27.11.2014

Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung will das Schloss Henneckenrode aufgeben

Abschied vom klassischen Heim

Überraschende Neuigkeiten gibt es von der Kinder- und Jugendhilfe Henneckenrode. Die Einrichtung will das bisher genutzte Schloss Henneckenrode verlassen. Die bewährten Angebote sollen an anderen Standorten fortgesetzt werden.

Idyllisch gelegen ist das Schloss Henneckenrode mit dem gerade erst wieder hergestellten Teich, das in über 175 Jahren für viele Mädchen und Jungen ein Zuhause geworden ist. Foto: Deppe

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene finden in Henneckenrode seit vielen Jahren Unterstützung auf dem Weg in ein eigenständiges Leben. Aus dem Waisenhaus, das vor über 175 Jahren im Schloss eröffnet worden ist, wurde im Laufe der Jahre eine moderne Jugendhilfeeinrichtung. 

In unterschiedlichen Wohn- und Betreuungsformen können Kinder und Jugendliche hier neue Lebensperspektiven entwickeln. Die Einrichtung verfügt über eine gemeinschaftliche Wohngruppe für Jungen und Mächen, eine spezielle Wohngruppe für Mädchen und eine stationäre Mutter-Kind-Gruppe. Eine Tagesgruppe sowie ambulante Erziehungsberatung ergänzen das Angebot. Bislang sind diese Wohngruppen gemeinsam im Schloss Henneckenrode untergebracht. 

Umbau würde knapp drei Millionen Euro kosten

Doch damit ist bald Schluss. „Die Kinder- und Jugendhilfe wird ausziehen“, erklärt Stefan Witte. Er ist Geschäftsführer der Stiftung Katholische Kinder- und Jugendhilfe im Bistum Hildesheim, die Träger der Einrichtung in Henneckenrode ist. Hintergrund sind die baulichen Gegebenheiten. Eigentlich sollte die Einrichtung modernisiert werden, doch die Kosten dafür sind dem Träger zu hoch, wie Witte erläutert: „Allein die erforderlichen Brandschutzmaßnahmen würden etwa 2,2 Millionen Euro kosten“. Alles in allem müssten knapp drei Millionen investiert werden. „Das ist wirtschaftlich und aus konzeptioneller Sicht der Jugendhilfe nicht sinnvoll“, sagt Witte.

Darum ist mit dem Auszug aus dem Schloss auch eine konzeptionelle Veränderung verbunden: „Wir wollen die moderne Jugendhilfe umsetzen und lebensnahe Welten schaffen“, so Witte. Das bedeutet, weg von einer zent­ralen Einrichtung hin zu dezentralen Wohngruppen, die stärker mit der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen verbunden sind. „Es ist ein Abschied vom klassischen Heim“, erklärt der Geschäftsführer.

Er ist daher jetzt auf der Suche nach Räumen, die für die jeweiligen Gruppen geeignet sind. „Für die Mutter-Kind-Gruppe wären kleine Wohnungen, die zusammen liegen, ideal“, so Witte. 

Für die Mitarbeiter der Einrichtung wird sich zwar der Ort, aber nicht die Arbeit in der jeweiligen Gruppe verändern. Einzig das Leitungsteam hat künftig weitere Wege zwischen den einzelnen Einrichtungsteilen.

Genauere Planungen stehen noch aus

Die erlebnispädagogischen Bereiche und die Turnhalle in Henneckenrode aber sollen weiterhin genutzt werden. Witte kann sich auch vorstellen, dass eine Gruppe in einem anderen Gebäude auf dem Gelände in Henneckenrode bleibt. Genauere Planungen dazu gibt es nach der jetzt getroffenen Grundsatzentscheidung noch nicht. Noch gibt es auch keine Überlegungen, wie das Schloss, das im Besitz der Blum‘schen Waisenhausstiftung ist, anders genutzt werden kann.

Thomas Pohlmann

 

 

Das 1579 von Heinrich von Saldern erbaute Schloss und das dazugehörige Gut Henneckenrode gingen 1820 an den Landrentmeister Friedrich Blum über –  als Ersatz für Geld, das er dem damaligen Eigentümer, dem Grafen von Bocholtz, geliehen hatte. In seinem Testament verfügte Blum: „Zu meinem Erben setze ich hiermit ein zu errichtendes, lediglich für Kinder des katholischen Glaubens bestimmtes Waisenhaus ein; diese sollen im Fürstbistum Hildesheim oder in Teilen des Eichsfeldes geboren sein, welcher jetzt zu Hannover gehört.“ Blum starb am 17. Februar 1832. Nach Umbau konnte das Waisenhaus 1838 eröffnet werden.  Von 1856 bis 1946 kümmerten sich Vinzentinerinnen um Waisenkinder, von 1946 an für 61 Jahre Ordensfrauen der Armen Schwestern vom hl. Franziskus. Der Grundbesitz der „Blum‘schen Waisenhausstiftung“ wird vom Bischöflichen Generalvikariat verwaltet und verpachtet. Die Stiftung umfasst heute Güter, Forstbesitz, Mietwohnungen und fest angelegte Gelder.

Kommentare

Die Gebäude wurden bereits - auch mit EU-Mitteln - saniert und ich denke, dass hier ein lukratives Geschäft nicht von der Hand zu weisen sein wird. Ein saniertes Haus bringt mit Sicherheit einen höheren Verkaufserlös als ein marodes... Und die jetzt noch notwendigen 3 Millionen Euro sind allein dem inneren Ausbau der Räumlichkeiten geschuldet. Ich denke auch hier wäre durchaus Kapital vorhanden...! Von der Problematik der testamentarischen und stiftungsrechtlichen Festlegung als Kinderheim mal ganz abgesehen... Aber die Art und Weise den Mitarbeitern und Amtsträgern in Holle gegenüber erscheint doch recht mafiös. Da werden Maulkörbe verteilt und gar mit Kündigungen gedroht... und das alles nennt sich dann "christlich"! Aber was soll man schon davon noch halten?

Ich bin tief betroffen von dieser Nachricht. Man fragt sich doch langsam, was ist mit der Kirche los? Wieso kann ein Herr Witte solch eine Entscheidung treffen? Ich habe fast 30 Jahre in diesem Dorf gelebt und bin mit den Heimbewohnern aufgewachsen. Ich kenne heute noch einige von Ihnen. Viele von Ihnen haben eigene Familien und einen Beruf. Sie haben sich dort geborgen gefühlt , nachdem sie aus zerrütteten Familien gekommen sind. Warum ist das alles heute nicht mehr wichtig und richtig? Allein die Entscheidung vor ein paar Jahren, die Schwestern zu entlassen, die sich jahrzehntelang liebevoll rund um die Uhr, sieben Tage die Woche um ihre Schützlinge gekümmert haben, war ein großer Fehler. Ist das die neue Kirchenpolitik? Mit diesen Schlagzeilen macht sie sich mal wieder nicht wirklich beliebt. Ich bin katholisch erzogen worden und habe 2 Kinder, die dies auch werden. Apropos katholische Kirche? Wo ist denn die Stellungnahme des Generalvikariats oder sogar des Bischofs dazu? Was ist mit der Fortführung des Stiftungsgedankens? Ist es überhaupt rechtens im Sinne der Blumschen Waisenhausstiftung, so zu handeln? Dieses Kinderheim hat schwere Jahre überstanden, u.a. zwei Weltkriege usw. Da war es sicherlich finanziell viel schwieriger. Jetzt im Jahr 2014 wird entschieden, dass Schluss ist. Ohne Worte.