragestellungen unterschiedliche Einstellungen. Aber das belastet ja nicht den Wert der Beziehungen und den Dialog miteinander.

Das gute Verhältnis zwischen Staat und Kirche, aber auch zu Gewerkschaften und Arbeitgebern hat ja auch das Bündnis „Niedersachsen packt an“ ermöglicht“, um Flüchtlinge aufzunehmen.
Gerade dieses Bündnis hat gezeigt, was für eine wichtige Rolle Kirchen haben, was für eine unglaubliche Leistung vor Ort bei der Aufnahme und bei der Integration von geflüchteten Menschen möglich wurde. Das wäre ohne Kirchen, ohne Ehrenamtliche aus den Gemeinden nicht möglich gewesen.

Es gibt zwei aktuelle religionspolitische Baustellen. Zum einen der Feiertag. Welche Position nimmt der „Kirchenminister“ ein?

Ich hab eine klare Festlegung. Zum einen werbe ich dafür, einen religiösen Feiertag zu nehmen. Denn es muss mit dem Tag etwas verbunden werden, und gerade unsere Kirchen sind es, die in der Lage sind, einen solchen Tag inhaltlich zu gestalten. Sonst bleibt es nur ein freier Tag. Der neue Feiertag muss aber mehr sein als ein Festakt mit 50 Teilnehmenden in Hannover. Bleibt zum anderen die Frage, welcher Tag: Da bin ich schon der Auffassung, dass der Reformationstag geeignet ist – trotz der Vorbehalte auch von katholischer Seite. Nicht als „Martin-Luther-Gedenktag“, sondern weil die Reformation viele wichtige Impulse für die Gesellschaft mit sich gebracht hat. Das gilt insbesondere für den damaligen Diskurs über Bildungsteilhabe der Bürger und die Weiterentwicklung des Bildungswesens in Deutschland. Eine im Übrigen hochaktuelle Debatte. Unter anderem deshalb werbe ich für den Reformationstag. Aber auch alle anderen Vorschläge haben ihre Berechtigung und guten Gründe.

Nun haben nicht nur Katholiken Vorbehalte, sondern gerade die jüdischen Gemeinden lehnen den Reformationstag ab. Wie kann dieser Tag da noch religionsübergreifend gestaltet werden?

Die Position der jüdischen Gemeinden ist nachvollziehbar und hat natürlich Gewicht. Deswegen sage ich: Es gibt kein richtig oder falsch bei der Wahl des Feiertags, sondern wir müssen sorgsam abwägen. Ich glaube, wir können den Reformationstag mit der gebotenen Distanz und der genauso gebotenen Kritik an der Person und den unsäglichen antijudaistischen Ausfällen Martin Luthers’ begehen. Das hat das Reformationsjahr gezeigt. Es geht nicht um Verehrung.

Zweite Baustelle ist die nicht zum Abschluss gekommene Übereinkunft mit muslimischen und alevitischen Verbänden. Gehen die Gespräche da weiter oder liegen sie auf Eis?

Der Austausch mit den Verbänden wird fortgesetzt. Das ist auch richtig so. Schließlich gehören die muslimischen Verbände und die Muslime zu Niedersachsen. Wir brauchen diese Gespräche. Für den Abschluss einer Vereinbarung müssen notwendige Voraussetzungen erfüllt werden – zum Beispiel eine gewisse Staatsferne. Wir haben bereits in dieser Amtsperiode ein erstes Gespräch geführt und weitere vereinbart. Ich bin zuversichtlich, dass wir Fortschritte erzielen und klare Spielregeln vereinbaren.

Letzte Frage; Was wünschen Sie sich von den Kirchen – politische Einmischung oder mehr Predigten im Gottesdienst?

Die Kirchen haben sich in den letzten Jahren sehr verantwortungsvoll zu Wort gemeldet. Dieses Einmischen in Politik wünsche ich mir auch weiterhin. Die Kirche ist ein fester Bestandteil der Gesellschaft und darf sich nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Damit soll und muss sie sich auch laut und deutlich zu politischen Fragestellungen äußern. Ich wünsche mir, dass Kirche und Staat weiterhin eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten – in all den Fragen, die wir gerade erörtert haben. Kirchen sind nichts Altmodisches, sondern notwendig – für ihre Mitglieder und für die ganze Gesellschaft.

Interview: Rüdiger Wala