04.03.2019

Fastenaktion von Misereor

"Das Land ist ein Flickenteppich"

Die Mara-Banden sorgen in El Salvador und anderen Ländern Mittelamerikas für Angst und Schrecken. Viele Geschichte sind über die Jugendgangs in Umlauf. Was davon stimmt? Ein Gespräch mit Benjamin Schwab, der an der katholischen UCA-Universität von San Salvador über Gewalt und Kriminalität bei Jugendlichen forscht.

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Forscht über die Jugendbanden: Benjamin Schwab aus Freiburg
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Herr Schwab, die Mara-Banden sind inzwischen dunkle Macht und Mythos zugleich - woher kommt eigentlich der Name?
Dazu gibt es diverse Theorien und Spekulationen. Mara bezeichnet zunächst einmal einfach eine Gruppe von Freunden, von jungen Leuten, so eine Art Clique. Das Ganze soll wohl zurückgehen auf einen US-amerikanischen Film aus den 50er-Jahren, wo es um die Marabunta ging, eine Killerameise. Später wurde daraus dann eine Art Kultbegriff.


Wann und wo entstanden die ersten Banden?
Die Mara-Gangs, wie es sie heute in Mittelamerika und damit auch in El Salvador gibt, sind allesamt in den USA entstanden.


Wie das?
Bereits in den 60er-und 70er-Jahren wanderten viele Menschen aufgrund der sozialen Ungleichheit und Gewalt, die damals schon in Mittelamerika herrschten, in die USA aus. Aus El Salvador kam es im Zuge des Bürgerkriegs ab 1980 zu einer weiteren Welle der Migration. Die Neuankömmlinge siedelten sich in den Randbezirken der Großstädte an, die Salvadorianer ganz besonders in Los Angeles.


Was geschah dann?
Sie haben dort in sehr großer Armut gelebt, sich mit Rassismus auseinandersetzen müssen und sind dort auch in Konkurrenz getreten zu anderen Randgruppen, also zu afroamerikanischen Gangs und zu marginalisierten weißen Gruppen. Viele Jugendliche blieben sich selbst überlassen. Und haben sich recht bald in Banden organisiert, die nach und nach einen kriminellen Habitus annahmen. In den 1980er-Jahren radikalisierte sich die Szene, es kam neben Drogenhandel immer wieder auch zu Mordfällen und zu Schutzgelderpressung.


Wie reagierten die US-Behörden?
Mit einer Politik der harten Hand. Massenhaft wurden ab den 1990er-Jahren Jugendliche aus El Salvador, Guatemala oder Honduras in ihre Herkunftsländer abgeschoben, obwohl sie in den USA aufgewachsen waren und die meisten von ihnen nicht mal richtig Spanisch konnten. Das stellte gerade El Salvador nach dem Ende des Bürgerkriegs vor riesige Herausforderungen.


 

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Waffen verboten: Schilder weisen eine
Verbotszone in San Salvador aus. 
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Im kleinsten Land Mittelamerikas leben aktuell rund 6,7 Millionen Einwohner. Wie viele davon sind Mitglied bei den Mara-Banden?
Man geht derzeit von etwa 60.000 Bandenmitgliedern aus. Und 500.000 Menschen, die mit den Mareros verbunden sind, also Familienmitglieder, das direkte Umfeld. Aber das sind Schätzungen. Es ist sehr schwierig, an verlässliche Daten zu kommen.


Warum?
Weil die Grenzen zwischen einem Mara-Mitglied und einem Nicht-Mitglied fließend sind. So stehen schon 9-jährige Kinder an Laternen oder Straßenecken Schmiere und schlagen Alarm, wenn die Polizei kommt. Zum Teil machen sie das freiwillig, zum Teil, weil sie mit den Mareros verwandt sind, zum Teil, weil sie auf der Straße leben. Manchmal werden sie auch von Bandenmitgliedern gezwungen oder bedroht.


Was treibt Heranwachsende denn freiwillig in die Fänge der Banden?
Gerade Jugendliche, die aus zerrütteten Familien kommen, sagen sich: "Hier habe ich jemanden, der auf mich aufpasst, hier bekomme ich Schutz, Liebe." Auch materielle Bedürfnisse werden gedeckt. Bei den Maras heißt es immer: "Wenn einer zu essen hat, haben alle zu essen." Sehr oft haben die Jugendlichen keine wirkliche Wahl: Das ist ihre einzige Perspektive.


Wie finanzieren sich die Maras?
Das Geschäftsmodell hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr diversifiziert. Ursprünglich haben sie Schutzgeld erpresst, von Geschäftsleuten oder Buslinien, die durch ihr Viertel fuhren. Mancherorts sind sie in großem Stil in den Drogenhandel eingestiegen. In El Salvador ist das allerdings nicht so häufig der Fall. Stattdessen gibt es mittlerweile Firmen, Autowerkstätten, verschiedene Service-Dienstleister, die in den Händen der Mareros sind.


Wirtschaftsfaktor Mara-Banden?
Es wird auf legale und illegale Weise Handel getrieben. Das Spektrum reicht vom Verkauf von Gasflaschen bis hin zu Waffen- und Menschenhandel.


Es heißt, einzelne Banden hätten ganze Viertel unter ihrer Kontrolle.
Das komplette Land - nicht nur die Städte - ist inzwischen wie ein Flickenteppich in eine Vielzahl an kleinen Territorien aufgeteilt. Es gibt allerdings keine Landkarte, aus der sich ersehen ließe, welches Territorium genau welcher Bande gehört, zumal es auch ständige Auseinandersetzungen gibt. Da können sich teilweise innerhalb von Tagen in bestimmten Straßen die Machtverhältnisse ändern. Man kann das faktisch nicht wissen, wenn man nicht aus der Gegend kommt.


Was bedeutet das für den Alltag der Menschen, ihren Bewegungsspielraum?
Dass sie bestimmte Viertel grundsätzlich meiden - oder bei ihnen unbekannten Gegenden sagen: "Da gehe ich lieber nicht hin, weil ich nicht weiß, wer da das Sagen hat."


Gibt es Berührungen zwischen Mara-Banden und den Kirchen?
Jede Kirchengemeinde, die Sozialpastoral in den betroffenen Territorien betreibt, kommt nicht umhin, in ständigem Kontakt mit den Maras zu stehen.


Wie muss man sich das vorstellen?
Es kann beispielsweise um eine Karfreitagsprozession gehen, die jahrzehntelang durch ein bestimmtes Viertel geführt hat und plötzlich nicht mehr stattfinden kann, weil die Hälfte der Kirchgänger aus Angst vor der dort herrschenden Mara-Bande diese Straße nicht mehr überqueren kann. Dann bleibt eigentlich nur übrig, Übereinkünfte mit den Banden zu treffen.


Wie blicken die Mareros auf die Kirche?
Die Mareros sind in ihren Vierteln verwurzelt, ihre Geschwister, Kinder, Familien leben auch da. Wenn sie sehen: Da ist eine Kirche, die sich sozial engagiert, die Bildungsarbeit macht, dann wird das respektiert. Zudem gibt es eine sehr ausgeprägte traditionalistische Volksfrömmigkeit.


Das heißt?
Viele Bandenmitglieder haben eine gewisse Ehrfurcht vor Gott, den sie als strafenden Richtergott sehen. Da lautet die Devise dann: Mit dem lege ich mich lieber nicht an. Also auch nicht mit denen, die in die Kirche gehen oder als Priester diesem Gott dienen.

kna