02.01.2019

Interview mit Mediziner und Missionar Tom Catena

Der vergessene Konflikt im Süden Sudans

Konflikte nach allen Seiten, doch international vergessen: Die Menschen in den Nuba-Bergen im Süden Sudans sind arm, ihre Nöte bekommen international kaum Aufmerksamkeit. Hilfsorganisationen wagen sich selten in die Region. Der Mediziner und Missionar Tom Catena hat dort vor rund 10 Jahren ein Krankenhaus aufgebaut. Im Interview spricht der mehrfach ausgezeichnete Arzt aus den USA über die schwierige Lage und die Gesundheitsversorgung in der Region.

Foto: kna
Wichtige Arbeit: Tom Catena ist als Missionar und Mediziner in den Nuba-Bergen im Süden des Sudans. Foto: kna


Herr Catena, Ihr Krankenhaus liegt in den Nuba-Bergen im Süden Sudans an der Grenze zum Südsudan. Wie ist die Lage dort?
Offiziell gehören die Nuba-Berge zum Sudan. Aber das Gebiet wird von Rebellen kontrolliert, der sudanesischen Befreiungsarmee. Die kämpfen gegen die sudanesische Regierung in Khartum und fordern Unabhängigkeit. Wir in den Nuba-Bergen leben in der Schwebe. Aktuell ist es zwar ruhig, aber niemand weiß, in welche Richtung sich die politische Situation entwickelt und ob es wieder zu Kämpfen kommt.


Was heißt das für ihre Arbeit im Krankenhaus?
Vieles ist improvisiert und umständlich. Wir müssen mit wenig auskommen. Es kann auch sein, dass ich morgens in die Klinik komme und ein Mitarbeiter sitzt aus nicht nachvollziehbaren Gründen im Gefängnis. Daran können Sie dann auch wenig ändern. Rechtsstaatlichkeit in dem Sinne gibt es nicht.


Wie sieht der Alltag im Krankenhaus aus?
Ich fange morgens gegen sieben Uhr an. Dann untersuchen mein Kollege und ich die Patienten. Pro Tag sind das etwa 300 Menschen, die mit allen möglichen Problemen zu uns kommen. Von Müttern mit Frühchen, die nur ein Kilogramm wiegen, bis zu Kindern mit Krebs ist alles dabei. Nachmittags operiere ich dann. Und auch sonst bin ich rund um die Uhr erreichbar.


Das Krankenhaus ist das einzige für rund eine Million Menschen.
Ja. Unser Einzugsgebiet hat in etwa die Fläche von Österreich. Manche Patienten kommen aus Flüchtlingslagern im Südsudan, andere verstreut aus den Bergen. Viele sind mehrere Wochen unterwegs, um uns zu erreichen.


Sudan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Können die Menschen sich überhaupt eine Behandlung leisten?
Die Patienten zahlen einen symbolischen Beitrag von 45 Cent. Das ist quasi eine Flatrate für die gesamte Behandlung. Allerdings deckt das nicht ansatzweise die Kosten. Zum Vergleich: Ein HIV-Test kostet allein 60 Cent. Das meiste wird über Spenden abgedeckt. Die Betriebskosten für das Krankenhaus liegen bei rund 660.000 Euro. Wir beschäftigen 230 Mitarbeiter, davon 80 Krankenschwestern. Viele von ihnen haben keine richtige Ausbildung, sondern wurden "on the Job" angelernt.


Woher beziehen Sie Medikamente und was Sie sonst brauchen?
Das ist kompliziert. Aber immerhin erreichen uns seit dem Friedensschluss zwischen Sudan und Südsudan 2015 einigermaßen verlässlich Güter. Die Medikamente kaufen wir in Nairobi in Kenia ein. Sie werden dann in den Südsudan gefahren. Dort gibt es eine einzige Straße, über die alles, Güter, Lebensmittel oder Medikamente, zu uns in die Berge kommt. Wenn es dort Ärger gibt, sind wir von der Versorgung abgeschnitten.


Fühlen Sie sich vergessen oder allein gelassen?
Sudan und die Nuba-Berge, das ist quasi ein vergessener Konflikt. Die Vereinten Nationen haben die Region verlassen und keinen Fuß mehr in der Tür. Aber wenn Regierungen und Institutionen scheitern, müssen Einzelpersonen die Lücken füllen und sich um die Menschen kümmern. Genau das ist in Nuba passiert. Ich sehe es als Teil meiner Aufgabe, nicht nur medizinisch zu helfen, sondern auch Aufmerksamkeit auf den Konflikt zu lenken. Die Menschen dort haben ansonsten niemanden, der für sie spricht und sich für sie einsetzt.


Warum nicht? In Zeiten von Migration spielt Afrika für Europa strategisch schon eine Rolle ...
Sudan war lange international verteufelt, galt als Terroristenstaat. Die Migrationskrise in Europa hat das zwar geändert, aber einseitig. Viele Flüchtlinge aus Eritrea ziehen über den Sudan nach Libyen und wollen von dort Richtung Europa. Die EU bezahlt dem Sudan viel Geld, um Migranten auf dem Weg zu stoppen. Dabei geht das Regime oft brutal vor.


Was erwarten Sie von der EU?
Die EU sollte darüber nachdenken, an welchen Stellen sinnvoll Geld eingesetzt werden kann. Denn bei den Menschen selbst kommt in weiten Teilen des Sudan derzeit nichts an. Die meisten Menschen dort kennen seit Jahren nur Krieg und haben die Nase voll davon. Ihnen würde ein Friedensabkommen zwischen Sudan und den Rebellen in den Bergen helfen. Dafür sollte man sich auch international einsetzen.


Der Sudan ist offiziell ein muslimischer Staat und Sie gehören zur christlichen Minderheit - beeinflusst das Ihre Arbeit?
Das Zusammenleben von Muslimen und Christen in den Nuba-Bergen ist einzigartig. Christen bilden dort eine ziemlich große Minderheit. Eine religiöse Kluft gibt es nicht wirklich. Manche Muslime sind mit Christen verheiratet und umgekehrt. Für Fundamentalisten im Norden gelten die Muslime in den Nuba-Bergen deshalb aber als Ungläubige.


Welche Rolle spielt Religion für Sie?
Mein Glaube ist der Grund, warum ich die Arbeit mache. Ich bin als katholischer Missionar im Sudan. Dort als Arzt zu arbeiten macht Spaß, birgt Herausforderungen und ist sinnvoll. Aber nach einer Weile lässt die Faszination nach, es wird schwierig und frustrierend. Denn nichts funktioniert so wirklich. Und jeden Tag geht etwas schief. In anderen Ländern würde sich jemand darum kümmern, im Sudan nicht. Zurück bleibt harte Arbeit. Der Glaube hält mich bei der Stange.

kna