13.02.2019

Ist der Glaube ohne die Auferstehung nutzlos?

Gott und die Ewigkeit

Das ist eine steile These, die Paulus im Korintherbrief vertritt: dass Glaube an Gott nutzlos ist, wenn man nicht an die Auferstehung glaubt. Große Teile des Alten Testaments sehen das anders – und manche heutige Christen auch.

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Der Sand rinnt durch das Stundenglas, irgendwann ist das Leben zu Ende. Was danach kommt, ist Glaubenssache. Foto: kna

Paulus lebte in einer Zeit, in der es weder Katechismen noch Dogmatiken gab. Jedenfalls nicht in dieser sich gerade entwickelnden Religion, die man heute Christentum nennt. Damals sprach man eher von Hausgemeinden, auf Griechisch ecclesia: Kirche. 

In diesen Gemeinden entwickelte sich die christliche Lehre. Dort erzählte man sich Geschichten von Jesus: was er getan und gesagt hatte, wie er starb und was Menschen nach seinem Tod mit ihm erlebten. Diese Erlebnisse brachten viele zu der Überzeugung: Jesus lebt! Und zu der Hoffnung: Auch wir werden leben!

Unumstrittene Lehre war das aber noch nicht, wie die heutige Lesung zeigt. Offenbar wurde in der Gemeinde in Korinth sehr kontrovers darüber diskutiert, ob Jesus wirklich am dritten Tage aufstand – und selbst wenn, ob daraus folgt, dass die Verstorbenen zu neuem Leben auferweckt werden. Reicht es nicht, lautete die Frage, im Hier und Jetzt nach der Lehre Jesu zu leben, barmherzig und versöhnend zu sein, zu helfen und trösten, zu teilen und die Nächsten zu lieben – und doch anzuerkennen, dass Gott seine Schöpfung eben so eingerichtet hat, wie wir sie tagtäglich erleben: als eine vergängliche? Als eine, in der das Dasein des Einzelnen endlich ist?

Weiterleben in Kindern und Kindeskindern
 

Jahrhundertelang haben Juden genau das geglaubt. Sie sahen sich als Teil einer Gemeinschaft – und die lebte weiter. Das eigene Leben setzte sich in Kindern und Kindeskindern fort. Und falls man kinderlos blieb, hatte man die Verwandten, die Familie, die Sippe, den Stamm, in denen das Leben quasi ewig weiterging. 

An Gott geglaubt haben sie trotzdem. Gott ist der Herr über seine Schöpfung; er hat den Einzelnen ins Leben gerufen, ihm die Zahl seiner Jahre bemessen, ihm den Auftrag gegeben, die Erde zu bewahren, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Und irgendwann ist der Auftrag beendet, der Mensch stirbt und andere führen das Leben der Sippe weiter.

Erst kurz vor der Geburt Jesu entstanden im Judentum Strömungen, die von Auferstehung sprachen. Im Kern ging es um Gerechtigkeit, um Lohn und Strafe, um Ansporn, das Gute zu tun und nicht nur auf den eigenen irdischen Vorteil bedacht zu sein. Über die jüdischen Märtyrer heißt es im zweiten Makkabäerbuch: „Unsere Brüder sind jetzt nach kurzem Leiden mit der göttlichen Zusicherung ewigen Lebens für den Bund Gottes gestorben; du jedoch wirst beim Gericht Gottes die gerechte Strafe für deinen Übermut zahlen.“ (7,36)

Zur Zeit Jesu vertraten die Pharisäer diese revolutionäre Auffassung; die Sadduzäer hielten dagegen an der traditionellen Lehre fest. Wo kommen wir denn da hin, wenn in einer so wichtigen Frage plötzlich eine theologische Meinung vertreten wird, die den heiligen Schriften der Tora eindeutig widerspricht? Ketzerei ist das, Anbiederung an den Zeitgeist, falscher Modernismus, ein verquerer Wunsch nach Individualität.

Jesus war in dieser Frage den Pharisäern zugeneigt, was ein langes, bei Matthäus, Markus und Lukas überliefertes Streitgespräch mit den Sadduzäern über die Auferstehung zeigt. Gott sei ein Gott der Lebenden, nicht der Toten, meint Jesus. Aber er sagt auch, dass das Leben bei Gott ganz anders sein wird: „Wenn die Menschen von den Toten auferstehen, heiraten sie nicht, noch lassen sie sich heiraten, sondern sind wie Engel im Himmel.“ (Markus 12,25)

Die Sache mit der Auferstehung war also neu und umstritten. Kein Wunder also, dass man den ersten Zeuginnen der Auferstehung Jesu nicht glaubte: „Die Aposteln hielten das alles für Geschwätz.“ (Lukas 24,11) Erst nach und nach und durch viele unerklärliche Erfahrungen mit der Gegenwart Jesu erhielt die Hoffnung Nahrung: Jesus lebt. Und wenn Gott Jesus auferweckt hat, dann wird er auch „die in Christus Entschlafenen“, wie Paulus in der Lesung sagt, auferwecken. Diesen Auferstehungsglauben christlicher Prägung will Paulus einschärfen, der sich selbst in der Apostelgeschichte übrigens als „Pharisäer und Sohn von Pharisäern“ (23,6) bezeichnet.

Viele Christen zweifeln an der Auferstehung
 

Heute wird der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod oft als das typische Kriterium von Religion beschrieben. Auch in dem vorwurfsvollen Sinne, dass Glaubende sich einfach nicht mit ihrem eigenen Tod und der Ungerechtigkeit der Welt abfinden könnten und deshalb Konstrukte wie die Auferstehung, Gericht oder die Wiedergeburt erfänden. Dabei ist, wie der Blick in die Religionsgeschichte gezeigt hat, ein Gottesglaube auch ohne Auferstehungsglaube möglich; er wurde jahrhunderlang gelebt. 

Bis heute ist der Auferstehungsglaube auch unter Christen keineswegs sichere Überzeugung. Gerade macht das Buch „Kein Tod auf Golgatha“ des renommierten Mittelalterhistorikers – und nach eigenen Aussage gläubigen Christen – Johannes Fried Furore, der die These aufstellt, Jesus habe die Kreuzigung überlebt. An Auferstehung glaubt er nicht. Und damit steht Fried nicht allein. Bei einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA zu Ostern 2017 stimmte nur etwas mehr als jeder zweite Katholik der Aussage zu, dass Jesus am Kreuz gestorben und von den Toten auferstanden sei. Und an das eigene Weiterleben nach dem Tod glauben danach nur vier von zehn katholischen Christen. Nach den Geboten Gottes und Weisungen Jesu leben möchten sie trotzdem. Manch einer sitzt vermutlich regelmäßig sonntags in der Kirchenbank.

Ist der Glaube an Gott „nutzlos“, wie Paulus in der Lesung sagt, wenn er nicht den Glauben an die Auferstehung einschließt? Sind wir, wie er sagt, „erbärmlicher dran als alle anderen Menschen, wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben“? Nein. Sicher ist dieser Glaube unvollständig, bestimmt auch hoffnungsloser und weiter weg vom Glauben Jesu und vom christlichen Glaubensbekenntnis. Aber nutzlos ist es sicher nicht, wenn jemand in der Nachfolge Jesu als Christ lebt und Gott und den Memschen dient. Vielleicht ist diese Art der Nächstenliebe manchmal sogar selbstloser als die guten Taten derer, die nur christlich handeln, weil sie auf einen Lohn im Himmel hoffen oder eine Strafe im Gericht fürchten.

Wenn Sie also zu der Hälfte von Christen gehören, die an der Auferstehung zweifeln, dann lassen Sie sich von Paulus nicht ängstigen. Denn erstens ist auch ein unvollständiger Glaube ein Glaube und zweitens ruft Jesus in seiner Predigt immer zuerst zur Praxis auf und dann erst zur Theorie. „Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“

Susanne Haverkamp