09.01.2019

Bedeutung von Wasser in der Bibel

Wasser des Lebens

Die Taufe Jesu im Jordan ist in allen vier Evangelien der Startpunkt seines öffentlichen Wirkens. Das verwundert nicht, denn in der biblischen Tradition gilt Wasser als Kraftquelle, die direkt von Gott stammt.

Foto: Matthias Petersen
Wo viel Wüste ist, gilt ein Wasserfall als Geschenk Gottes: der Banyas, einer der Quellflüsse des Jordan. Foto: Matthias Petersen


Die Bibel ist in einer sehr trockenen Region der Erde entstanden. Zwar gab es auch hier Bedrohungen durch Wasser, wie man etwa an der Geschichte von der Sintflut erkennen kann. Weit wichtiger war aber die Erfahrung, dass die Dürre den Tod bedeutet – und dass Wasser das Leben ist.

Schon in den beiden Schöpfungsgeschichten des Buches Genesis spielt Wasser eine wichtige Rolle. In der ersten (Genesis 1) sammelt Gott das Wasser, scheidet es vom Land und lässt „Grün sprießen“. Die zweite Schöpfungserzählung (Genesis 2) spricht dagegen vom Paradiesgarten Eden, in dem „ein Strom entspringt, der den Garten bewässert“. In vier große Flüsse teile sich dieser Strom, heißt es, damit Menschen, Tiere und Pflanzen genug zu trinken haben. Genug Wasser zu haben – das war (und ist) für Menschen dieser Region das Paradies.

Gott rettet sein Volk in der Wüste vor dem Verdursten

Beispielhaft steht dafür die Geschichte von Mose, der aus Stein Wasser hervorbringt: Das Volk Israel muss nach seiner Flucht aus Ägypten die Wüste durchqueren; ihm droht der Tod durch Verdursten. „Da schrie Mose zum Herrn“, heißt es im Buch Exodus (17,4), und Gott befahl dem Mose, mit seinem Stab an einen Stein zu schlagen: „Es wird Wasser herauskommen und das Volk kann trinken.“ (17,6)

Gott ist der Herr über das Wasser. Deshalb spielte Wasser auch im Kult des Judentums eine Rolle. So wurden, um Wasserreichtum auch in der Wohnung Gottes, also dem Tempel, sichtbar zu machen, im Laufe der Zeit mehrere Wasserleitungen von Betlehem her nach Jerusalem gelegt – Reste davon sind heute noch zu finden. Und im ersten Tempel, den Salomo bauen ließ, muss es ein riesiges Wasserbecken gegeben haben, dessen Aussehen im Ersten Buch der Könige (7,23–26) ausführlich beschrieben wird. So groß muss das Becken gewesen sein, dass es in der genauen Übersetzung aus dem Hebräischen „Meer“ genannt wird. Nach dem Zweiten Buch der Chronik (4,6) diente dieses Wasserbecken aus Bronze auch den rituellen Waschungen der Priester.

Im Alten Testament wird Wasser im übertragenen Sinne als Inbegriff des Heils gebraucht – das Fehlen von Wasser als Inbegriff des Unheils. „Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes“, heißt es in Psalm 22,16. Und der leidende Ijob klagt: „Die Wasser schwinden aus dem Meer, der Strom vertrocknet und versiegt. So legt der Mensch sich hin, steht nie mehr auf.“ (Ijob 14,11–12) Umgekehrt prophezeit Jesaja: „Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.“ (12,3) Und die Psalmen singen: „Du rettest Menschen und Tiere, Herr. Du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens.“ (Psalm 36,7–10) oder: „Die Völker werden beim Reigentanz singen: All meine Quellen entspringen in dir.“ (Psalm 87,7) 

Jesus kennt die Bedeutung des Wassers in der Bibel

In dieser Tradition steht Jesus, als er sich der Bußtaufe des Johannes unterzieht, von der im heutigen Evangelium die Rede ist. Er reinigt sich und schöpft Kraft für die Aufgaben, die vor ihm liegen. Er lässt sich segnen und stärken von Gott, bevor er gleich im Anschluss in die Wüste geht, in die Dürre der Gottesferne, in der die Versuchungen des Teufels auf ihn warten.

Und auch im späteren Leben Jesu wird Wasser noch eine wichtige Rolle spielen. So zeigen einige Heilungsgeschichten des Neuen Testaments deutlich die biblische Idee, dass Wasser Leben aus Gott ist. Etwa die Heilung des Blindgeborenen im Johannesevangelium. „Jesus sagte zu ihm: ‚Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach!‘ Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.“ (Johannes 9,6–7) Oder die Heilung des Gelähmten, der am Teich Betesda auf ein Wunder wartet, das Jesus dann wirkt (Johannes 5,1–9).

Jesus wird zur sprudelnden Quelle. 

Und wir selbst auch Jesus braucht und nutzt aber nicht nur das Wasser, er wird selbst zur Quelle. Das zeigt ganz besonders die lange Geschichte von der Begegnung mit der Frau am Jakobsbrunnen (Johannes 4). Hier schlägt Jesus den Bogen vom Wasser, das er von der Frau erbittet, weil er durstig und müde ist, hin zum Wasser, das er selbst ist: „Wer von diesem Wasser (des Brunnens) trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben.“ (Johannes 4,13)

Dass Jesus die Quelle ist, die den Durst nach dem Leben löscht, das mag vielen Getauften einsichtig sein. Die Stelle im Johannesevangelium geht aber noch weiter: „Vielmehr“, sagt Jesus zu der Frau am Jakobsbrunnen, „vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zu einer Quelle werden, deren Wasser ins ewige Leben fließt.“ (Johannes 4,14)

Wer glaubt, soll das heißen, wird selbst zur Quelle. Nicht nur Gott ist die Quelle des Lebens und des Heiles, nicht nur Jesus, sondern jeder, der glaubt, wird zur Quelle, an der andere ihren Durst stillen können. Die Taufe mit Wasser, zusammen mit der Eucharistie das früheste Sakrament der Christenheit, ist dafür ein sprechendes Symbol.

Das ist ein enormer Anspruch: zu wissen, dass ich selbst Quelle sein soll, an der andere sich laben können. Wer bin ich denn, dass das gelingen könnte? Andererseits: Jesus formuliert das nicht als Forderung, als Befehl. Er formuliert es als Zusage: „Das Wasser, das ich gebe, wird zu einer Quelle.“ Manchmal vielleicht eine, die nur noch vor sich hin tröpfelt. Manchmal vielleicht aber auch eine, die sprudelt, die mich und andere wirklich erfrischt.

Susanne Haverkamp