04.07.2018

50 Jahre Humanae Vitae

"Das Lehramt hat sich isoliert"

Ein Aufschrei ging durch das Kirchenvolk, als Papst Paul VI. vor 50 Jahren die Enzyklika Humanae Vitae veröffentlichte. Das Verbot der künstlichen Verhütung, habe „Kopf und Herz der Gläubigen nie erreicht“, sagt der Moraltheologe Eberhard Schockenhoff.

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Die Erfindung der hormonellen Verhütung war der Anstoß zur Enzyklika Humane Vitae. Foto: fotolia


Die Veröffentlichung von Humanae Vitae sei ein Wendepunkt gewesen, sagt Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe an der Universität Freiburg. „Die Aufbruchstimmung nach dem Konzil kippte, und erstmals war die große Mehrheit des Kirchenvolks nicht bereit, dem Lehramt zu folgen.“ Der geforderte Gehorsam zum Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung widersprach der Lebenserfahrung. „Damit hat sich das Lehramt zumindest in Fragen der Sexualmoral isoliert“, so Schockenhoff.

Für die Moraltheologie hatten die Enzyklika und die jahrzehntelangen Versuche, sie einzuschärfen, mehrere Konsequenzen. „Zum einen haben Nachwuchswissenschaftler, die von Rom noch eine Lehrerlaubnis bekommen wollten, sich um andere Themen gekümmert“, sagt Schockenhoff. Andererseits habe sich durch die Debatte die Moraltheologie weiterentwickelt. „Humanae Vitae war der Abschied vom Naturrecht“, sagt Schockenhoff. An die Stelle trat die sogenannte autonome Moral, also der Gedanke, dass auch christliche Moral vernunftgemäß begründet sein muss und dass das Gewissen des Einzelnen höher steht als jede befohlene Norm.

Das bedeutet nicht, dass die Kirche etwa zu Fragen der Sexualität nichts sagen dürfe. „Wenn in Humanae Vitae steht, dass in Fragen der Verhütung die Menschenwürde beachtet werden muss und die Frau nicht zum Objekt gemacht werden darf, ist das bleibend wichtig“, sagt Eberhard Schockenhoff. Die naturrechtlich begründete Aufteilung von (guter) natürlicher und (schlechter) künstlicher Geburtenregelung ist hingegen kaum nachvollziehbar.


Benedikt und Franziskus wiederholen die Lehre nicht

Schon Papst Benedikt XVI. scheint das verstanden zu haben. „Zum 40-jährigen Erscheinen der Enzyklika hat er die normative Verurteilung der künstlichen Empfängnisverhütung mit keinem Wort wiederholt“, so Eberhard Schockenhoff.

Darin folgt Papst Franziskus ihm, wenn er die prinzipielle Offenheit für Kinder in einer christlichen Ehe voraussetzt, aber in Bezug auf die Methoden der „verantworteten Elternschaft“ sagt, es gebe „viele, viele zulässige Lösungen“. Und in Amoris Laetitia heißt es, die Eheleute müssten „dieses Urteil im Angesichts Gottes letztlich selbst fällen“. (Nr. 222)

Wäre es also an der Zeit, die Lehre von Humanae Vitae offiziell zu relativieren? „Das Lehramt sagt ungern, dass es sich geirrt hat“, sagt Eberhard Schockenhoff – obwohl er das in diesem Fall „konsequent“ fände. Denn faktisch, sagt er, sei die Lehre „zwar nicht aufgehoben, aber doch stark zurückgenommen“. Benedikt und Franziskus stimmten offenbar darin überein, „das Gewicht der Lehre herabzusetzen“. Und das sei, so der Moraltheologe, „ein wichtiger Schritt, um verlorenes Vertrauen ins Lehramt zurückzugewinnen“.

Von Susanne Haverkamp