30.01.2011

Cellist Peter Bruns plaudert mit Häftlingen über Musik

„Kennen Sie Ernst Toch?“

Ein Cello, ein vergitterter Raum und über 50 Häftlinge und 20 weitere Zuhörer – kann das gut gehen? Es kann. Das zeigte das Konzert des Cellisten Peter Bruns in der Justizvollzugsanstalt Braunschweig.

Beim Spiel konzentriert und scheinbar in sich selbst
versunken: Doch beim Gespräch über 200 Jahre alte
Musik, zeigt sich der Cellist und Musikprofessor Peter
Bruns von einer anderen Seite. Mit Humor und
Enthusiasmus erschließt er Bach, Reger und Toch.
Foto: Wala

Braunschweig (wal). Peter Bruns ist Professor an der Musikhochschule Leipzig. Er war viele Jahre Leiter des Moritzburg Festivals für Kammermusik. Vor allem aber ist er Cellist – mit vielen Veröffentlichungen und Preisen. Konzertreisen haben ihn in die New Yorker Carnegie Hall, die Londoner Wigmore Hall, nach Tokio und Hong Kong geführt. Und jetzt nach Braunschweig. In den Knast. Warum?

„Klassische Musik an viele Orte tragen“

„Klassische Musik muss an viele Ort getragen werden“, sagt Bruns. Für ihn ist es wichtig, ob 200 Jahre alte Musik heute noch was bewegen kann. „Ich möchte Menschen in besonderen Situationen antreffen – und das Gefängnis ist ein ziemlich besonderer Ort“, fährt er fort. „Kunst kann dort viel bewirken: Die Menschen stehen vor der Frage: Was mache ich aus meinem Leben?“ Kurzum: Kunst darf nicht vor den Mauern haltmachen.

Bruns spielt aber nicht nur an diesem Nachmittag. Er plaudert, er informiert, er macht auf Besonderheiten aufmerksam. „Kennen Sie Ernst Toch?“, fragt er in die Runde. Kopfschütteln. „Macht nichts“, sagt Bruns, „ich kannte ihn auch bis vor Kurzem nicht, obwohl er ein berühmter Komponist war.“ Und weiter geht’s: „Achten Sie mal auf die Passage, das klingt erst sehr leicht und beschwingt, dann ändert sich der Rhythmus, es klingt nach Seelenqualen.“ Bruns spielt die Passage kurz an. Zum späteren Wiedererkennen. Und nachdem das Stück von Toch verklungen ist, informiert Bruns über die Heiterkeit von C-Dur. So führt er auch durch Werke von Johann Sebastian Bach und Max Reger. Und füllt nur mit seinem Cello den ganzen Kirchenraum im Gefängnis.

„Ich schalte künftig nicht mehr weg“

Und was meinen die Häftlinge? „Ich schalte künftig nicht weg, wenn im Radio was Klassisches läuft“, sagt einer der Jüngeren in der Runde. Er trägt ein Muskelshirt und Hosen in Tarnfarben. Und Tätowierungen auf den Oberarmen und auf dem Rücken. Normalerweise hört er Techno – schnelle, harte Rhythmen. „Andere Häftlinge sagen Krach, weil Techno geht nur laut“, scherzt er. Aber Bach, das hat ihm gut gefallen.

„Der Bruns hat super erklärt“, ergänzt ein anderer, älterer Gefangener im Trainingsanzug. Auch er hat zum ersten Mal klassische Musik gehört: „So richtig, meine ich – ich habe ja gedacht, das ist nur was für feine Pinkel.“ Im Radio schaltet er eher Schlager und Popmusik ein. Was ihn besonders fasziniert hat: „Nun ja, der Bruns hat doch vor den Stücken gesagt: Achten Sie auf dies, achten Sie auf das. Und das hab ich alles wiedererkannt. Das fand ich toll. Bravo, Meister.“

Zur Sache

Warum ein Konzert im Knast?

„Untersuchungshaft ist für Gefangene eine schwere Zeit“, sagt Gefängnisseelsorger Franz-Josef Christoph. Zwar gelten sie bis zu einem Urteil als unschuldig, aber Gerichte können die Haft anordnen: wegen dringenden Tatverdachts oder Flucht- oder Verdunkelungsgefahr.

„In der ersten Zeit haben die Gefangenen in ihren Zellen gar nichts: keinen Fernseher, kein Radio“, erläutert Christoph. Sie sind so vom kulturellen Bereich abgeschnitten. Daher haben Chris-
toph und sein evangelischer Kollege immer eine kleine Anzahl an Büchern vorrätig.: „Die können wir schnell herausgeben, bevor die Häftlinge Zugang zur Gefängnisbibliothek haben.“

Auseindersetzung mit Kultur – und wenn es auch leichte Unterhaltung ist – hat große Bedeutung, meint Christoph: „Wer sich mit etwas beschäftigt, verblödet nicht“, ist er überzeugt. Das gilt gerade dann, wenn man viele Stunden am Tag in einer Zelle verbringen muss.

Daher habe er spontan Ja gesagt, als er von dem Konzertangebot gehört hat: „Sicher, es hätte auch schiefgehen können.“ Kein Zuspruch von den Häftlingen oder – noch schlimmer – gellende Pfiffe oder Gebrüll. Doch das ist ausgeblieben, ganz im Gegenteil: „Ich fand es überraschend, wie intensiv die Häftlinge zugehört haben – eine rundum gelungene Sache.“