11.04.2019

Der Olavsweg durch Norwegen

Am Ende des Abenteuers ein Pilgerweg

Renate und Helfried Weyer aus Buxtehude kennen die  Welt wie ihre Westentasche. Auf allen Kontinenten waren sie unterwegs. Haben die Sahara durchquert, das Ewige Eis Grönlands entdeckt und die Berge Tibets erstiegen. Jetzt
führen sie Pilger über den Olavsweg durch Norwegen.

Große Landschaften finden Renate und Helfried Weyer
auch in Norwegen auf dem Olavsweg. | Fotos: Weyer, Branahl

Eigentlich sollte es endlich, nach Jahrzehnten als berufliche Weltenbummler, eine ganz private Pilgerreise werden, hatte sich Renate Weyer gewünscht. Wandern, meditieren, zur Ruhe kommen auf dem Jakobsweg. Aber wieder mal machte ein Buchprojekt einen Strich durch die Rechnung. „Ich hatte einen Bildband im Kopf. Das bedeutet: Recherchieren, Spurensuche, Kamera schleppen, warten auf den richtigen Moment für das perfekte Foto. Es bedeutet also Arbeit“, sagt Helfried Weyer.

Und dann, eher unverhofft, war diese Reise am Ende doch der Auslöser, dass das Ehepaar heute immer wieder als Pilger unterwegs ist: „Nach einem Vortrag in Hamburg mit dem Material über den Jakobsweg machte uns Pilgerpastor Bernd Lohse auf den Olavsweg in Norwegen aufmerksam, eine Route mit Tradition, aber kaum bekannt. Das hat uns gereizt. Also haben wir uns auf den Weg gemacht und waren begeistert“, erinnern sich die beiden.

Gemeinsam mit Franz Alt (mitte)
sind Renate und Helfried Weyer
unterwegs auf den Spuren des
heiligen Königs von Norwegen.

Der Zufall spielte mit, damals, vor 20 Jahren, weil sie anschließend mit einem Fernsehjournalisten darüber ins Gespräch kamen, der daraufhin eine zweiteilige Sendung über den fast vergessenen Pilgerweg produzierte. Und ein alter Bekannter, Franz Alt, rührte ebenfalls die Werbetrommel. „Danach waren wir die Anlaufzentrale für Olavspilger. Heute bieten wir regelmäßig geistliche Wanderungen auf den Spuren des heiligen Königs von Norwegen an“, erzählt Renate Weyer, die dafür eine Fortbildung zur Pilgerbegleiterin gemacht hat. Mindestens einmal im Jahr, häufig aber auch öfter, zeigt sie auf einer zweiwöchigen Tour Menschen aus ganz Europa die schönsten Abschnitte auf der insgesamt 650 Kilometer langen Strecke von Oslo nach Trondheim.

Mit dem Fahrrad von Buxtehude nach Kairo

Die Weyers sind das, was man gemeinhin als Weltenbummler bezeichnet. Für Helfried Weyer begann das bereits vor über 50 Jahren: 1960, da war er gerade 20 und hatte seine Fotografenausbildung beendet, setzte er sich aufs Fahrrad und fuhr von Buxtehude nach Kairo. Seine Erlebnisse schilderte er in einem Buch, für Radio Bremen produzierte er Schulfunksendungen. Von dem Geld kaufte er sich einen gebrauchten VW-Käfer, und wieder ging es auf Reisen – diesmal nach Katmandu. Die Leica-Werke in Wetzlar wurden auf das fotografische Talent Weyers aufmerksam und beauftragten ihn mit der Produktion von Diavorträgen. „Meine Vorträge mit sechs Projektoren in Überblendtechnik waren damals revolutionär und ich konnte die großen Hallen in Australien und Amerika füllen“, sagt Weyer nicht ohne Stolz.
 

70 Bücher hat Helfried Weyer inzwischen produziert.

Das Leben war ein einziges Abenteuer: Kreuzfahrten im Auftrag großer Schiffsgesellschaften, mit den Nomaden durch die Sahara, Expeditionen auf Grönland oder im Himalaya, Aufträge großer Zeitschriften von Geo bis National Geographic, Wandertouren für gleichermaßen ambitionierte wie betuchte Hobbyfotografen, zwischendurch immer wieder neue Buchprojekte (70 sind es mittlerweile) und Vorträge.

Auf einem dieser Vorträge, im Allgäu, lernt Helfried Weyer seine Renate kennen, die sich spontan einer Reise nach Island anschließt. „Seitdem sind wir gemeinsam unterwegs“, sagen sie. Mit einer klaren Arbeitsteilung übrigens: Er mit dem Blick für das gute Foto, sie mit dem sicheren Gespür für die Vermarktung.

Natürlich muss die obligatorische Frage gestellt werden. „Nein, ein Lieblingsziel haben wir nicht“, sagen beide übereinstimmend. „Aber großartige Landschaften und fremde Menschen faszinieren uns immer wieder aufs Neue. Die Länder haben wir danach ausgesucht, wo es keine Coca Cola gibt.“ Gerade dieses Kriterium, das wissen die Weyers aus eigener Anschauung genau, kann heute kaum noch als Maßstab angelegt werden: Die Welt, wie sie sie noch kennen gelernt haben, gibt es in Zeiten des boomenden Massentourismus immer seltener. „Heute kann man all-inclusive in die entlegensten Winkel reisen“, sagen sie und es klingt Bedauern durch. Obwohl – und da machen sich die beiden Weltenbummler nichts vor – sie ja durchaus diesen Trend, diese Sehnsucht nach fernen Ländern auch befeuert haben mit ihren Vorträgen und Büchern. Noch eine andere Entwicklung sehen die Weyers mit großer Sorge: „Dass Länder wie Syrien, Mali, der Jemen, Länder, die wir so sehr lieben, systematisch kaputt gemacht werden, macht uns wahnsinnig.“

Da ist es fast so etwas wie eine Wiedergutmachung, dieses nächste Buchprojekt gemeinsam mit Franz Alt, das bereits kurz vor dem Abschluss steht: „Unsere einzige Erde“ so der Titel, soll eine Liebeserklärung an die Schöpfung sein.

Internet: olavsweg.de

Stefan Branahl

 

Wer war dieser Olav?
Wenn Menschen heute aufbrechen, um den Spuren eines längst verstorbenen Menschen zu folgen, muss dieser eine gewisse Ausstrahlung gehabt haben. Für Olav, der vor rund 1000 Jahren gelebt hat, trifft das zu:  Als König von Norwegen brachte er das Christentum in den Norden. Nachdem er 1030 im Kampf mit dem Dänen fiel (bereits in der Schlacht von Stiklestaad sollen sich wundersame Dinge ereignet haben, notierte der Sagenschreiber Snorre Sturlason), machte schnell die Runde, dass Olav ein heiliger Mann gewesen sei. Als sein Grab geöffnet wurde, fand man ihn, als wenn er schlafe. Daraufhin wurde er bereits 1031 als Märtyrer heiliggesprochen, die ersten Pilger machten sich auf, um in Trondheim seine sterblichen Überreste zu verehren.

1153 gründete der Papst das Erzbistum Trondheim und setzte Øystein als Bischof ein. Der war ein weitgereister Mann, hatte in Frankreich und England studiert und war mit der Architektur europäischer Kathedralen gut vertraut.

Unmittelbar nach seiner Ankunft ließ Øystein am Grab Olavs den Grundstein für den Nidarosdom legen. Er hatte auch großen Anteil daran, das der König weit über Norwegens Grenzen hinweg während des Mittelalters in ganz Europa verehrt wurde. Unter anderem schrieb er das Buch „Passio et miraula beati Olavi“, Kopien existieren heute noch in Douai (Frankreich) und Oxford (England).

Die Wundergeschichten, die sich um König Olav rankten, erfreuten sich großer Beliebtheit und machten ihn zu einer Art Volksheiligen.  

Auch wenn die Wallfahrten zu seinem Grab in Trondheim nach der Reformation offiziell untersagt waren, hatte Olav im Herzen vieler Norweger einen festen Platz. (sbr)