27.08.2019

Größte Religionsallianz der Erde beendet Konferenz

Wie Religionen die Welt retten wollen

Gespräche über den Frieden: Von der Konferenz von Religions for Peace gehen Hoffnungssignale in die Welt.

Foto: kna/Christopher Beschnitt
Den Ring of Peace, das Symbol der Versammlung in Lindau, im Blick: Gläubige verschiedener Religionsgemeinschaften haben sich am Bodensee zur Weltkonferenz von Religions for Peace getroffen. Foto: kna/Christopher Beschnitt


Plötzlich rinnen Tränen unter der Sonnenbrille der Frau hervor. Sie lässt sie einfach von ihren Wangen perlen. Diese Frau, sie zeigt, wie Religion wirken kann: anrührend und ergreifend, indem sie Gemeinschaft und Geborgenheit vermittelt.

Zugetragen hat sich die Szene bei einer interreligiösen Zeremonie mit Gebeten, Gesängen und Meditationen in Lindau. In der südbayerischen Stadt am Bodensee fand die Weltversammlung von "Religions for Peace" (RfP) statt. Die Nichtregierungsorganisation ist nach eigenen Angaben die größte internationale Allianz religiöser Gemeinschaften auf Erden.

Bei der Zeremonie beschworen nach einer gemeinsamen Prozession Christen wie Hindus und Muslime, Buddhisten wie Juden und Anhänger indigener Naturspiritualität die Einheit der Menschen in Vielfalt und das Wunder der Schöpfung, die dringend zu schützen sei. "Wenn Mutter Erde leidet, leiden die Menschen; wenn die Menschen leiden, leidet Mutter Erde", mahnte ein mit Federschmuck bekränzter Ureinwohner aus Kanada.

Wie dieser Mann fielen viele RfP-Teilnehmer ins Auge - ihren kunterbunten Kutten, Schleiern und Turbanen sei Dank. Doch so farbenfroh ihr Äußeres, so düster was das, was die Gläubigen im Inneren bewegte.

 

Bedauern über Versagen der Religionsgemeinschaften

"Wir sind ein Bündnis der Fürsorge, der Barmherzigkeit und der Liebe", heißt es in der Schlusserklärung der Konferenz. "Angesichts dessen gestehen wir mit Bedauern die Weisen ein - seien sie subtil oder eklatant -, auf die wir und unsere Religionsgemeinschaften versagt haben. Unser Herz trauert um den Missbrauch unseres Glaubens, insbesondere darum, wie er verzerrt wurde, um Gewalt und Hass zu schüren."

Umso besser wolle man nun die Zukunft gestalten, so RfP. In ihrer Deklaration bekennt sich die Organisation mithin zu mehr Schutz für arme Menschen, für Migranten, Frauen, Jugend, Umwelt und religiöse Stätten sowie zu öffentlichen Akten der Versöhnung angesichts zugefügter Verletzungen. Auch der Ruf nach Abrüstung, besonders zur Abschaffung von Atomwaffen, findet sich darin. In Anbetracht von Klimawandel und 70 Millionen Flüchtlingen weltweit gelte: "Es ist höchste Zeit: Wir sind zu sofortigem Handeln aufgerufen."

Die Tagung habe bereits für Lichtblicke gesorgt, hieß es. So hätten religiöse Oberhäupter aus Myanmar, der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik, Nigeria und dem Südsudan das von RfP propagierte Engagement für die Transformation gewalthaltiger Konflikte konkret umgesetzt. Ferner seien Gläubige aus Nord- und Südkorea im Gespräch über Bedingungen für Frieden in ihrer Heimat gewesen.

 

Neue weibliche Generalsekretärin

In Sachen Frauenförderung hat RfP selbst einen Schritt nach vorn gemacht. Erstmals wählte das Bündnis eine weibliche Generalsekretärin: die 50-jährige Azza Karam, eine in Kairo geborene niederländische UNO-Mitarbeiterin und Wissenschaftlerin für politischen Islam. Die Muslimin rief dazu auf, Religionsfreiheit für alle zu verteidigen - auch die Freiheit, nicht zu glauben. In ihrer neuen Position folgt sie auf den US-Amerikaner William F. Vendley (71). Der katholische Theologe stand 25 Jahre an der RfP-Spitze.

Die letzte Weltversammlung unter Vendleys Führung hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnet, zum Abschluss sandte Papst Franziskus ein Grußwort. Doch bei aller hochrangigen Unterstützung - der Schulterschluss der Weltanschauungen rief auch Kritiker auf den Plan. Am Rande protestierte etwa ein Mann, der meinte, es gebe nur einen wahren Glauben, Jesus missfalle multireligiöse Wirrsal. Ähnliches schrieben Kommentatoren in Internetforen.

Die Friedensaktivisten planen derweil ihr nächstes großes Treffen: Voraussichtlich im Herbst 2020 soll - erneut in Lindau - der 80-köpfige "World Council" tagen, das höchste Beschlussgremium zwischen den etwa alle fünf Jahre stattfindenden Weltversammlungen. Daran wird auch die evangelische Theologin Margot Käßmann teilnehmen, die just als deutsche Vertreterin bestimmt wurde. Für die nächste Weltversammlung gibt es noch keinen Termin.

kna