31.07.2019

Was wir auf der Erde hinterlassen

Was am Ende bleibt

Der Prediger Kohelet ist Pessimist: Das ganze Leben ist Sorge und Ärger, und am Ende bleibt nichts. Jesus sagt: Besitz ist vergänglich, schafft euch Schätze im Himmel. Und doch wollen die meisten auch auf Erden etwas hinterlassen. 

Foto: kna/Harald Oppitz
Eine unangenehme Frage: Werden bald alle Spuren des eigenen Lebens vom Winde verweht sein? Foto: kna/Harald Oppitz

Manche Menschen haben es geschafft: Sie hinterlassen etwas mit Ewigkeitswert. Der Evangelist Lukas zum Beispiel. Künstler wie Leonardo da Vinci oder Michelangelo. Wissenschaftler wie Charles Darwin oder Albert Einstein. Aber mit denen können wir uns wohl kaum vergleichen. Was also können wir Normalos hinterlassen?

Kinder und Kindeskinder
Schon in der Bibel sind Nachkommen wichtig. Gott verheißt Abraham, dass seine Nachfahren so zahlreich sein werden, wie die Sterne am Himmel. Und umgekehrt gilt es als Unglück, kinderlos zu sterben. Ohne Kinder keine Spuren, so sieht es zumindest das Alte Testament. 
Auch heute ist es Menschen wichtig, dass ihre Familie nicht ausstirbt. Man selbst wird gehen, irgendwann, aber die Familie bleibt. Und damit auch etwas von mir – zumindest ein paar Gene.

Familienbesitz
Damit eng verbunden ist bei manchen der Wunsch, dass der Familienbesitz überdauert. Der Bauernhof, der schon seit 200 Jahren existiert; die Schreinerei, die der Urgroßvater aufgebaut hat. Dann tut es weh, wenn die Kinder kein Interesse daran haben. Wenn sie als IT-Manager lieber in Hamburg oder München leben als auf dem Familienhof im Westerwald; wenn sie den Handwerksbetrieb oder die Landarztpraxis auf gar keinen Fall weiterführen wollen. Da geht es weniger um das Geld, als um das, was den Eltern wichtig war, worin sie Zeit und Kraft, ja, ihr halbes Leben investiert haben. Es wäre schön, wenn davon etwas bleibt.

Der eigene Name
Wenn schon die Kinder meinen Namen nicht weiterführen, dann bleibt er vielleicht anders im Gedächtnis: über ein Gebäude, einen Park, einen Dorfplatz. Manche Menschen geben ihr Geld in Projekte oder gründen Stiftungen, die mit ihrem Namen verbunden sind. Da fließt das Geld, das man zu vererben hat, in einen guten Zweck und ist zugleich Erinnerung an einen selbst. Eine Krankenstation in Tansania, ein Waisenhaus in Peru, eine Sporthalle in Deutschland: Da bleibt ganz offensichtlich etwas – noch über Jahrzehnte hinaus. Und irgendwann halten Schüler Referate darüber, wer denn dieser Erich Schulte war, nach dem der Weg am Spielplatz benannt ist.
Übrigens sind deshalb Grabsteine so wichtig und anonyme Gräber so schrecklich: Auch wenn ich nichts Besonderes geleistet oder hinterlassen habe, ist mein Name nicht vergessen. Das macht die Faszination von alten Friedhöfen aus: Die Namen und Lebensdaten von längst Verstorbenen zu lesen, und darüber zu spekulieren, was sie wohl erlebt haben. Auch eine Art der Erinnerung.

Werte und Überzeugungen
Die meisten Eltern wollen das: ihre Werte und Überzeugungen an die nächste Generation weitergeben. Ihren Glauben natürlich auch. „Das haben meine Eltern mir so beigebracht“ – wenn ältere Leute das von ihren erwachsenen Kindern hören, sind sie froh und stolz. Wenn die Kinder ihr politisches oder kirchliches Engagement übernehmen; wenn sie Traditionen fortführen; wenn sie in Familie und Erziehung ähnlich ticken. Es ist die Sache mit dem Säen, die Jesus in einem anderen Gleichnis erwähnt. Es tut einfach gut, zu wissen, dass nicht die gesamte Saat verdorrt oder unter die Dornen gefallen ist. Dass das, woran man selbst geglaubt hat, in irgendeiner Weise Frucht bringt. Dann kann man beruhigter, friedvoller gehen.

Lebenserinnerungen
In jedem einzelnen Kopf steckt unglaublich viel an Erinnerungen, Erlebnissen und Erkenntnissen. Manches ist so privat, dass wir es nicht teilen wollen; anderes ist so wichtig, dass es nicht verloren gehen soll. 
Jugendliche sind regelmäßig fasziniert, wenn in ihrer Schule Zeitzeugen auftreten, Männer und Frauen, die besonders aus der Zeit des Nationalsozialismus erzählen. Es muss gar nichts Spektakuläres sein, nicht jeder war verfolgt oder Lebensretter. Aber von jemandem zu hören, wie es war, als die Bomben fielen, als der Vater in Stalingrad blieb oder die jüdische Schulfreundin plötzlich weg war – das prägt.
Auch deshalb schreiben manche alte Menschen ihre Lebenserinnerungen auf, erzählen ihre Lebensgeschichte oder besprechen irgendwelche Tonträger. Auch wenn Kinder oder Enkel manchmal genervt sind davon, dass Oma oder Opa schon wieder „von früher“ erzählen – irgendwann werden sie es schätzen. Und werden umgekehrt traurig sein, wenn sie eines Tages auf ihre Fragen keine Antworten mehr bekommen.

Und dennoch ...
bleibt die Botschaft der Bibel: Alles ist Windhauch und: Schafft euch Schätze im Himmel. Das ist Trost und Herausforderung zugleich. 
Trost ist es vor allem für die, die nichts hinterlassen: keine Kinder, keine Stiftungen, keine Lebenserinnerungen, vielleicht noch nicht mal einen Grabstein. Ihr Leben ist dennoch genauso sinnvoll wie das derjenigen, an die sich die Welt ewig erinnert. Vor Gott zählt jedes Leben gleich; seine Kriterien sind weder Reichtum noch Armut, Prominenz oder Bedeutungslosigkeit. Menschlich verständlich ist es, dass wir der Welt etwas hinterlassen wollen; heilsnotwendig ist es nicht.
Herausforderung ist es vor allem für diejenigen, die immer wichtig waren, die ihre Scheunen immer voll und ihre Versicherungen stets abgeschlossen hatten. Sie müssen erkennen, dass das alles im Tod nicht zählt. Und dass die Schätze im Himmel am Ende wichtiger sind als der Status auf Erden. Der ist Windhauch, sagt Kohelet, und Jesus nennt ihn Narretei.

Susanne Haverkamp