05.08.2020

Heilerziehungspfleger Niklas Kalla möchte Inklusion möglich machen

Begleiten und bestärken

Niklas Kalla ist Heilerziehungspfleger. Sein Arbeitsplatz ist eher ungewöhnlich: die Kindertagesstätte St. Mathilde in Laatzen. Seine Aufgabe ist besonders: Inklusion möglich machen.

Niklas Kalla ist Heilerziehungspfleger in der Kita St. Mathilde in Laatzen.

Im Job Gutes tun: Das zeichnet soziale Berufe aus. Menschen, die sich um andere Menschen kümmern möchten, werden dringend gesucht. Aber die Arbeit mit Kindern, Pflegebedürftigen oder Menschen mit Beeinträchtigungen ist fordernd. Meist ist sie auch eher unterdurchschnittlich bezahlt.

Das gilt auch für die Ausbildung – wie beispielsweise für Heilerziehungspfleger. Ihre Ausbildung erfolgt in Fachschulen. Das heißt, sie erhalten keine Ausbildungsvergütung und müssen in der Regel noch Schulgeld zahlen, je nach Einrichtung zwischen 90 und 150 Euro im Monat. Das will ein breites Bündnis von Wohlfahrtsorganisationen jetzt ändern. Die Caritas gehört dazu (siehe Kasten).

Drei Jahre lang hat Niklas Kalla gebüffelt und in der Zeit in Einrichtungen unter anderem in der Behindertenhilfe mitgearbeitet. Ohne Vergütung. Sein Glück: Auch ohne Schulgeld. Das hat seine Schule, das DIAKOVERE Fachschulzentrum in Hannover übernommen. „Eine Ausnahme“, sagt Kalla. Sonst wären monatlich 150 Euro fällig gewesen.

2012 hat er seine Ausbildung begonnen: „In der Regel hatten wir drei Tage die Woche Schule und zwei Tage Praxis in Einrichtungen der Diakonie.“ Hinzu kamen noch sogenannte Blockwochen. „Das heißt drei Wochen nur Schule oder nur Praktikum.“ Die fehlende Vergütung war schon Thema mit seinen 25 Mitschülerinnen und Mitschülern. „Wir haben viel mitgearbeitet in den Einrichtungen, da wäre es schon nett gewesen, etwas zu verdienen“, meint Kalla.

Er selbst ist über sein freiwilliges soziales Jahr bei der Lebenshilfe, einem Selbsthilfeverband für Menschen mit geistiger Behinderung, auf die Idee gekommen, etwas Soziales zu machen. „Ich war vorher auf einem Wirtschaftsgymnasium, habe da Abitur gemacht, aber hatte nie mit Menschen mit Behinderung zu tun“, erzählt Kalla. Doch nach dem FSJ war die Perspektive klar: Heilerziehungspfleger – oder kurz: HEP – soll es sein.
Kalla schreibt mehrere Schulen an, informiert sich und wählt dann das Fachschulzentrum: „Auch weil hier Inklusion, das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderungen im Mittelpunkt steht.“ Auf seinem Stundenplan steht jetzt das, was auch an anderen Schulen üblich ist: Deutsch, Mathe, Politik, Religion und Englisch. Eben Allgemeinbildung. Fachlich kommen unter anderem „Heilerziehungspflegerische Begleitung und Pflege“,  „Lebenswelten und Beziehungen“ und „Berufsidentität und Qualitätssicherung“ hinzu. In Summe: 2400 Unterrichtsstunden Theorie. Der Praxisanteil beträgt 1500 Stunden. Das meint Mitarbeit beispielsweise im betreuten Wohnen, in der inklusiven Grundschule oder in der ambulanten Pflege. Im dritten Jahr kommt noch zusätzlich ein achtwöchiges Praxisprojekt dazu: „Wir haben uns mit inklusiven Schulklassen am Klatschmohn-Theaterfestival in Hannover beteiligt“, berichtet Kalla.

Sein eigener Schulalltag als angehender HEP war geprägt von vielen thematischen Ausarbeitungen und Gruppenarbeiten. Verbunden mit den Praxisanteilen durchaus ein strammes Programm. Oftmals auch fordernd.
Seit Oktober 2016 arbeitet Kalla nun in einem für HEPs noch eher ungewöhnlichen Bereich: nicht in der Behindertenhilfe, sondern in der  katholischen Kindertagesstätte St. Mathilde in Laatzen. Die Kita, die zum Gesamtverband der Katholischen Kirchengemeinden in der Region Hannover gehört, arbeitet inklusiv. In der Regenbogengruppe werden 17 Kinder im Alter von drei bis sechs betreut, vier von ihnen haben Förderbedarf. Dazu gibt es eine weitere Regelgruppe mit 25 Kindern und eine Krippe für 15 Kinder unter drei Jahren.

Kallas Tätigkeit ist vor allem Bewusstseinsarbeit. „Befähigen und bestärken“, nennt er das: „Wir wollen so viel Normalität leben wie möglich.“ Den Kindern möchte er deutlich machen, „dass wir alle unsere Stärken und Schwächen haben, dass es in Ordnung ist, sich Hilfe zu holen.“ Klingt einfach – aber das ist es im Alltag nicht.

Seinen Kolleginnen steht er mit seinem Fachwissen zur Seite. Kalla ist auch Ansprechpartner für die Therapeuten, die je nach Bedarf den Kindern mit Förderbedarf weitere Hilfen bieten – wie Logopäden, Ergotherapeuten oder auch Psychologen: „Für die Kinder und auch die Eltern ist es gut, wenn es da eine intensive Zusammenarbeit mit der Kita gibt.“ Stichwort Eltern: Ihnen widmet Kalla viel Zeit.  „Sie müssen Vertrauen entwickeln“, sagt er. Dann klappt es auch mit dem Befähigen und Bestärken. Und mit der Normalität, zu der Beeinträchtigungen dazugehören.

Rüdiger Wala

 

Schulgeldfreiheit gefordert
Sinkende Schülerzahlen in der Heilerziehungspflege und ein sich zuspitzender Fachkräftemangel alarmieren Fachschulen und Träger der Behindertenhilfe in Niedersachsen. Sie haben daher das „Bündnis Heilerziehungspflege“ gegründet. Die zentrale Forderung: Weg mit dem Schulgeld.

Zwar hat die rot-schwarze Landesregierung auch im Koalitionsvertrag zugesichert, dass Schulgeld einer Berufswahl nicht im Wege stehen dürfe. Für die Fachschulen der Heilerziehungspflege wurde das aber bisher nicht umgesetzt. Die Schülerzahlen sinken – auch weil Interessierte verstärkt Ausbildungsberufe im sozialen Bereich wählen, in denen kein Schulgeld gezahlt werden muss. Zu den Trägern des Bündnisses gehört auch die Caritas in Niedersachsen „Es bedarf jetzt eines Eingreifens der Landesregierung, wie in anderen Berufszweigen bereits geschehen“, sagt Landessekretär Thomas Uhlen. Die fehlenden Schüler von heute seien die dringend benötigten Fachkräfte von morgen. Dazu gehöre auch, den Einstieg in die Ausbildung zu erleichtern und eine Vergütung oder Aufwandsentschädigung zu ermöglichen.

(wal)