10.10.2018

Viele Päpste der Neuzeit sind Heilige

Erst Papst - dann heilig?

Am Sonntag wird Papst Paul VI. heiliggesprochen. Damit ist er der Nächste in einer auffälligen Reihe von heiligen Päpsten. „Das Papsttum feiert sich selbst“, sagt der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. „Das kommt aus dem Volk“, sagt dagegen der Kölner Prälat Helmut Moll.

Montage: Dom Medien / Fotos: kna & wikicommons
Galerie der Heiligkeit: Die Päpste Pius IX., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II. und Pius X. sind bereits heiliggesprochen. Montage: Dom Medien / Fotos: kna & Wikicommons


„Es gibt eine auffällige Häufung von Heiligsprechungen der Päpste“, sagt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Und er macht sie historisch fest am Ersten Vatikanischen Konzil. „Mit der Erklärung der Unfehlbarkeit im Jahr 1870 hat sich der Blick auf die Kirche und das Papstamt verändert“, sagt er. „Die katholische Kirche ist viel mehr als vorher eine Papstkirche geworden.“

Das lasse sich an den Heiligsprechungen ablesen. „Pius IX., also der Papst des Konzils, war der Erste“, so Wolf. „Das verwundert nicht.“ Und für sechs der acht verstorbenen Päpste des 20. Jahrhunderts läuft ein Verfahren oder ist abgeschlossen. Blickt man darauf, wer heiligspricht, nämlich ausschließlich der amtierende Papst, muss man sagen, so Wolf: „Das Papsttum feiert sich selbst.“

Anders sieht das Helmut Moll. Der Kölner Prälat arbeitete elf Jahre in der römischen Heiligsprechungskommission. „Sowohl bei Johannes Paul II. wie bei Paul VI. ging die Initiave aus dem Kirchenvolk aus“, sagt er.

Wolf hält die Verfahren für fragwürdig. „Ich war selbst in zwei Historikerkommissionen für Heiligsprechungsverfahren“, sagt er. „Dort verspricht man, alle Akten und Quellen nach den Regeln der historischen Kunst zu prüfen. Aber das ist weder bei Johannes Paul II. noch bei Paul VI. geschehen.“ Denn erstens seien die Akten nicht alle freigegeben und zweitens war viel zu wenig Zeit. „Die amtierenden Päpste setzen die Ordnung des Heiligsprechungsverfahren für ihre Vorgänger einfach außer Kraft“, so Wolf. „Das empört den Historiker in mir.“

Hinzu komme, dass „jeder Märtyrer, der im Nationalsozialismus für seinen Glauben gestorben ist, es schwerer hat, heiliggesprochen zu werden, als ein Papst“, so Wolf. Im Zuge der Heiligsprechung von Papst Paul VI. habe Franziskus gesagt: „Benedikt und ich sind auf der Warteliste.“ Aber, so Wolf, das sei „nur teilweise selbstironisch gemeint“.


Sack und Asche statt Heiligsprechungen?

Helmut Moll hingegen sagt: „Seit Johannes Paul II. gibt es eine neue Welle an Heiligsprechungen, die alle Kontinente umfasst und alle Stände der Kirche – also auch die Päpste.“ Dass es viele Heiligsprechungen gibt, findet er angesichts veränderter Lebensumstände nicht falsch. „Wir können heute nicht durch Bücher überzeugen, sondern nur durch Vorbilder im Glauben. Wir brauchen die Heiligen.“

Für Hubert Wolf hingegen ist die große Zahl der Heiligsprechungen gerade in diesen für die Kirche so kritischen Zeiten schwierig. „Ist es angemessen, dass die Kirche sich und ihre obersten Repräsentanten feiert, wo sie eigentlich in Sack und Asche gehen müsste?“, fragt er. Er hält es für „nicht klug“, die „Heiligsprechungsmaschinerie weiterlaufen“ zu lassen. „Ist das nicht einfach nur ein Versuch, der zweifelsfrei sündigen Kirche ein Idealbild entgegenzuproduzieren?“ Für Wolf ist in Zeiten von Missbrauchsdebatten klar: „Diese Heiligsprechungen und Selbstbeweihräucherungen einfach mal auszusetzen – das wäre mal ein Zeichen!“

Susanne Haverkamp