29.01.2019

Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche

Rörig sieht Fortschritte

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung bescheinigt den Kirchen große Fortschritte bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen.

Foto: kna
Kämpft für mehr Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat: Johannes-Wilhelm Rörig ist der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Foto: kna

Es dürfe keine Tabus geben, hatte Kardinal Reinhard Marx im September mit Blick auf die Aufarbeitung von Missbrauch gesagt. Vor ihm auf dem Tisch lagen dabei die erschütternden Ergebnisse der Studie über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche, die auch ein institutionelles Versagen offenlegte.

Zusammen mit seinen Amtsbrüdern hatte der Vorsitzende der Bischofskonferenz als erste Konsequenz einen Sieben-Punkte-Plan zur Bekämpfung von sexueller Gewalt beschlossen. Die Bischöfe seien dabei auch offen für eine intensivere Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen, hatte der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, hinzugefügt.

Für den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, war dieser Entschluss ein Meilenstein. Da nur wenig später die evangelische Kirche bei einer Synode ebenfalls ankündigte, einen umfänglichen Aufarbeitungsprozess zu starten und strukturelles Versagen einräumte, leitete Rörig schnell erste Schritte ein: Noch im Dezember unterbreitete er den Kirchen einen ersten Vorschlag für das weitere Vorgehen.

 

Arbeitsgruppe gegründet, Eckpunkte erarbeitet

Nun sind die ersten Weichen gestellt: Es gibt eine Arbeitsgruppe "Aufarbeitung Kirchen", die bereits Eckpunkte für eine umfassende Aufklärung und unabhängige Aufarbeitung erarbeitet hat. Anlass für Rörigs Bilanz war der Jahrestag 28. Januar. An diesem Tag wurde 2010 der Missbrauchsskandal an der Berliner Jesuitenschule Canisius-Kolleg öffentlich.

Die neuen Eckpunkte, so Rörig weiter, sollen in den kommenden Wochen mit Vertretern der evangelischen und katholischen Kirche, der Bundesregierung und des Bundestages erörtert werden. Der nächste Schritt sei dann, gemeinsam Standards zur Betroffenenbeteiligung, die Einrichtung unabhängiger Aufarbeitungskommissionen in den Bistümern und Landeskirchen sowie Zugangsbefugnisse zu Akten und Archiven, aber auch Entschädigungsfragen zu erörtern und möglichst festzulegen.

Vieles ist auch schon von Seiten der Kirchen geschehen: Vor allem in der katholischen Kirche sind viele Bischöfe in den vergangenen Monaten in die Offensive gegangen und wollen den Worten der Betroffenheit Taten folgen lassen. Selbst in den Weihnachtspredigten sparten sie das Thema Missbrauch nicht aus: Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode räumte vor versammelter Gemeinde Versäumnisse im Umgang mit einem des Missbrauchs beschuldigten Priester ein und bat um Vergebung und Entschuldigung. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer fordert eine "Wahrheitskommission" zum Missbrauchsskandal und spricht von "Strukturen des Bösen" in der Kirche.

 

Zusammenarbeit von Kirche und Staat wird besser

Über diese Transparenzoffensive und öffentliche Signale wie den ersten Gedenktag für Missbrauchsopfer hinaus gehen weitere Schritte der Aufklärung und Aufarbeitung. Bundesweit gibt es verschiedene Ansätze der Zusammenarbeit mit externen Stellen und mit der Justiz, dazu gehört in etlichen Bistümern auch die Öffnung der Archive und die Einsicht in die Akten von Beschuldigten. So teilten etwa die Erzbistümer Köln und Freiburg sowie das Bistum Essen mit, sie hätten den Staatsanwaltschaften Akten zu Missbrauchsfällen übergeben.

Rörig bescheinigt den Bischöfen "große Fortschritte". Auch die Betroffenen-Initiative betont zum Jahrestag 28. Januar, dass seit der Vorstellung der Studie eine unabhängige Aufarbeitung wahrscheinlicher geworden sei.

Im kommenden Monat werden die Maßnahmen der deutschen, aber auch der Bischöfe aus anderen Teilen der Welt in einem größeren Rahmen zur Sprache kommen: Vom 21. bis zum 24. Februar hat Papst Franziskus die Spitzen der Bischofskonferenzen weltweit zu Beratungen über Missbrauch nach Rom bestellt. Die Erwartungen an das Treffen sind hoch. Auch Missbrauchopfer aus allen Teilen der Welt werden sich in diesen Tagen in der italienischen Hauptstadt versammeln.

Das von Papst Franziskus formulierte Ziel dürfte Rörig gefallen: Es sei "ganz wesentlich", dass die Bischöfe nach ihrer Rückkehr aus Rom "die anzuwendenden Gesetze kennen sowie die notwendigen Schritte unternehmen, um Missbrauch zu verhindern, sich um die Opfer zu kümmern und sicherzustellen, dass kein Fall vertuscht oder begraben wird".

kna