27.04.2017

Anstand für Gott und den Heiland

Zum Reformationsgedenken: Helmstedt 1625 – in der Stadt wütet die Pest, in Norddeutschland der Dreißigjährige Krieg, im dem sich eine „katholische Liga“ und eine „protestantische Union“ gegenüberstehen. Einer aber will in dieser Zeit die Konfessionen versöhnen: der Theologe Georg Calixt.

Theologe und Friedensstifter: Georg Calixt (1586–1656) | Foto: Herzog August Bibliothek

Anfang des 17. Jahrhunderts hat Helmstedt Geltung in der protestantischen Welt. 1576 von Herzog Julius, Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel, gegründet, gilt die  Academia Julia Carolina als erste orthodox-lutherische Universität in der Nordhälfte Deutschlands. Schnell wächst sie auf über 500 Studierende an –  drittgrößte Uni im deutschen Sprachraum.  Mit ihrer die Akademie prägenden theologischen Fakultät nimmt Helmstedt auch den dritten Rang in der Bedeutung für die Ausprägung des Protestantismus ein – gleich nach Wittenberg und Leipzig.

Hier wirkt Georg Calixt – fast ununterbrochen sagenhafte 53 Jahre lang. Erst als Student, dann als akademischer Lehrer. Hier sieht er seine bedeutende protestantische Universität – und das letzte Überbleibsel katholischen Lebens im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel – das Benediktinerkloster St. Ludgeri. Die Gründung und der Aufschwung Helmstedts waren mit dem Kloster über 700 Jahre verbunden.  Im Zuge der Reformation zerstörten Helmstedter Bürger jedoch 1553 Kloster und Kirche. Drei Jahre später wird das Gotteshaus wieder errichtet – und die Ordensmänner werden zumindest geduldet.

1603 kommt Georg Calixt nach Helmstedt. Er ist gerade 17 Jahre alt, gebürtig in Medelby bei Schleswig, Sohn des Pas­tors Johannes Callisen (genannt Calixt) und seiner Frau Catharina, der Tochter des Flensburger Bürgermeisters Claus Richert. Gut situiert. Calixt studiert zunächst Philosophie und Philologie, 1607 wechselt er zur Theologie.

1609 verlässt Calixt Helmstedt. Vier Jahre ist er auf Reisen – bis nach Frankreich und England. Wieder zurück, disputiert er 1614 mit dem Jesuiten Augustin Turrianus auf Schloss Hämelschenburg im Weserbergland: Scharfzüngig tadelt er das „thumbe Pabstthum“, um die Konversion des evangelischen Adeligen Ludolf von Klencke zu verhindern.  Calixt obsiegt in der Disputation – und wird in der Folge von Herzog Friedrich Ulrich auf den Helmstedter Lehrstuhl für Kontroverstheologie berufen. Diesen Lehrstuhl hat er bis zu seinem Tode inne.

Von Besinnen auf die Wurzeln des Glaubens

Gelehrt, stramm lutherisch, mit Hang zu Polemik – dieser Ruf eilte Calixt voraus.  Und doch wandelte er sich in wenigen Jahren zum „Ireniker“, zum Friedensstifter. Etwa ab 1590 tauchte der Begriff der „Irenik“ (abgeleitet vom griechischen Wort für Frieden) in theologischen Schriften auf. Das Anliegen: das Besinnen auf die gemeinsamen Wurzeln  des christlichen Glaubens, um von dort aus friedlich über die Unterschiede zu disputieren. Ohne Polemik, ohne Hass, ohne Armeen, die auf dem Felde dafür töten, welches Gottesbild das rechte ist.
Denn neben Macht und Reichtümern wird um die Konfession in Mitteleuropa 30 Jahre Krieg geführt, abgeschlachtet und gebrandschatzt. Die Einschläge kommen auch in Helmstedt immer näher. 1625 wütet die Pest in der Stadt und die katholische Liga unter dem obersten Heerführer Graf von Tilly fällt im Braunschweiger Land ein.

Wer kann, flüchtet aus der Stadt. Calixt bleibt mit einigen wenigen Studenten. Er legt ein Bekenntnis ab: Er spricht und schreibt von „Billigkeit und Mäßigung“, von „Anstand für Gott und seinen Sohn, den Heiland der Welt“, von „Beseitigung des Misstrauens, das die Völker erfüllt und zum Kriege geführt hat.“

Ein Professor mit eigener Druckerei

Diese Gedanken weitet Calixt aus – auch durch den Erwerb einer Druckerei samt herzoglicher Lizenz. Es sind vor allem zwei Ansatzpunkte, mit denen Calixt die zerstrittenen Konfessionen wieder vereinigen oder zumindest zu Eintracht und Geschwisterlichkeit führen möchte. Zum einen der „consensus antiquitanis“, das Rückbesinnen auf die  – in den Worten von Calixt – „heilsnotwendige Lehre der Kirche der ersten fünf Jahrhunderte“. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Kirche in einem fundamentalen Glauben geeint. Alles, was Katholiken und Protestanten trennt – die Rolle des Papstes, Ablass und Fegefeuer –, sei der Kirche in den ersten fünf Jahrhunderten fremd gewesen. Auch die protestantischen Bekenntnisschriften entfalten nach Ansicht von Calixt nichts anderes, als was durch altkirchliche Konzile und Schriften nicht bereits grundgelegt sei.

Zum anderen entdeckt Calixt die kirchliche Tradition als zweites Erkenntnisprinzip neu. Zwar gehe die Bibel, die Heilige Schrift, auf göttliche Urheberschaft zurück. Sie ist Gottes ewiges, unwandelbares Wort. Aber auch die Tradition, das Zeugnis der Apostel und der ganzen Kirche, überliefert „heilsnotwendige Glaubenslehre.“. Zwar sei die Tradition menschlich und somit fehlbar – doch ist auch sie ein Zeugnis des Glaubens. Insofern gibt es für Calixt nicht die eine Glaubenswahrheit, sondern eine Hierarchie – bestehend aus „notwendigen“, aus Bibel und früher Kirche stammenden und „nicht-notwendigen“ Glaubenswahrheiten, die aus der Tradition und dem Zeugnis der Christen stammen. Diese Formel, diese Aufhebung des Widerspruchs von Schriftprinzip und Tradition, wird nach Calixt erst vom Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils wieder betont.

Von evangelischer und katholischer Seite angefeindet

Doch gerade für diesen „Sinn der rechten, alten Glaubensartikeln“ wurde Calixt immer und immer wieder angegriffen – von protestantischer wie katholischer Seite. Und doch nutzt er jede noch so aussichtslose Gelegenheit, um seine Sicht zu disputieren und so Frieden zu stiften. So lässt er sich von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1645 zum Thorner Religionsgespräch entsenden – ein Versuch des polnischen Königs Wladislaus IV. die komplizierten konfessionellen Verhältnisse in seinem Lande zu klären und die kirchliche Einheit wiederherzustellen. Doch Calixt wird von allen Beratungen ausgeschlossen.

Den Westfälischen Frieden von 1648 kann Calixt noch miterleben, 1656 stirbt er. Calixt gilt unbestritten als Wegbereiter der Ökumene in einer Zeit des Hasses der Konfessionen, des Krieges und der Not.  Er wusste sich – nach einem seiner letzten Worte – „unter dem Haupt Christo“ mit all denjenigen verbunden, die „so Gott, den Vater, Sohn und heiligen Geist auffrichtig vnd ohne heucheley ehren oder anbeten vnd lieben“. Heute heißt das in der Sprache der ökumenischen Christenheit: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit.“

Rüdiger Wala