26.11.2019

Papst besucht Thailand und Japan

Missionar gegen Atomwaffen

In Thailand und Japan ist Papst Franziskus nur der Hirte einer Minderheit. Aber er hat eine deutliche Botschaft.

Foto: kna/CNS Photo/Paul Haring
Mahnmal in Hiroshima: Bei einem Friedenstreffen ächtet Papst Franziskus den Besitz von Atomwaffen. Foto: kna/CNS Photo/Paul Haring


Hiroshima - hier war "Ground Zero". Genau, 600 Meter über den Menschen auf dem Platz, wurde damals - am 6. August 1945 um 8:16:02 Uhr - das Inferno entfesselt. Innerhalb einer Sekunde zerstörte die Bombe 80 Prozent der Innenstadt, ihre Hitzewelle entzündete noch in zehn Kilometern Entfernung Feuer. An diesem Sonntagabend, dem 24. November 2019, liegt Stille über dem spärlich erleuchteten Platz.

Der Himmel ist schwarz. Hinter dem Mahnmal für die Opfer ist das Kuppelgerippe der ehemaligen Industrie- und Handelskammer von Hiroshima zu sehen. Eines der wenigen Gebäude, das der Druckwelle standhielt. Eine Glocke schlägt. "Da gingen Menschen nebeneinander wie Gespenster", erzählt Yoshiko Kajimoto, die damals 14 Jahre alt war, "Menschen, deren ganzer Körper so verbrannt war, dass man nicht mehr sagen konnte, ob Männer oder Frauen. Ihre Haare standen zu Berge, ihre Gesichter auf doppelte Größe angeschwollen, die Lippen hingen lose herunter und von ihren ausgestreckten Händen hing die Haut in Fetzen herunter."

"Hier", so formuliert anschließend der Papst, wurde "in einem Augenblick alles von einem schwarzen Loch aus Zerstörung und Tod verschlungen". Franziskus ist nach Japan vor allem auch deshalb gekommen, um der Absage an Nuklearwaffen Nachdruck zu verleihen. Am Sonntagmorgen in Nagasaki eher politisch-diplomatisch, abends in Hiroshima eher prophetisch mahnend. Im Vorfeld hatten Vertreter von Atommächten, insbesondere Frankreichs, mehrfach versucht, im Vatikan eine Aufweichung der Formulierungen in den Papstansprachen zu erreichen. Vergebens. "Ebenso unmoralisch ist der Besitz von Atomwaffen. Wir werden darüber gerichtet werden", so der Papst.

"Wenn wir tatsächlich eine gerechtere und sicherere Gesellschaft aufbauen wollen, müssen wir die Waffen aus unseren Händen legen" und das Geld in nachhaltige Projekte wie die UN-Entwicklungsziele 2030 stecken, fordert der Papst. Dialog sei die "einzige Waffe, die des Menschen würdig ist und einen dauerhaften Frieden gewährleisten kann", sagt er am Montagabend am Sitz des japanischen Regierungschefs Shinzo Abe. Eine aktuelle Mahnung angesichts zunehmend nationalistischer wie isolationistischer Tendenzen, die auch in Ostasien um sich greifen.

 

Papst wirbt für Solidarität

Auch andernorts auf seiner Asienreise wirbt Franziskus für Multilateralismus, Solidarität und beklagt eine "Kultur der Gleichgültigkeit". Die Zeiten seien vorbei, in denen Abschottung zur Lösung von Konflikten habe dienen können, erteilt er bei einem interreligiösen Treffen in Bangkok protektionistischem Denken eine Absage. Auch unter den Religionen seien gegenseitige Anerkennung und Zusammenarbeit "für die heutige Menschheit dringender denn je". Mehrfach erwähnt der Papst das von ihm und Kairos Großimam Ahmad Al-Tayyeb unterzeichnete "Dokument zur Brüderlichkeit". Thailands buddhistischem Patriarchen übergibt er ein Exemplar.

Überraschend deutlich für asiatische Gepflogenheiten wurde Franziskus gleich zu Beginn in Thailand. Ethnische Konflikte, Menschenhandel, Migration, Korruption, Prostitution, Ausbeutung, Umweltzerstörung - all diese für jedes Gastland unangenehmen Themen schneidet er an. Weniger indem er fordert, sondern indem er entsprechende Gegenmaßnahmen lobt und um Fortsetzung bittet. Verstanden werden diese Hinweise wohl; inwieweit man ihnen folgt, ist etwas anderes.

Bei seiner Begegnung am Montag mit Opfern der Dreifach-Katastrophe von Fukushima erwähnt Franziskus die entschiedene Ablehnung von Kernkraftwerken durch Japans Bischöfe. Die Ablehnung macht er sich nicht ausdrücklich zu eigen, spricht aber von "kühnen und wichtigen Entscheidungen hinsichtlich der Verwendung der natürlichen Ressourcen und vor allem hinsichtlich der künftigen Energiequellen".

Prostitution und Sextourismus, mit denen westliche Klischees Thailand fast ausschließlich assoziieren, spricht er behutsam an: indirekter vor Politikern und Diplomaten, deutlich in seiner Predigt in Bangkoks Nationalstadion. Zu den wahren Geschwistern Jesu, so der Papst, gehörten auch die "Jungen, Mädchen und Frauen, die der Prostitution und dem Menschenhandel ausgesetzt sind". Sie alle "sind unsere Mütter, unsere Brüder und Schwestern".

Seine 32. Auslandsreise mit erst sechs, dann acht Stunden Zeitverschiebung, geht an dem fast 83-jährigen Pontifex nicht spurlos vorüber. Mitunter hinkt er auffälliger als sonst, quält sich aus dem Fond des Autos, wirkt müde. Sobald er aber vor Jugendlichen spricht, ist Franziskus verjüngt.

In Tokios Kathedrale, wo er den bereitgestellten weißen Papstsessel verschmäht, wird Franziskus sehr konkret und ermutigt etwa Mobbing-Opfer, gegen ihre Peiniger aufzustehen. Man müsse lernen zu sagen: "Es reicht! Das ist eine Seuche." Auf die päpstliche Zwischenfrage, ob er sie langweile, schallt Franziskus ein lautes "Nein" entgegen.

 

Thema Inkulturation bleibt für das Christentum in Asien aktuell

Natürlich betreibt der Papst in Thailand und Japan auch seine grundlegende Aufgabe: Die Brüder und Schwestern zu stärken. Zehntausende empfangen ihn in Bangkok, Nagasaki und Tokio wie einen Popstar. Vor allem in Thailand tritt er nachdrücklich für ein selbstbewusstes Christentum lokaler Prägung ein. Ebenso wie er an Japans Elite-Hocchschule "Sophia University" für die Autonomie und Freiheit von Bildungseinrichtungen wirbt.

Das Thema Inkulturation, das vor gut vier Wochen die Amazonas-Synode prägte, setzt Franziskus in Fernost fort. Um dem Image einer "Religion der Ausländer" entgegenzutreten, müsse das Evangelium "seine guten, aber ausländischen Kleider" ablegen. Es gelte, nach regionalen, "neuen Symbolen und Bildern zu suchen", um andere für den Glauben zu interessieren. 

kna