03.07.2019

Autobahnkirche: Ein Ort für Ruhe und eine Auszeit vom Stress

Rastplätze für die Seele

Hinweisschilder an Ausfahrten und Rastplätzen weisen Reisenden den Weg zu Autobahnkirchen. Viele Menschen besuchen sie, auch die, die sonst sehr selten in die Kirche gehen. Sie finden dort Ruhe vom Stress. 

Foto: Christoph Brüwer
Eine Herzensangelegenheit ist die Arbeit für die Autobahnkirche für Hans-Josef Leinweber. Foto: Christoph Brüwer


„Es gab für mich eine Zeit, da ich gedacht habe, es wäre zu Ende. Es lohnt sich also, an Dich zu glauben. Du gibst mir die Kraft.“ Etwas unsauber und eckig sehen die Buchstaben im dicken Anliegenbuch aus. Mit einem Kugelschreiber hat ein Besucher der Autobahnkirche an der A31 bei Geeste im Emsland seine Gedanken festgehalten. Es wirkt so, als hätte er nicht viel Zeit gehabt und seinen Text schnell geschrieben. „Danke auch an meine Familie, die mich immer unterstützt. In diesem Sinne, beschütze uns weiterhin“, schreibt der Besucher weiter. Seine Botschaft ist nur eine von über 50, die in dieser Woche in das Anliegenbuch geschrieben wurden.  

„Manchmal ist das wirklich herzzerreißend, mit welchen Wünschen und Gedankengängen die Leute auf der Straße sind und sich das hier von der Seele schreiben“, sagt Hans-Josef Leinweber. Er ist Vorsitzender des Fördervereins Autobahnkapelle Emsland e.V. Mehrere hundert Menschen kommen jeden Tag in die Autobahnkirche „Jesus, Brot des Lebens“, schätzt er. Besonders in der Ferienzeit führen viele Menschen auf den Rastplatz „Heseper Moor“ und gingen in die Kapelle, sagt er. „Dann ist hier wirklich volle Hütte.“ 

Erholung, wenn der seelische Tank leer ist

„Autobahnkirchen sind Rastplätze für Leib und Seele“, sagt Georg Hofmeister. Er ist Geschäftsführer für die Konferenz der Autobahnkirchen in Deutschland. „Manchmal ist nicht nur der Tank des Fahrzeugs leer, sondern auch der seelische Tank“, sagt der 52-Jährige. In der Hektik des Alltags, gerade im Straßenverkehr, suchten viele Menschen nach einer Auszeit, um innezuhalten und auch um Gott zu danken und zu beten, sagt Hans-Josef Leinweber. Oft verweilen diese Menschen dann in der Autobahnkirche, zünden eine Kerze an oder schreiben in das Anliegenbuch. „Da gibt es das komplette Repertoire: viel Freude, aber auch ganz viel Leid“, sagt er. 

Die Texte in dem Buch zeigen, dass manche Reisenden die Autobahnkirche ganz zufällig entdeckt haben. „Ich danke dafür, dass ich ganz unerwarteter Weise diesen Ort der Einkehr und Fürbitte gefunden habe“ schrieb eine Besucherin in das große Buch. „Danke für diesen Ort der Ruhe und des Friedens, danke für diesen angstfreien Ort des Innehaltens und der Besinnung.“ 

Aber nicht nur Reisende steuern die Autobahnkirchen an. Auch Gläubige aus der Region gingen dorthin, sagt Georg Hofmeister. Und Menschen, die wenig Bezug zur Kirche hätten, würden Autobahnkirchen aufsuchen, da sie dort anonym seien. „Man kann auch in die Autobahnkirche gehen, wenn man das Vaterunser gar nicht mehr kennt. Das macht den Charme aus“, sagt Hofmeister. Auch auf die Bedürfnisse dieser Menschen müsse die Kirche eingehen. „Man kann ja als Kirche nicht nur darauf warten, dass die Leute zu einer bestimmten Zeit in die Kirche kommen. Kirche muss sich bewegen.“ 

Der Förderverein kümmert sich 

Foto: Christoph Brüwer
Mehrere Hundert Menschen kommen wohl jeden
Tag in die Autobahnkirche „Jesus, Brot des Lebens“
n der A31. Foto: Christoph Brüwer

Insgesamt besuchen jedes Jahr über eine Million Menschen eine Autobahnkirche in Deutschland, schätzt der Geschäftsführer. 44 dieser Kirchen stehen bereits an deutschen Autobahnen, eine weitere an der A8 in Sindelfingen bei Stuttgart ist bereits in Planung. 

Die ökumenische Kapelle „Jesus, Brot des Lebens“ in Geeste gibt es seit dem Jahr 2000, und sie wird seitdem auch vom Förderverein gepflegt. Sie ist rund um die Uhr geöffnet. Solche offenen Räume findet Hans-Josef Leinweber in der heutigen hektischen Gesellschaft besonders wichtig, da viel abgesperrt oder bewacht sei. Eine „Herzensangelegenheit“ nennt er seine Arbeit für die Autobahnkirche in Geeste, „weil ich viele, die dieses Gebäude nutzen, niemals sehen werde und sie mich auch nicht sehen werden. Und dennoch sind wir füreinander da.“

 

Kirchen an der Autobahn: 

Auf der Internetseite www.autobahnkirchen.de finden Sie eine Karte mit allen Autobahnkirchen in Deutschland und Informationen zu den einzelnen Gebäuden, beispielsweise zur katholischen Autobahnkirche „Maria, Schutz der Reisenden“ in Adelsried bei Augsburg. Sie ist die älteste Autobahnkirche in Deutschland und wurde 1958 eingeweiht. Die älteste evangelische Autobahnkirche Exter steht an der A2 bei Vlotho. 

Christoph Brüwer