27.06.2018

ZDF-Kirchenexpertin Michaela Pilters im Interview

"Früher waren wir kirchenorientierter"

Seit 1985 war Michaela Pilters (65) Leiterin der ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch". Ende Juni 2018 geht sie in den Ruhestand. Pilters war verantwortlich für die Doku-Reihe "37 Grad", die Übertragung der katholischen Sonntagsgottesdienste und das Magazin "sonntags". Außerdem moderierte sie bei Sondersendungen zu Katholikentagen und Papstbesuchen. Im Interview zieht Pilters Bilanz.

Foto: kna
Michaela Pilters
Foto: kna

Frau Pilters, wenn Sie an die Anfänge Ihrer Arbeit 1985 zurückdenken: Was ist der inhaltlich größte Unterschied zu heute?
Damals hatten wir die Sendung "Tagebuch aus der katholischen Kirche", und dann gab es noch das "Tagebuch aus der evangelischen Welt". Daran kann man schon erkennen: Wir waren sehr viel stärker kirchenorientiert. Wir haben eigentlich eine elektronische Kirchenzeitung produziert.

 


Ist die ZDF-Kirchenredaktion heute nicht mehr "kirchenorientiert"?
Im Magazin "sonntags - TV fürs Leben", das wir inzwischen am Sonntagmorgen senden, spielt Kirchenberichterstattung so gut wie gar keine Rolle. Unsere Sendungen haben sich in eine Richtung entwickelt, die auf keinen Fall mehr konfessionsspezifisch ist, bestenfalls religiös. Sie bieten Orientierungs- und Lebenswissen.


Und wo bleiben dann die kirchlichen Themen?
Aktuelle kirchliche Themen finden heute vor allem in den ZDF-Nachrichten und Nachrichtenmagazinen statt. Und natürlich gibt es weiterhin die klassischen Verkündigungssendungen, also die Gottesdienstübertragungen.


Hat sich durch diese Änderung in der Herangehensweise das "Standing" der Kirchenredaktion im ZDF verändert?
Ja, das hat sich verbessert, seitdem wir nicht mehr als "Sprachrohr der Kirche" angesehen werden. Inzwischen ist völlig klar: Es gibt Verkündigungssendungen, da dürfen die Kirchen mitreden. Sie wählen aus, aus welcher Gemeinde der Gottesdienst übertragen wird, und verantworten den Inhalt. Und es gibt die redaktionellen Sendungen, da haben die Kirchen nichts reinzureden. Am Anfang meiner Tätigkeit gab es da noch mehr Konflikte, weil es unklare Strukturen gab.


Wann hat sich das geändert?
1992 wurden in neuen Ausführungsbestimmungen die jeweiligen Kompetenzen neu beschrieben.


Wie kam es zum Verlust der Dokumentationsplätze für kirchliche Themen?
Der "Sündenfall" im positiven Sinne war die Einführung der Doku-Reihe "37 Grad" im Jahr 1994, der wir damals die Sendung "Kontext" geopfert haben.


Was suchen die Zuschauer bei "37 Grad"?
Die Leute sind stark an existenziellen Themen interessiert. "37 Grad" befasst sich mit Menschen in Krisensituationen.


Wenn Sie sagen, Sie behandeln als Redaktion "Kirche und Leben" in ihren Fachmagazinen fast keine originär kirchlichen Themen mehr. Was sagt dann die katholische Kirche dazu?
Natürlich würden sich die Kirchenvertreter im Fernsehrat mehr Sendezeit wünschen, zu der wir im klassischen Sinne über kirchliches Leben berichten.


Sie haben 1988 in einem Beitrag geschrieben: "Wir weigern uns, der Gottheit Einschaltquote zu opfern und schielen doch ständig nach den Zahlen, weil wir davon abhängig sind." Ist das immer noch so?
Die Einschaltquoten sind nach wie vor sehr wichtig, wobei es unterschiedlich ist, auf welchem Sendeplatz ein Beitrag läuft. Bei der Sendung "37 Grad", die in der sogenannten Primetime stattfindet, ist es wichtig, auf die Dauer einen gewissen Schnitt zu erreichen. Der liegt bei 10,1 Prozent Marktanteil, das sind über 2,3 Millionen Zuschauer.


Die Zahl der katholischen Gottesdienstbesucher sinkt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Gilt das auch für die Einschaltquote bei Gottesdienstübertragungen?
Die hat sich stabilisiert. Momentan sind wir etwa bei 700.000 Zuschauern. Die Spitze hatten wir 2005 mit über einer Million. Dann gab es einen Abwärtstrend, der nun aber gestoppt wurde. Wir haben sehr treue Zuschauer. Das sind überwiegend die Älteren.


Werden die Gottesdienstzuschauer irgendwann "aussterben"?
Es scheint nicht so zu sein, es kommen wieder Jüngere nach.


Hätten die Muslime Anspruch auf die Übertragung von Freitagsgebeten?
Die Muslime haben laut ZDF-Staatsvertrag keinen Anspruch auf Sendezeit, weil sie keine Körperschaft des öffentlichen Rechts sind. Aber das ZDF hat natürlich - wissend, dass wir 4,5 Millionen Muslime in Deutschland haben - journalistische Sendungen über muslimische Themen im Programm, etwa das "Forum am Freitag", das es seit 2007 gibt.


Sie haben über Papstbesuche von Johannes Paul II. und von Benedikt XVI. in Deutschland berichtet. Charakterisieren Sie beide Päpste bitte mit nur einem Satz...
Massenveranstaltungen waren nicht das Element von Benedikt XVI. Dagegen konnte Johannes Paul II. mit den Medien besser spielen und die Leute ansprechen.


Und bei Franziskus?
Da ist es nochmals gesteigert. Wenn man den sieht, wie er auf die Menschen zugeht: Franziskus badet in der Menge.


Sie haben 33 Jahre lang über die Kirche berichtet. Waren sie manchmal verzweifelt über die langsamen Mühlenräder, die da mahlen?
Ja, manchmal konnte man fast verzweifeln. Und gerade die aktuelle Entwicklung - das Eingreifen Roms in diesen Streit unter den deutschen Bischöfen über den Kommunionempfang für evangelische Christen - macht mich sehr ratlos, wütend und zornig.


Was bedeutet die jüngste Entwicklung Ihrer Ansicht nach?
Das ist eine Nagelprobe über das Pontifikat von Franziskus, wohin er mit der Kirche eigentlich will.


Sie gehen nun in den Ruhestand. Wer wird Ihr Nachfolger?
Ab 1. Juli wird Jürgen Erbacher mein Nachfolger als Leiter der ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch". Er arbeitet hier seit 2005 als Redakteur.


Und was machen Sie im Ruhestand?
Ich widme mich als Vollzeit-Oma meiner Familie.

kna