30.10.2018

Gottes- und Nächstenliebe im Alltag leben

Eine Maria-Martha

Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe: ein zentraler Text für Juden und Christen. Wie man Nächstenliebe umsetzt, ist vielen klar: helfen, wo Not ist. Aber wie liebt man Gott, so im Alltag?

Foto: Andreas Kaiser
Vom Junkie bis zur Ordensfrau: Die Ärztin Edelgard Ropel engagiert sich trotz Rentenalters immer noch in Vollzeit für ihre Patienten. Foto: Andreas Kaiser


Die Praxis der Hausärztin Edelgard Ropel wirkt wie aus der Zeit gefallen. Als hätten sich die 1980er Jahre in die Moderne herübergerettet. Bei den Schwestern im Vorzimmer herrscht Plauderton. Im Wartezimmer ein Kaleidoskop von Menschen: Neben einem nervösen Junkie sitzen zwei Ordensschwestern und ein paar Großstadthipster. Und wenn die Ärztin jemand gut kennt und spürt, dass hinter dem körperlichen Ungemach womöglich etwas Seelisches lastet, betet Ropel für die Kranken. Und manche ihrer Patienten sind überzeugt, ihre Gebete wirken, „haben eine besondere Kraft“. Sie ist „geistgeführt“, hat mal ein Bekannter gesagt. Und genau dieser Eindruck bestätigt sich in der Begegnung mit ihr. Es gibt wahrscheinlich nur wenige Menschen, durch die die Gegenwart Gottes so hindurchscheint wie bei der katholischen Ärztin. 


Zur Gottesliebe gehört: ihm täglich Zeit widmen

Auf die Frage, wie man Gott liebt, lautet ihre spontane Antwort: „Indem man versucht, ihn zu hören, zu verstehen. Und auf Jesus schaut.“ Jeden Morgen um halb sechs – bevor ihr prall gefüllter Alltag beginnt – steht die Ärztin auf und meditiert bis sechs. „Ich versuche dann leer zu sein, offen zu sein, wie eine Schale, die gefüllt werden kann.“ Denn wenn man Gott liebt und in seinem Leben wirken lassen will, muss man ihm Raum und Zeit geben. Das hört sich eigentlich ganz einfach an. Doch für die meisten Menschen würden allein diese seit Jahrzehnten praktizierten kontemplativen Zeiten eine gehörige Portion Disziplin erfordern. Bei Ropel verhält es sich anders. Es wuchs von innen, wirkt nie aufgesetzt oder gewollt. 
Schon als junges Mädchen verspürte sie die Sehnsucht, „sich Gott auszusetzen“. Ihre Eltern waren katholisch. Vor allem die Mutter war in der Gemeinde sehr aktiv. Doch der Tochter war das nicht genug. Etwas verschämt erzählt die Ärztin, dass sie als Kind „oft in den Kleiderschrank geklettert“ ist, um mit Gott alleine zu sein. „Das hat mich so gezogen.“ 


Was die Liebe zu Gott und den Menschen angeht, orientiert sie sich an Jesus. „Wie er den Menschen begegnet, diese Offenheit für jeden, dass er sich ganz persönlich den Menschen zuwendet, auf ihre Nöte eingeht“, fasziniert sie. „Er macht da keinen Unterschied, so wie er sich Gott zuwendet, wendet er sich den Menschen zu.“ Wenn sie über Christus spricht, spricht sie – wahrscheinlich ohne dass ihr das selbst bewusst ist – stets im Präsens. Und es wird klar, dass für sie Gott gegenwärtig ist. Genau jetzt, in diesem Moment.


Zur Gottesliebe gehört: Erfahrungen weitergeben

Zu Ropels Gottesliebe gehört wohl auch, dass sie gerne weitergibt, was sie selbst im Glauben gefunden hat. Schon in jungen Jahren entschied sie sich für ein eheloses Leben, wie es gewöhnlich nur Ordensleute führen, um so mehr Zeit für Gott und die Menschen zu haben. Neben dem Medizinstudium absolvierte Ropel eine Ausbildung zur Katechetin. Wie ein Schwamm sog sie „auch all das Trockene“ und Theoretische über den Glauben in sich auf. 
Auf der Suche nach Gleichgesinnten stieß sie in Berlin 1974 auf den Jesuitenpater Hubertus Tommek und dessen Gebetskreis. Das charismatische, freie Gebet, die Geistlichen Übungen von Ordensgründer Ignatius von Loyola sowie die Kontemplation wurden ihre spirituelle Heimat. Der Pater spornte die junge Frau bald an, „selbst Impulse zu geben“.


1984 gründeten die beiden mit anderen die Basisgemeinschaft Monte Crucis. Mindestens zweimal im Jahr gestaltet sie Einkehrzeiten. In der Glaubens- und Lebensschule leitet sie jeden zweiten Dienstag „Exerzitien im Alltag“ an. An jedem Mittwochabend kommt bei ihr zu Hause ein Gebetskreis zusammen. Erst vor kurzem hat sie mit zwei Freundinnen den christlichen Windhauch-Verlag gegründet. Auch als geistliche Begleiterin ist Ropel gefragt. Ihr Handy klingelt oft. Aber irgendwie scheint es, als ließe sich die Ärztin dadurch nie aus der Ruhe bringen.


Obwohl die Katholikin inzwischen 68 Jahre alt ist, führt sie ihre Arztpraxis in Vollzeit weiter. Zudem betreut sie Patienten in zwei Pflegeheimen. Da ihre Praxis nur knapp 500 Meter von Berlins berüchtigtem Drogenumschlagplatz, dem Kottbusser Tor, entfernt liegt, haben etliche ihrer Patienten ein Suchtproblem. Als in den 1980er Jahren die Substitutionstherapien aufkamen, stieg sie sogleich ein. Als Ärztin hatte sie beobachtet, dass nur wenige Heroinabhängige den Ausstieg in ein dauerhaft abstinentes Leben schaffen. Dass Ersatzstoffe wie Methadon „nur eine Krücke“ sind, ist ihr durchaus bewusst. Aber es hilft etlichen Patienten, „ein menschwürdiges Leben zu führen“, sagt sie.
Auf die Frage, warum sie – trotz Rentenalters – noch arbeitet, sprudelt es aus der Ärztin nur so raus. „Weil mir die Arbeit viel Freude macht. Fast wie am ersten Tag. Weil mich Menschen interessieren, auch und gerade in ihrer Vielfalt. Weil jeder Mensch eine ganze Welt in sich trägt. Und weil ich gerne helfe.“ 

Gottesliebe geht nur zusammen mit anderen

Seit etlichen Jahren lebt Ropel zusammen mit zwei katholischen Frauen und dem an Parkinson erkrankten Jesuitenpater Tommek in einer WG. „Ich habe jetzt das, was auf mich zugeschnitten ist. Ich lebe in einer kleinen Gemeinschaft, die wiederum umrahmt ist von einer größeren Gemeinschaft“ – Monte Crucis und der katholischen Kirche. Davon, dass Ropel in ihrer WG nicht nur ein spirituelles Leben führt, sondern auch den pflegebedürftigen Priester mitversorgt, macht sie kein Aufheben. Fast scheint es so, als vereine sie in ihrem Leben das Kontemplative, die Gottesliebe, und das Caritative, die Liebe für den Nächsten. Etwas salopp ausgedrückt, könnte man wohl behaupten: Edelgard Ropel ist Martha und Maria in Personalunion. Aus diesem Holz sind Heilige des Alltags geschnitzt.

Andreas Kaiser