24.12.2018

Geistlicher Impuls zu Weihnachten

„Und wäre Christus nicht in dir geboren …“

Wann ist eigentlich Weihnachten? Welches Datum für das Fest ist das richtige? In unserem geistlichen Impuls für die Weihnachtsausgabe der KirchenZeitung geht Prälat Dr. Nikolaus Wyrwoll dieser Frage nach.

 

ã Ein typisches Ikonenmotiv rund um die Weihnachtserzählung: Im Zentrum stehen Maria und das Jesuskind samt Ochse und Esel. Rundherum sind verschiedene Gruppen angeordnet: Engel, Hirten, Sterndeuter, Johannes, der Rufer in der Wüste, Maria auf Besuch bei Elisabeth – und der abseits sitzende Josef. | Foto: kna

 

Vor ein paar Tagen habe ich eine der aramäischen Kirchen hier in Istanbul besucht. Plötzlich stand ich vor einer besonderen Ikone, einer, die vom Weihnachtsgeschehen erzählt.
Ich habe sie lange betrachtet: das Kind in der Krippe, Maria, den etwas abseits sitzenden Josef, die Hirten, Engel, die Sterndeuter sowie Ochs und Esel. Als ich nun so vor der Ikone stand, kam mir eine Frage in den Sinn. Warum feiern wir Christen eigentlich Weihnachten an unterschiedlichen Tagen? Wir, die Westchristen, begehen Weihnachten noch im alten Jahr, am 25. Dezember, und einige Ostkirchen gleich zu Beginn des neuen Jahres am 6. oder sogar erst am 7. Januar.
Von alters her hatte der 25. Dezember für die Menschen eine herausragende Bedeutung. So galt er in den antiken Kulturen als Tag der Sonnenwende: Im vorderasiatischen Mithras-Kult wurde an diesem Tag die Geburt des indischen Lichtgottes gefeiert. Bei den alten Ägyptern wurde mit dem Isiskult die Geburt des Horus auf diesen Tag gelegt. Die Feiern zu Ehren des Gottes Saturn, des unbesiegbaren Sonnengottes, fanden bei den Römern an diesem Tag statt, die Germanen feierten Mittwinterfest oder Julfest an eben diesem Tag.
Für uns ist Christus der unbesiegbare Sonnengott, die „Sonne der Gerechtigkeit“, wie der Prophet Maleachi (Mal 3,20) sagt. Und der Evangelist Johannes spricht von Christus als „das Licht der Welt“ (Joh. 8,12), „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“ (Joh. 1,9). Er lässt seine Sonne aufgehen über allen Menschen, über Gerechten und Ungerechten, denn er ist in die Welt gekommen, um ein Heiland für alle zu sein.
Im  Jahr 217 fanden die Christen in Rom, dass das Fest der Geburt Christi sinnvoll am 25. Dezember gefeiert werden müsse. Die Päpste Hyppolit  und später auch Liberius im Jahre 354 haben sich dafür ausgesprochen, ebenso das  Konzil von Konstantinopel im Jahr 381, in dem unser Credo, unser Glaubensbekenntnis endgültig formuliert wurde.  In Deutschland  setzte sich der Brauch, das Fest der Geburt Jesu am 25. Dezember zu feiern, gegen Ende des 1. Jahrtausends durch.
Viele beginnen heute das Weihnachtsfest bereits am 24. Dezember, dem Heiligabend, eigentlich dem Vorabend von Weihnachten – ganz in der Tradition der Schöpfungsgeschichte, in der jeder Tag mit dem Abend beginnt, „es ward Abend und Morgen, der erste Tag“.  So hat jeder Tag eine sakramentale Menschwerdungs-Dynamik: erst tut Gott etwas für uns, Feierabend, Abendessen, Nachtruhe, und in der zweiten Hälfte jeden Tages antwortet der Mensch in der Kraft der Gnade mit seinem Tun für andere und für sich.
So kommt es, dass wir Christen, die in der Tradition der römischen, der Westkirche stehen, Weihnachten am 25. Dezember feiern – entsprechend der Kalenderreform Gregor des Großen. Die christlichen Kirchen der Orthodoxie dagegen, die den julianischen Kalender beibehalten haben, feiern Weihnachten erst am 7. Januar.  Das gilt für die Kopten, Russen, Serben, Makedonier, die Mönche in Jerusalem, auf dem Berg Athos und auf dem Berg Sinai.
Doch wann ist nun das richtige Weihnachten? Bei den armenischen Christen, hier in Istanbul, wird in ihren über vierzig Kirchen und Pfarreien die Geburt des Herrn am 6. Januar gefeiert.
Armenien, das erste Land, das das Christentum als Staatsreligion annahm – im Jahre 301.  Für das Fest der Geburt Jesu  haben die Armenier das Datum 25. Dezember bis heute nicht übernommen.  Die Geburt Jesu, das Sichtbarwerden (griechisch: Epiphania)  des Kindes nach neun  Monaten im Leib Mariens, feiern sie am 6. Ja­nuar – Epiphania, Erscheinung des Herrn. An unserem  „Dreikönige“ feiern sie mit all den Texten und Handlungen des Festes der Liebe, wie wir sie auch aus unseren Weihnachtsgottesdiensten  kennen. Aber noch viel stärker wird betont, dass das sichtbare Erscheinen Gottes als Mensch für die ganze Welt gilt, für alle Menschen.
Doch Weihnachten soll nicht nur am 25. Dezember, soll nicht nur am 6. oder 7. Januar sein. Die Menschwerdung Gottes, das Sichtbarwerden Gottes soll jeden Tag passieren – in meinem Leben, in unserem Leben.

Prälat Nikolaus Wyrwoll

Deshalb haben unsere Mütter und Väter im Glauben einige Wochen der Besinnung vor das Weihnachtsfest gelegt, in denen wir spüren sollen, dass Gott in uns Mensch werden will. Und dann ist es eigentlich egal, ob wir Weihnachten nun mit dem Heiligabend beginnen oder erst am Fest Epiphanie feiern. Es kommt nicht auf das Datum, sondern auf die innere Einstellung an. Oder wie es Angelus Silesius gesagt hat: „Wäre Christus tausendmal in Betlehem geboren und nicht in dir, du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Nikolaus Wyrwoll