01.12.2020

Interview mit Thomas Heek

„Wir sind sehr flexibel“

Kurz nachdem das Grenzdurchgangslager Friedland im September vor 75 Jahren gegründet wurde, nahm im November auch die Caritasstelle ihre Arbeit auf. Über aktuelle Aufgaben und Herausforderungen spricht ihr Leiter Thomas Heek im dritten Teil unserer Friedland-Serie.

Der Jugendclub Kakadu der Caritasstelle im
Grenzdurchgangslager.

Das Grenzdurchgangslager Friedland ist eine staatliche Einrichtung. Warum ist es so wichtig, dass die Caritas dort hilft?

Aus Behördensicht ist Friedland vor allem eine Verwaltungseinrichtung, in der Menschen ankommen und weitergeleitet werden. Das ist schon immer so. Für Spätaussiedler ist hier das Bundesverwaltungsamt zuständig, für Asylverfahren ist es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Die Landesaufnahmebehörde organisiert Unterbringung und Verpflegung. Hinzu kommen als Wohlfahrtsverbände die Innere Mission des Diakonischen Werks und die Caritas. Wir kümmern uns um die Menschen, während sie in Friedland sind, und bereiten sie auf das Leben in Deutschland vor. Wir beraten und helfen, dass sie emotional ankommen, etwa mit dem Frauenzentrum, dem Jugendclub und der Kleiderkammer. Neben dem Behördenstress haben sie so Möglichkeiten, Orientierung zu finden und soziale Kontakte zu haben.

Wer kommt derzeit nach Friedland?

Alle Personen, die hier ankommen, haben zuvor eine Menge erlebt. Die Spätaussiedler lassen ihr komplettes bisheriges Leben hinter sich. Die Asylsuchenden haben meist eine mehrjährige, beschwerliche Flucht hinter sich und leiden unter traumatisierenden Erlebnissen in den Herkunftsländern und auf der Flucht. Denken Sie an Lager in Griechenland oder Italien, an Überfahrten über das Mittelmeer, auch die Balkanroute existiert weiter, wo Menschen in provisorischen Camps jahrelang festhängen. Auch Menschen in legalen Aufnahmeprogrammen wie Resettlement, HAP und NesT (siehe „Zur Sache“) haben eine mehrjährige Flucht hinter sich.
 

Die Caritas organisiert für Neuankommende „Buddytreffen“
mit Menschen, die schon früher nach Deutschland gekommen sind.

Wir befinden uns außerdem in der paradoxen Situation, dass Deutschland Menschen aus Griechenland dauerhaft aufnimmt. Gleichzeitig erhalten andere Menschen, die bereits in Deutschland sind und einen Asylantrag gestellt haben, Bescheide, dass sie nach Griechenland zurückkehren müssen, weil sie dort nach Europa eingereist sind. Die Grundidee der EU mit Hotspots in Griechenland, auf Malta und in Italien, hat sich als unrealistisch erwiesen. Ich finde es gut, dass 1553 Menschen aus Griechenland aufgenommen werden. Das ist natürlich viel zu wenig und ändert nichts an der Grundproblematik. Wer Menschen aus den Hotspots holt, darf nicht andere dorthin zurückschicken.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie?

Inzwischen sind alle Spätaussiedler zunächst für zwei Wochen andernorts in Quarantäne untergebracht und werden zweifach getestet, bevor sie in Friedland ankommen. Bei den Geflüchteten aus den Aufnahmeprogrammen, wie zum Beispiel aus Griechenland, ist es so, dass sie sich in Friedland fast die gesamte Zeit in Quarantäne aufhalten. Erst ein, zwei Tage, bevor sie bundesweit weiterverteilt werden, können sie sich hier frei bewegen. Wir, ebenso wie die Behörden, schauen nun, wie wir die Menschen überhaupt erreichen, wie wir Betreuung und Beratung trotz Quarantäne sicherstellen.

Wie machen Sie das?

Es ist schwierig. Insbesondere über digitale Kanäle versuchen wir gemeinsam mit der Inneren Mission und der Landesaufnahmebehörde die Menschen zu betreuen. Allerdings können viele zunächst nicht mit allen Onlineangeboten umgehen, trotz mehrsprachiger Aushänge und Infomaterial auf den Zimmern. Immerhin kommen die meisten mit Handys und wir haben hier sehr gutes Internet. Es bleibt aber schwierig, so den Bedarfen der Menschen gerecht zu werden.

Thomas Heek leitet die Caritasstelle
Friedland.

Inwiefern müssen Sie sich immer wieder auf neue Gruppen einstellen?

Bei Spätaussiedlern gab es durch Corona sehr viel Unsicherheit, wie sie überhaupt noch nach Deutschland kommen können. Wir sind auch in den Herkunftsländern bekannt und bekommen auch sonst viele Anfragen von Menschen, die noch gar nicht eingereist sind. Für Asylsuchende gibt es fortlaufende Rechtsänderungen, bei denen unsere Mitarbeitenden ständig auf dem aktuellen Stand sein müssen. Das gilt auch für alle Aufnahmeprogramme. Eine Herausforderung ist es, für die einzelnen Gruppen die entsprechenden Kapazitäten zu haben, je nach Belegung in Friedland, aber wir sind sehr flexibel.

Haben Sie nach dem Sommer 2015, als viel mehr Menschen nach Deutschland flüchteten als in anderen Jahren, für die Arbeit der Caritas etwas verändert?

Die Zeit von 2014 bis 2016 war eine derartige Ausnahmesituation, dass sie für nichts exemplarisch stehen kann. Die Ankunftszahlen stiegen schon vorher, darauf wurde vom Bund kaum reagiert, aber auf diese hohen Flüchtlingszahlen hätte sich vermutlich keine Behörde richtig vorbereiten können. Es war eine schwierige Zeit, weil die Behörden nicht richtig funktionierten. Die Menschen mussten sehr lange in Notunterkünften ausharren bei gleichzeitiger Unklarheit über ihre Asylverfahren. Im Normalbetrieb ist das Lager für 800 Personen, maximal für 1200 Personen ausgelegt. Wenn dann über 3500 Personen hier sind, kann man sich vorstellen, wie das ausgesehen hat: Es standen nicht ausreichend Betten zur Verfügung. Die Menschen durften mit Schlafsack und Isomatte auf Behördenfluren schlafen.

Wie halten Sie Kontakt zu Menschen, die in Friedland von der Caritas betreut wurden?

Zu vielen Menschen besteht noch nach Jahren Kontakt. Es gibt immer mal wieder Besuch. In den Aufnahmeprogrammen arbeiten wir mit einigen sogar zusammen. Sie helfen uns in der Beratungsarbeit, wenn wir Treffen zwischen Neuankommenden und ehemals Eingereisten organisieren, sogenannte Buddytreffen. Wir laden eine Person ein, die von ihren eigenen Erfahrungen berichtet, wie sie sich in den vergangenen zwei, drei Jahren in Deutschland eingelebt hat.

Interview: Johannes Broermann

 

Asylsuchende und Aussiedler
Asylsuchende kommen zunächst in einem der beiden niedersächsischen Ankunftszentren Bramsche und Bad Fallingbostel-Oerbke an und stellen dort ihren Asylantrag. Anschließend werden sie in Friedland untergebracht und nach mehreren Wochen kommunal verteilt oder bei negativem Asylverfahren in eine andere Einrichtung gebracht.

Geflüchtete in Aufnahmeprogrammen: Bei Resettlement, Humanitärer Aufnahme (HAP) oder „Neustart im Team“ (NesT) werden Geflüchtete bundeszentral zunächst zwei Wochen in Friedland untergebracht und anschließend kommunal verteilt. Dabei handelt es sich um Personen, die legal mit Aufenthaltsperspektive einreisen. Unter www.resettlement.de betreibt die Caritas eine eigene Internetseite dazu.

Spätaussiedler sind Menschen deutscher Abstammung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, für sie gilt das BVFG („Vertriebenengesetz“), sie werden bundeszentral in Friedland aufgenommen. Für jüdische Zuwandernde stellt Friedland die Landeserstaufnahmeeinrichtung Niedersachsen dar.

(job)