27.02.2019

Gewaltfreie Kommunikation

Mund und Herz

Das Wort bringt die Gedanken des Herzens hervor, sagt die Lesung. Und Jesus meint, dass böse Worte aus einem bösen Herzen kommen. Das ist durchaus bedenkenswert – in öffentlichen wie in privaten Streitigkeiten.

„Wie war es? Erzählt doch mal von eurem Urlaub!“ Wenn Freunde oder Familie das fragen, lassen wir uns meist nicht zweimal bitten. Wir erzählen ausführlich von der schönen Landschaft, von den Ausflügen, vom guten Essen und von den netten neuen Urlaubsbekanntschaften. 

„Wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund“, heißt es im Evangelium an diesem Sonntag. Der biblische Spruch ist heute vor allem als Redewendung bekannt. Jesus geht es im Lukas-
evangelium aber um mehr als schöne Erinnerungen. Er will sagen: Das Herz ist das Zentrum des Menschen. Achtet auf euer Herz, denn dort entscheidet sich, ob ihr gut oder schlecht seid, ob ihr gut oder schlecht handelt. „Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens das Gute hervor und der böse Mensch bringt aus dem bösen das Böse hervor“, sagt er seinen Jüngern zur Warnung.

Skandale lassen das Herz höherschlagen

Ob Urlaub, eine Beförderung, eine überstandene Krankheit oder große Familienfeste – wir erzählen gerne von dem, was in unserem Leben gut ist. Davon fließt unser Herz über. Aber auch Tuscheleien, Geheimnisse und vermeintliche Skandale lassen bei manch einem das Herz höherschlagen. Gemeinsam zu tratschen, kann Spaß machen. Manche Psychologen sehen den Tratsch gar als sozialen Kitt, der Freundschaften und Familienbande stärken kann.

Aber Worte können auch verletzen, Tratsch kann gefährlich sein. Papst Franziskus warnt immer wieder vor Lästereien: „Habt ihr nicht im Fernsehen gesehen, wie das die Terroristen machen? Die schmeißen eine Bombe und rennen dann weg. So ist Lästern: eine Bombe werfen und dann verschwinden“, sagte er im Frühjahr 2017, als er mit Kindern und Jugendlichen einer römischen Pfarrgemeinde sprach. Er warnte: „Niemals lästern!“ Gerede könne Familien, ganze Stadtviertel oder eine Pfarrei zerstören, vor allem aber das Herz. „Wenn dein Herz imstande ist, eine Bombe zu schmeißen, dann bist du ein Terrorist. Du tust im Verborgenen Böses, und dein Herz wird korrupt“, sagte Franziskus.

Das Herz als der Ort, an dem sich Gutes oder Schlechtes sammelt. Und das anschließend aus dem Mund fließt: als böse oder gute Worte, wohlwollend oder hasserfüllt, aufbauend oder zerstörend. So sieht es die Bibel und so sagt es der Papst. Ist das übertrieben? Ist jeder, der schlecht von anderen spricht, der vielleicht Hassbriefe oder unflätige Leserbriefe schreibt und Menschen beleidigt, wirklich von Grund auf böse? 

Nein, sagte der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg. In den 1960er Jahren entwickelte er das Konzept der gewaltfreien Kommunikation. Wer heute diesen Begriff bei Google eingibt, findet massenhaft Tipps und Kurse: Gewaltfrei zu streiten, scheint bis heute ein Problem zu sein. Auch in Ehen und Familien.

Rosenberg geht konstruktiv an das Problem heran. Zunächst, sagt er, sei jeder Mensch auf gute Verbindungen ausgerichtet. Niemand will schlecht handeln oder schlecht sein. Aber: Er kann, wie Papst Franziskus sagt, zum Terroristen werden, der Worte wie Bomben benutzt. Und aus eigener Erfahrung weiß jeder, dass manchmal ein Wort anders verstanden wird, als es gemeint war – und einen Streit auslösen kann. Und das berührt das Herz.

Ein Beispiel: „Ich bin traurig, weil du zu spät kommst“, sagt sie. „Du weißt doch, dass ich lange arbeiten muss und viel Stress habe. Jetzt mach’ du mir noch ein schlechtes Gewissen“, sagt er. „So geht das aber nicht weiter. Du musst auch mal für mich da sein“, sagt sie. Und er explodiert: „Du hast gut reden, hast den ganzen Tag nichts zu tun ...“ Ein Wort gibt das andere. Der Zorn im Herzen wächst. Was ist schiefgelaufen?

Jeder hat ein Bedürfnis nach Liebe

Rosenberg sagt, dass jeder Mensch Bedürfnisse hat. Er möchte akzeptiert werden, Aufmerksamkeit bekommen, sich entwickeln, Freude am Leben haben, lieben können, sich sicher fühlen und jemandem vertrauen können. Jede Handlung und jedes Verhalten sind darauf ausgelegt, ein Bedürfnis zu stillen. 

Sie sagt: „Ich bin traurig, weil du zu spät kommst.“ Sie stellt nicht nur fest, dass ihr Partner spät dran ist, sondern verknüpft es gleich mit einem moralischen Vorwurf: „Du hast dafür gesorgt, dass ich traurig bin.“ Dabei meinte sie eigentlich: „Ich bin traurig, weil ich gerne die Zeit mit dir verbracht hätte.“ Nur: Gesagt hat sie es nicht. Ihr eigentliches Bedürfnis nach gemeinsamer Zeit mit ihm kann er nicht erkennen. Er hört den Vorwurf heraus und verteidigt sich.

Was fühle ich? Was fühlt der andere?

Wer gewaltfrei kommunizieren will, muss solche Situationen erkennen – und tief durchatmen. Er muss überlegen: Wie ist die Situation, ganz wertfrei betrachtet? Was fühle ich? Was fühlt der andere? Was möchte ich? Was möchte der andere? Wie bekommen wir beide das, was wir uns wünschen? 

Gewaltfreie Kommunikation hat viel mit Empathie zu tun: Wir müssen uns in den anderen hineinfühlen. So im Alltag zu sprechen, sich zurückzunehmen, immer zu versuchen, die Perspektive des anderen einzunehmen, ist mühsam und braucht Übung. Aber: Es kann helfen, Konflikte zu lösen oder zu vermeiden. 

Wer sich bemüht, im Alltag auf seinen Mitmenschen zu achten und zu respektieren und wer das auch mit den richtigen Worten ausdrückt, der zeigt ganz offen, wie sein Herz beschaffen ist. Denn gute Kommunikation verändert uns. Mit jedem liebevollen Wort und mit jedem Streit, den wir vermeiden, sammeln wir Gutes in unserem Herzen. Das Herz und der Mund, das Fühlen und das Reden: Sie haben wohl mehr miteinander zu tun, als man manchmal selbst wahrhaben will.

Kerstin Ostendorf