16.06.2017

„Ich habe geweint“

Den Bart hat er sich  nicht mehr geschnitten, seit er Mönch wurde. Heute ist Anba Damian Bischof für die koptischen Christen in Norddeutschland. Vor 25 Jahren kaufte er das Kloster Brenkhausen bei Höxter an der Weser. Ein Besuch nach den jüngsten Anschlägen auf die Christen in Ägypten.

Das Kreuz als Zeichen des Bischofsamtes. Anba Damian
leitet das koptische Kloster in Brenkhausen bei Höxter
an der Weser. | Fotos: Stefan Branahl

Heute ist ein guter Tag. Wir sitzen auf der Bank im Klostergarten, und der Bischof weiß nicht, wohin mit seiner Freude. Die Sonne scheint vom Sommerhimmel, eben wurden Kaffee und Kuchen gebracht, aber das Beste ist der gepflasterte Weg. „Ist das nicht herrlich? Haben Sie das schon gesehen?“. Deutschlands Innenminister war vor ein paar Monaten vorgefahren, die dicke Limousine hätte fast in den Schlaglöchern aufgesetzt und verschwand in einer Staubwolke. Das ist doch peinlich für unser Dorf, sagten die Bewohner und nahmen die Sache in die Hand. Jetzt hat das Kloster eine schön gepflasterte Zufahrt. Ein Schritt nach vorne.

Es gibt auch schlechte Tage. Heute vor zwei Wochen war so ein Tag. Da machte unter den ägyptischen Christen die Hiobsbotschaft die Runde: Wieder ein Anschlag, wieder so viele Tote und Verletzte. „Hier, auf dieser Bank, habe ich gesessen und mit dem Bischof von Kairo telefoniert. Er hat mir alle grausamen Details erzählt“, sagt Anba Damian. Seine Landsleute wurden aus dem Bus gerissen und von Islamisten erschossen, weil sie nicht dem christlichen Glauben abschwören wollten. Auch Menschen aus dem Geburtsort seines Vaters waren unter den Hingerichteten. „Was in mir vorgegangen ist, kann ich nicht in Worte fassen. Ich war wie gelähmt und habe geweint. Gott war in dieser Stunde mein einziger Trost.“ Ohnmacht spürt er, wenn er an diesen und andere Anschläge auf die Kopten, die ägyptischen Christen, denkt. „Aber ich bin auch stolz, dass sie sich nicht beirren lassen.“
 

Bischof Damian kann sich
auch um die Bibelsammlung
kümmern, die Teil einer
Ausstellung ist

Auf dem evangelischen Kirchentag in Berlin hat Bischof Damian gerade Klartext geredet. „Sie sind mitverantwortlich für das, was geschieht“, warf er dem obersten Scheich der Sunniten bei einer Veranstaltung vor. Es könne nicht egal sein, was in den Moscheen gelehrt wird. Längst hat er sich die orientalisch-blumige Sprache abgewöhnt. „Wenn das Blut unserer Kinder fließt, hört der Spaß auf.“ Deutlich wird er auch gegenüber den Politikern Europas: „Macht endlich die finanzielle Unterstützung davon abhängig, dass Ägypten die Menschenrechte einhält, macht sie abhängig von Toleranz, Frieden und Gleichbehandlung. Stellt eure wirtschaftlichen Interessen nicht an erste Stelle.“

Immer wieder wird unser Gespräch im Klostergarten unterbrochen. Ständig klingelt das Handy, der Bischof antwortet auf arabisch oder deutsch. Kurz und immer freundlich. Der Vorstand des örtlichen Wandervereins kommt mit einem  Anliegen persönlich vorbei, möchte eine Führung für die nächste Versammlung. 60 Gäste? Kein Problem. Ein Dorfbewohner hat eine Bank übrig. Soll er sie bringen? Gerne, die können wir gut gebrauchen. Der Handwerker fährt vor. Mach das Tor auf, dann kannst du direkt vorfahren.
 

Brenkhausen war ursprünglich ein Kloster der Zisterzienser.
Es war völlig verfallen, als es die koptischen Christen
übernahmen. Inzwischen ist es weitgehend saniert

Vor 25 Jahren hat Bischof Damian das Kloster Brenkhausen gekauft, für eine Mark. Ein symbolischer Preis, denn das frühere Zisterzienserkloster war nicht mehr als eine Ruine. Seitdem investiert er alle Kraft in den Wiederaufbau. Und in die Menschen, mit denen er und seine kleine Gemeinde im Dorf leben. „Solange ich hier bin, habe ich den Samen der Liebe gesät. Jetzt können wir ernten“, sagt er. Die Türen der Herzen und die Türen des Klosters stehen immer offen. Die Zeit, die er investiert, ist nicht geopfert, sondern gewonnen. Wer uns besucht, wird unser Freund. Täglich werden es mehr.

Die Glocken läuten den Mittag ein. Jetzt hat der Bischof keine Zeit, er muss sich um seine Gäste kümmern. Krankenpflegeschüler haben sich einquartiert für ein Seminar. Anba Damian fühlt sich ihnen besonders verbunden: bevor er sich entschied Mönch zu werden, war er Arzt. Jetzt steht er auf der Treppe und ruft die jungen Leute zum Essen, er füllt ihnen die oritentalisch gewürzten Gerichte auf und trägt später das Geschirr in die Küche. Das ist so seine Art.

Stefan Branahl