20.03.2020

Zeitzeugen berichten über den Bombenangriff

Als der Dom in Schutt und Asche versank

Am 22. März 1945, vor 75 Jahren, griffen alliierte Bomberverbände Hildesheim an. 250 Bomber warfen über 1000 Tonnen Spreng- und Brandbomben auf das Zentrum der Stadt. Ein Großteil der Altstadt wurde zerstört, ebenso der Dom, und über 1500 Menschen starben bei den Angriffen. Zwei Zeitzeugen berichteten darüber, wie sie die Bombardierung erlebt haben: Domkapitular Hermann Seeland sowie der spätere Generalvikar Adalbert Sendker. Hier Auszüge aus ihren Berichten.


 

Der Dom nach dem Bombenangriff am
22. März 1945 auf Hildesheim.

Dann brach das Mittelschiff des Domes in Flammen zusammen

„Am 22. März 1945, kurz nach 13 Uhr, war Vollalarm. Viel schneller als sonst hörte man das Rollen der nahenden feindlichen Flugzeuge. Ich stand noch in der nach dem Garten führenden Haustür, zusammen mit dem Neffen des Hausnachbarn, da erblickten wir schon unmittelbar über uns in großer Höhe die Kondensstreifen der aus dem Nordwesten kommenden starken Bomberverbände. Ich flüchtete eiligst in den Keller. …

Kaum hatte ich den ersten vorderen, an der Straßenseite gelegenen Kellerraum betreten, da hörte ich auch schon das grausige Heulen der niedersausenden Bomben, und nun folgte fast eine halbe Stunde hindurch ohne Unterbrechung das betäubende Krachen entsetzlicher Bombeneinschläge in nächster Nähe. … Im Schutzkeller beteten wir alle hilfesuchend in kurzen Stoßgebeten; ich erteilte allen die Absolution. Wir wagten kaum zu hoffen, dass wir lebend den Keller verlassen würden. …

Ein flüchtiger Blick auf den Domhof: In fast undurchdringlichen Staub- und Rauchwolken der zerstörte, lichterloh brennende Dom, das Wohnhaus Bor­mann – Nr. 21 – gleichfalls in Flammen und Rauch gehüllt, ebenso das ganze obere Stockwerk der Domdechanei und die angrenzende Kurie Domhof Nr. 28, der westliche Teil des Bischöflichen Palais eingestürzt und brennend, das ehemalige Konvikt durch Volltreffer. …

Nach etwa zwei Stunden, gegen vier Uhr nachmittags, stürzte die Goldene Kuppel in die Tiefe; Steinmassen des Vierungs­turms und des Chores durchschlagen auch die Decke der Altfrieds-Krypta, des ältesten Teiles unseres Domes, wo einst St. Godehard ruhte. Am kleinen Domhof haben gewaltige Sprengbomben auch große Teile des Josephinums in Trümmer gelegt; die übrigen Gebäudeteile, wie auch die Reihe der alten Fachwerkbauten an der Südseite des Domhofs: alles verzehrt und vernichtet nun die grausam sich fortwälzende Feuersglut. Ganz Alt-Hildesheim ist nur eine einzige gräßliche Feuerfackel. Die Nacht und der folgende Freitag vollenden das grausame Zerstörungswerk. Alt-Hildesheim nur noch ein schwelender Trümmerhaufen  –  mit vielen Hunderten Toten.
 

Hermann Seeland (1907–1975) Domkapitular

Am Sonntag, am zweiten Tag nach der Katastrophe, war es mir möglich, des Tausendjährigen Rosenstocks wegen den St. Annenfriedhof aufzusuchen. Ein Greuel der Verwüstung war diese so ehrwürdige heilige Stätte mit ihrer sonst so wunderbaren friedlichen Stille geworden. …
Und der Dom: Die Goldene Kuppel leuchtet nicht mehr aus der Höhe herab; die Apsis ist in der Mitte bis tief unter das mittlere Chorfenster herausgesprengt und ein breiter Riss spaltet das mächtige Mauerwerk bis hinab zur Domkrypta. Der östliche Teil der Krypta, vom Bischof Hezilo errichtet, ist erhalten geblieben, und in ihr ist bereits an diesem Morgen – am 24. März 1945 – vom Domdechanten das hl. Messopfer gefeiert. …“

Hermann Seeland (1907–1975)
Domkapitular
 

Der Mariendom vor 1945 abgebildet auf einer Postkarte.

Als Luftschutzhelfer im Dom die Bombardierung miterlebt

„Es lag an diesem  22. März eine merkwürdige Unruhe in der Luft. … Den ganzen Vormittag, einem herrlichen Frühlingsmorgen, war Vollalarm gewesen, der bereits gegen 9 oder 9.30 Uhr einsetzte. Gegen Mittag kam Voralarm, sodass wir im Konvikt zu Mittag essen konnten. Aber schon kurz nach dem Essen gab es schon wieder Vollalarm … Ich selbst eilte in Luftschutzuniform, den Stahlhelm auf dem Kopf und einen kleinen Handkoffer mit dem Allernotwendigsten in der Hand, zur Sakristei des Domes, wo stets mein Platz mir für die Alarmzeiten zugewiesen war.  …
Als Jüngster blieb ich in der Sakristei mit einigen älteren Herrschaften, unter anderem mit dem früheren Dompfarrer und Stadtdechanten Böker, seiner Schwester, den beiden Damen Offenstein und wie ich glaube auch Mutter Holze.

Dechant Böker begann, den Fatima-Rosenkranz zu beten. Wir knieten alle nieder. Als die ersten Bomben fielen, kam er im Beten durcheinander. Ich versuchte ihn abzulösen, weiß aber nicht, wieviel Ave Maria ich noch beten konnte. Ich weiß nur noch eins: Es gab einen furchtbaren Krach. Einen Augenblick dachte ich noch, du sollst schnell deine Brille wegstecken – es war ein paarmal, als wenn das Mauerwerk einstürzte, dann weiß ich nichts mehr. Sehr viel später kam es mir beim Überlegen und Nachsinnen erst zum Bewusstsein, dass ich etwa eine halbe Stunde bewusstlos gewesen sein musste.

Als ich wieder klar denken konnte, lagen wir im Dunklen, meine Brille war weg. Der Stahlhelm vom Kopf geschleudert – ich tastete herum und griff einen Stahlhelm. Ob es der meinige war, weiß ich nicht. Ich stülpte ihn als ers­tes, so wie er war, mir über den Kopf und merkte erst dann, dass ich ihn voll Geröll und Staub übergestülpt hatte. Ich wusste im Augenblick nicht, ob wir wieder herauskommen würden.
Von den anderen hörte ich nichts. Ich blieb noch eine Zeitlang still in halb liegender, halb kniender Haltung und betete das Tedeu
m, dass ich überhaupt noch lebte. Ich bat Gott um Verzeihung für die Flieger, die den Bombenabwurf durchgeführt hatten – ich betete auch für die, die diesen Befehl zum Angriff auf die Stadt gegeben hatten, dann erst schaute ich umher und suchte mir, einen Begriff zu machen von dem, was geschehen war. … Die drei Ausgänge zum Dom hin, zur Laurentiuskapelle und nach draußen waren verschüttet. Alle Fenster waren vergittert. Nur am äußersten linken Fenster war die Laibung der Fenster mitsamt dem Gitter nach außen herausgebrochen. Zu der Höhe der Fensterbank hin erkannte ich an der Wand entlang einen ansteigenden Trümmerhaufen. Darauf konnte ich auf allen Vieren hinaus- und wieder hinunterkriechen, denn draußen lagen auch Trümmer.
 

Adalbert Sendker (1912–1993)
Generalvikar

Draußen stellte ich fest, dass über mir die Schatzkammer brannte. …

Da ich sehr kurzsichtig bin, konnte ich ohne Brille nichts Genaues erkennen. Ich war auch zu aufgeregt. Ich sah nur, wie aus dem Dom die Flammen schlugen – vor allem, als ich an den Domtüren vorn vorbeiging: Aus dem mittleren großen Fenster zwischen den Türmen des Westwerk. Sie umloderten die Madonna, die in diesem Augenblick noch unversehrt zu stehen schien. Da kam mir der Gedanke, dass wir unsere Rettung dem Rosenkranzgebet verdankten.“
 
Adalbert Sendker
(1912–1993)
Generalvikar

 

 

Sind auch Sie Zeitzeuge?
Wenn auch Sie etwas zur Zerstörung des Domes und der Stadt Hildesheim sowie  vom Wiederaufbau als Zeitzeugen berichten können, schicken Sie uns Ihre Geschichte, eventuell sogar mit einem Foto von damals an:

Redaktion KirchenZeitung, Domhof 24, 31134 Hildesheim oder per E-Mail an: aktion@kiz-online.de