28.07.2022

Bischof von Charkiw

15 Prozent der Wohngebäude zerstört

Über fünf Monate dauert der zerstörerische Angriffskrieg Russland in der Ukraine nun an. Pawlo Honcharuk, Bischof von Charkiw, berichtet von den aktuellen Zuständen in der zweitgrößten Stadt der Ukraine.

Von Bomben völlig zerstörte Häuser in Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Foto: imago images/NurPhoto

In der ukrainischen Stadt Charkiw sind nach den Worten des dortigen katholischen Bischofs Pawlo Honcharuk schätzungsweise 15 Prozent der Wohngebäude und der Infrastruktur zerstört. "Manchmal haben die Menschen nur noch das, was sie am Leib tragen, weil alles verbrannt ist", sagte Honcharuk dem in München ansässigen katholischen Hilfswerk "Kirche in Not" (Donnerstag). Einerseits herrsche ein Gefühl der Hilflosigkeit, andererseits versuchten die Einwohner die Normalität so lange wie möglich aufrecht zu erhalten.

"Die Unternehmen, die in der Lage dazu sind, führen ihren Betrieb fort. Auch Krankenhäuser und die städtischen Versorgungsunternehmen arbeiten immer noch", so der Bischof. Schulen und Universitäten liefen weiter. Polizei und Feuerwehr seien "vollständig funktionstüchtig". Angesichts der seit über fünf Monaten andauernden Kämpfe seien viele Menschen abgestumpft gegenüber den ständigen Gefahren. Bei Beginn des Kriegs hätten die Menschen bei Luftangriffen die Schutzräume nicht verlassen. Viele blieben sogar dauerhaft dort. Doch nun stelle er fest, dass manche mutiger geworden seien; "Die müde Psyche beginnt, das Gefühl der Gefahr zu unterdrücken."

Lebt in ständiger Angst: Bischof Pawlo Honcharuk aus Charkiw.
Foto: imago images/Ukrinform 

Da die Stadt nah an der Front im Osten liege, gebe es den ganzen Tag über Angriffe, sagte Honcharuk. Erst jüngst seien keinen Kilometer von seinem Aufenthaltsort entfernt Bomben eingeschlagen. Er selbst sei wie viele Einwohner darauf gefasst, dass jeder Tag sein letzter sein könnte: "Ich weiß, dass ich das Geschoss nicht hören werde, das mich trifft. Wenn ich also eine Explosion höre, heißt das, dass ich noch lebe. Wir sind auf einen plötzlichen Tod vorbereitet." Das täglich erfahrene Leid drohe auch ihn bisweilen zu überwältigen, räumte der Kirchenmann ein. "Das Böse ist so groß und zynisch. Kriege lassen sich sehr leicht auslösen, aber wie kann man sie wieder beenden?"

kna