28.09.2015

Kirchbauten im Wandel der Zeiten: Versammlungshalle, Anbetungsort und Gemeinschaftsgedanke / Welche Kirche braucht es heute?

Ästhetik oder Geborgenheit?

Wie soll heute ein Kirchraum aussehen? Wie soll er gestaltet werden? Was sind eigentlich heilige Räume? Ein Blick in Geschichte und Gegenwart zeigt: Es ist immer anders.

Noch hat die St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin ein „Loch“ im Gottesdienstraum – die Treppe zur Krypta (hier bei der Einführung des neuen Erzbischofes Heiner Koch). Fotos: kna-Bild

Großer Bahnhof in der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale: Der neue Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, wird in sein Amt eingeführt. Mehrere hundert Besucher nehmen am letzten Wochenende am Gottesdienst teil.
Koch tritt die Nachfolge von Kardinal Rainer Maria Woelki an, der im September vergangenen Jahres von Berlin als Erzbischof nach Köln wechselte. Von ihm hat der 61-jährige Koch eine heikle Aufgabe geerbt, die für eine Reihe von Konflikten im Erzbistum sorgt: die notwendige Sanierung der Kathedrale St. Hedwig.

Ein Entwurf zur Neugestaltung des Domes (kleines Bild) will diese Öffnung schließen – zum Missfallen von Denkmalschützern.

Zum Hintergrund: Beim Wiederaufbau der im Krieg schwer beschädigten Kirche hatte der Architekt Hans Schwippert um 1960 eine Bodenöffnung mit Treppe zur Krypta angelegt. An diesem „Loch“ hatte sich unter anderem Woelki gestört und einen Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Es gewann ein Entwurf des Fuldaer Architektenbüros Sichau und Walter sowie des Künstlers Leo Zogmayer. Ihre Idee: die Öffnung soll geschlossen und die Sitzbänke rund um einen ebenerdigen Altar in der Mitte angeordnet werden. Wände aus weißem Marmor sowie Milchglasscheiben in den Fenstern sind geplant. Der Protest dagegen kam postwendend – aus den Reihen von Denkmalschützern ebenso wie von Gottesdienstbesuchern.

Es ist eine Kontroverse, die auf eine zentrale Frage hinführt: „Welche Kirchen brauchen wir?“ So war auch ein Symposium im Bistum Hildesheim überschrieben, das Architekten und Künstler mit Liturgiewissenschaftlern, Historikern und Kirchenvorständen zusammenbrachte.

Der Anlass: das 1200-jährige Bistumsjubiläum, an dessen Anfang die Wiedereröffnung des Hildesheimer Domes stand. Fast fünf Jahre wurde die der Gottesmutter Maria geweihte Kathedrale umgestaltet. Der neue Dom weist dabei klare Linien und eine große Schlichtheit auf. Die Verwendung verschiedener Materialien zeigt, was alt und was neu ist. Die großen Kunstwerke des Hildesheimer Domes finden sich auf einer Achse: Die 1000 Jahre alte Bernwardtür, das Taufbecken, die beiden einzigartigen nach den Bischöfen Hezilo und Thietmar benannten Radleuchter und der neue Altar liegen nun auf einer Linie.

Eine Art Theologie des Raumes

Vor allem das Taufbecken, der das himmlische Jerusalem darstellende Heziloleuchter und der Altar beschreiben auch eine Art Theologie des Domes: Von der Zusicherung Gottes durch die Taufe führt der Lebensweg in der Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde zur Erlösung im heiligen Sakrament der Eucharistie, zu Vollendung und Auferstehung.

Die Blickachse und liturgische Leitlinie im Hildesheimer Mariendom: Taufbecken, Radleuchter und Altar. Foto: Euromediahouse/Zimmermann

Ist das ein Selbstverständnis, das sich in Kirchbauten ausdrücken soll? Braucht es überhaupt noch solche Überlegungen, angesichts der drohenden Schließung von Kirchen? Der Kirchengeschichtler Dr. Thomas Sternberg warnt davor, die Kirchenbauten als öffentliches Zeugnis des Glaubens zu vernachlässigen. Allerdings nicht nur in ihrer liturgischen Funktion, sondern auch als Ruheort, Teil eines sozialen Zentrums – und auch als Touristenziel, wie der Honorarprofessor für Kunst und Liturgie an der Universität Münster deutlich macht.
Eine derartige Multifunktionalität eines Kirchenraums, als Ort des Gebets, der Begegnung, auch des Disputs oder des Asyls, hat viele Jahrhunderte die Bauten geprägt. Bis zur Reformation: Erst dann gewann der Innenraum einer katholischen Kirche seine Identität durch die Feier der Eucharistie und durch andauernde Präsenz Jesu im Sakrament des Altares. Ein heiliger Raum.

Ein Blick in die Kirchengeschichte verdeutlicht: Der frühe Kirchbau folgt der Idee der Synagoge – und nicht der Vorstellung, dass Götter in einem Tempel wohnen. „Gott“, so verkündet es Paulus in der Apostelgeschichte, „wohnt nicht in Tempeln, die von Menschen gemacht sind“ (17,24). Dort, wo Christen ein Haus zur Ehre Gottes beziehen oder bauen, orientieren sie sich am antiken Typ des Gemeinschaftsraumes – der Basilika. Heute die Bezeichnung eines bestimmten Kirchentyps und ein Ehrentitel für ein Gotteshaus – ursprünglich aber der Name großer, zu Gerichtssitzungen und Handelsgeschäften bestimmter Prachtgebäude. Mitunter bildet auch eine Markthalle oder eine Scheune das Zelt Gottes unter den Menschen.

Wenn das Profane durch Christus geheiligt wird ...

Wenn aber das Profane durch Jesus Christus geheiligt wird, dann wird der Ort des Gottesdienstes durch die betende und preisende Gemeinde heilig. Dieses Verständnis findet sich heute noch in den Gebeten der Weiheliturgie einer Kirche: „der heilige Tempel, erbaut aus lebendigen Steinen, gegründet auf das Fundament der Apostel; der Eckstein ist Jesus Christus.“

Noch stärker findet dieses Verständnis seinen Ausdruck in einem weiteren Gebet: „Hier mögen die Armen Barmherzigkeit finden, die Bedrückten die Freiheit und jeder Mensch die Würde deiner Kindschaft.“ Insofern ist der Kirchenraum der Lebensraum einer katholischen Gemeinde – auch, aber nicht nur der Ort der Eucharistie und der Anbetung.

Es war das Zweite Vatikanische Konzil, das vor 50 Jahren das ursprüngliche Verständnis des Kirchenraums wieder in Erinnerung rief. Die ihr vorausgehende liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts hat diesen Gedanken „Communio“, der Gemeinschaft mit und in Gott, wieder entdeckt. Durch die Liturgiekonstitution des Konzils (Sacrosanctum Concilium) wurde der Gottesdienst wieder dem Volk geöffnet. Nicht nur durch das Einführen der Muttersprache, sondern auch durch Neugestaltung fast aller Kirchenräume.

Doch genau in diesem Spannungsverhältnis zwischen eucharistischer Frömmigkeit und dem Gedanken des Volkes Gottes stehen Kirchenvorstände, wenn sie ihre Kirche neu gestalten wollen.

Längst nicht alles an Umbauten durch die Liturgiereform war gut durchdacht. Daran erinnert der Liturgiewissenschaftler Professor Dr. Albert Gerhards auf dem Symposium. Nach dem Konzil habe sich ein „funktionales Konzept der Kirchenraumgestaltung durchgesetzt – oft gegen die Logik des konkreten Raums“. Für den an der Universität Bonn lehrenden Priester hängt das nicht zuletzt mit dem Desinteresse jener Zeit für ästhetische Kategorien zusammen.

Die zentrale Frage nach dem Kirchenbild

Insofern stellt sich die Frage, wie Kirchen sinnvoll genutzt werden, unter zwei Aspekten: der Funktion wie der Ästhetik. Zentrale Fragen dabei:  Welche Botschaft vermittelt der Raum nach innen und außen? Wie kann er einladen, ohne zu vereinnahmen? Welche Möglichkeiten bietet er über den liturgischen Bereich hinaus, die mit dem sakralen Charakter vereinbar sind?

Doch hinter allen Fragen nach der Gestalt des Gotteshauses, steht noch ein weiterer Gedanke: der des Kirchenbildes. Was für eine Kirche wollen wir sein? Das war Ausgangspunkt der Überlegung für die Umgestaltung der Kirche St. Michael in Göttingen. Die älteste katholische Kirche der Universitätsstadt wurde 1789 geweiht. 15 Monate ist sie nun umgebaut worden.

Alles wurde anders: Weiß ist nun die bestimmende Farbe. Statt bunter Glasfenster und einer Kreuzigungsgruppe im Altarraum geben grün schimmernde Alabasterelemente dem Raum Struktur. Blickfang ist lediglich ein schlichtes Kreuz.  Der neue Altar ist aus weißem Marmor. Das Taufbecken wandelt sich zum Brunnen – ebenfalls in weiß.

St. Michael liegt mitten in der Fußgängerzone. Eine ihrer zentralen Aufgaben ist die City-Pastoral – und das ist auch einer der Gründe für die Umgestaltung. „Es ist unsere Aufgabe, Noch-Christen und Nicht-mehr-Christen für den Glauben zu interessieren“, sagt Jesuitenpater Manfred Hösl, Pfarrer von St. Michael: Daher brauchen wir einen Kirchenraum, der dem ästhetischen Empfinden der Menschen von heute entspricht.“

City-Pastoral sei oftmals Seelsorge im Vorrübergehen. Wie Touristen, die einen kurzen Blick in die Kirche werfen. Oder Neugierige, die einen Moment Zeit übrig haben. Oder Interessierte, die ein musikalisches Angebot in die Kirche lockt. „Wir haben meist keine Zeit mehr für langatmige Katechesen – wir müssen zum Punkt kommen“, ist Hösl überzeugt.

Gerade bei gesunkenem Grundwasserspiegel des Glaubens kann ein Kirchenraum, der mit Menschen und ihrem Leben etwas zu tun hat, ansprechen. Zumal wenn er sich, wie in St. Michael beabsichtigt,  im Laufe des Kirchenjahres verändert – durch einen Kreuzweg in der Fasten-, eine Krippe in der Advents- und Weihnachtszeit oder eine besondere Beleuchtung zu Feiertagen.

Welche Kirche braucht nun beispielsweise das Erzbistum Berlin als Kathedrale? Einen Ort, der Geborgenheit bietet? Einen Raum, der Staunen hervorruft? Mit Loch oder ohne? Fragen, vor denen nun der neue Erzbischof steht.

Rüdiger Wala

 

Die Liturgiekommission der deutschen Bischofskonferenz hat 1988 erstmals und in ergänzter Auflage 2002  grundsätzliche „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“ herausgegeben.

Bei der 1996 erschienenen Arbeitshilfe „Liturgie und Bild“ geht es überwiegend um Fragen des Sinns und der Ästhetik von Kirchenräumen.

Beide Schriften sind vergriffen, können aber als Datei von der Internetseite der Bischofskonferenz heruntergeladen werden: www.dbk-shop.de (Stichwort: Arbeitshilfe)

Zuletzt erschien die Schrift „Umnutzung von Kirchen. Beurteilungskriterien und Entscheidungshilfen“ (2003).

Sie kann ebenfalls über www.dbk-shop.de heruntergeladen werden. Bestellung per Post: AZN-Auslieferungszentrum, Postfach 1355, 47613 Kevelaer, Telefon: 0 28 32 / 92 90