03.01.2022

Abschied vom südafrikanischen Kardinal Desmond Tutu

"Der spirituelle Vater unserer Nation"

Er war der erste schwarze Bischof von Johannesburg und galt als moralischer Kompass: Nun ist Erzbischof Desmond Tutu in Kapstadt beigesetzt worden.

Foto: kna/Marco Heinen
War ein Fürsprecher für Unterdrückte: Desmond Tutu, Erzbischof von Kapstadt, ist nun im Alter von 90 Jahren gestorben. Foto: kna/Marco Heinen


Südafrika hat "Hamba kahle" (Auf Wiedersehen) zu Desmond Tutu gesagt. "Obwohl wir uns heute schweren Herzens von ihm verabschieden, salutieren wir unserem geliebten Erzbischof für alles, womit er diese Nation mit aufgebaut hat", sagte Staatspräsident Cyril Ramaphosa bei dem offiziellen Trauergottesdienst in der Kapstädter St. George's-Kathedrale. Sein Leben lang sei Tutu "an der Seite der Obdachlosen, Hilflosen, Verfolgten, Kranken und Verzweifelten" gestanden. Während Nelson Mandela "der Vater unserer Demokratie war, war Erzbischof Desmond Tutu der spirituelle Vater unserer neuen Nation", so Ramaphosa.

Der anglikanische Erzbischof von Kapstadt, Thabo Makgoba, segnete den Sarg mit Weihrauch und Weihwasser. Davor hatte Tutus früherer Stellvertreter, Bischof Michael Nuttall, in seiner Predigt an dessen Wirken als Kirchenmann erinnert: "Er mag von kleiner Statur gewesen sein, doch moralisch und spirituell er war ein Riese in unserer Mitte. Sein Glaube war echt, niemals geheuchelt oder halbherzig. Er hat ihn gelebt, selbst als dieser einen hohen Preis von ihm abverlangte." Tutu habe "egal unter welchen Umständen" gebetet und gepredigt. So erzählte Nuttall, wie beide einst auf einen Anschlussflug am Frankfurter Flughafen warteten, als Tutu spontan eine Eucharistiefeier leitete.

1985 wurde Desmond Mpilo Tutu innerhalb der anglikanischen Kirche zum ersten schwarzen Bischof von Johannesburg gewählt, ein Jahr später als erster Afrikaner zum Erzbischof von Kapstadt. Er verwandelte die St. George's-Kathedrale im Herzen der weißen Parlamentshauptstadt zum Brutplatz des Widerstands: Am Pult wetterte Tutu gegen das Apartheid-Regime und die Rassentrennung. "Wer in einer Situation der Ungerechtigkeit neutral bleibt, hat die Seite des Unterdrückers gewählt", sagte Tutu einst. Er starb am vergangenen Sonntag im Alter von 90 Jahren in Kapstadt.

Vor der Trauerfeier hatten sich Südafrikaner aller Altersgruppen und Hautfarben versammelt, um von dem Friedensnobelpreisträger Abschied zu nehmen. Der Blaulicht-Konvoi und das Mediengetümmel, mit dem der Leichnam empfangen wurde, standen im Gegensatz zu Tutus letztem Wunsch: in einem "möglichst billigen", schlichten Holzsarg aufgebahrt zu werden. Die Regenbogennation beging eine Woche der Staatstrauer. Landesweit wehten die Flaggen auf halbmast. Der Tafelberg, das Kapstädter Rathaus und Universitätsgebäude wurden violett bestrahlt; Tutus kennzeichnende Bischofsfarbe.

 

Kritik an Korruption, Gewalt und sozialer Ungleichheit

Neben Irlands Ex-Präsidentin Mary Robinson nahm auch die ehemalige First Lady und Witwe Nelson Mandelas, Graca Machel, an der Trauerfeier teil. Sie appellierte am Vorabend der Beisetzung: "Ehe er von Mutter Erde umarmt wird, sollte jeder von uns sich fragen: wodurch kann ich ein Geschenk für diese Welt werden, wie der Erzbischof es war?"

Tutu war bis zuletzt als "moralischer Kompass" seiner Heimat bekannt. So blieb er selbst in Rentnerjahren ein Fürsprecher für Unterdrückte weltweit. "Das waren tiefe Sorgen für ihn", sagte Pfarrer Peter-John Pearson von der Südafrikanischen Katholischen Bischofskonferenz. "Weltfrieden und auch die Armut, die uns überall umgibt, die Zerbrechlichkeit der Demokratie in vielen Teilen der Welt, ebenso wie der Aufstieg von Populisten und Nationalisten. Diese Zeichen unserer Zeit bereiteten ihm große Sorge."

Kritik übte Tutu bis zuletzt auch an den Missständen, die Südafrika 28 Jahre nach dem Ende der Apartheid plagen, wie Korruption, Gewalt oder soziale Ungleichheit. Während der Covid-Pandemie wurde der Geistliche zum Impfbefürworter. In Rollstuhl und Strickweste appelliere er an die Südafrikaner, "das Richtige" zu tun und sich impfen zu lassen. Mit dem für Tutu typischen Lachen meinte er: "Wer mein Alter erreicht hat, fürchtet sich weniger vor kleinen Nadeln als davor, sich bücken zu müssen."

"Der Erzbischof und die Generation meines Großvaters waren außergewöhnliche Persönlichkeiten und es wird eine weitere Generation brauchen, um solche Führer für Südafrika hervorzubringen", sagte Mandelas Enkelsohn Mandla dem Staatssender SABC. Doch er habe Hoffnung. "Junge Leute beginnen, gegen Vetternwirtschaft und Frauenmord zu revoltieren. Wir können beobachten, wie jugendliche Südafrikaner sich an vorderster Front gegen diese Missstände auflehnen."

kna